Aktienbewertungen: Mehr als ein Blick in den Rückspiegel?

Leser fragen, unsere Analysten antworten. Heute: Was hinter dem vermeintlich bekannten Kürzel "KGV" alles stehen kann.

Adam Zoll 04.02.2013

Uns erreichen immer wieder Leserfragen zu Kennzahlen, deren Verständnis von entscheidender Bedeutung ist. Heute gehen wir einer der gebräuchlichsten Aktien-Kennziffern auf den Grund, dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV).

Frage: Was sagt das Kurs-Gewinn-Verhältnis aus, und gibt es verschiedene Möglichkeiten, es zu berechnen? Welche Methode nutzt Morningstar?

Antwort:

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist ein beliebter Parameter, um eine Aktie zu bewerten. Ein niedriges KGV wird oft als Zeichen angesehen, dass der Markt die zukünftigen Gewinne eines Wertes mit einem Abschlag handelt, während ein hohes KGV darauf hindeutet, dass die zukünftige Ertragsentwicklung mit einem Aufschlag gehandelt wird. So gesehen könnte eine Aktie mit einem KGV von 8 für viel billiger gehalten werden – also eine besser Kaufgelegenheit darstellen – als eine Aktie mit einem KGV von 25.

Die KGV-Betrachtung ist besonders nützlich, um Aktien in der gleichen Branche zu vergleichen. Schnell wachsende Technologie-Unternehmen haben beispielsweise oft höhere KGVs als Versorgungsunternehmen, die in der Regel über geringere Wachstumsaussichten verfügen und daher zumeist niedrigere KGVs aufweisen. Wenn das KGV einer Aktie viel niedriger ist als das eines Wettbewerbers, legt dies nahe, dass der Markt die Entwicklungsperspektiven des Unternehmens weniger zuversichtlich beurteilt. Jedoch ist das KGV nicht für alle Branchen eine gute Kennzahl, um zu entscheiden, ob eine Aktie fair bewertet ist. Bei REITs (Real-Estate-Investment-Trusts, also Immobilienaktiengesellschaften) sind die reinen Ertragskennzahlen weniger wichtig als die Bewertung auf Basis des operativen Ergebnisses (Funds from Operations), das Abschreibungen ausschließt.

Berechnung des KGV

Die grundlegende KGV-Formel ist einfach: Nehmen Sie den aktuellen Kurs der Aktie und teilen Sie diesen durch das Ergebnis je Aktie über einen bestimmten Zeitraum (in der Regel 12 Monate), und schon haben Sie das KGV. Eine Aktie, die zu EUR 10,00 je Aktie gehandelt wird und einen Gewinn je Aktie von EUR 2,00 aufweist, hat ein KGV von 5. Das Komplizierte daran ist die Bestimmung, welcher Ergebnisanteil der Berechnung zugrunde gelegt wird, und insbesondere, ob das Ergebnis je Aktie vergangenheitsbezogen oder zukünftig ist.

Unsere Morningstar-Aktienanalysen bilden beide Varianten ab, sowohl das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis, basierend auf den gleitenden 12-Monats-Ergebnissen, als auch eine zukunftsorientierte KGV-Berechnung auf Basis von Konsensschätzungen der Analysten für das durchschnittliche Ergebnis je Aktie eines Unternehmens in den kommenden 12 Monaten.

Die Nutzer unserer kostenfreien deutschsprachigen Websites finden das Vergangenheits-KGV, wenn einen Aktiennamen, oder die ISIN/WKN im Suchfenster oben in der Mitte der Website eingeben.

Welche der beiden KGV-Methoden ist die bessere? Nun, beide haben ihre Vor- und Nachteile, auf die wir in Kürze eingehen möchten.

Das vergangenheitsbezogene KGV

Pro: Verwendet tatsächliche Ergebnisse des zurückliegenden 12-Monats-Zeitraums im Gegensatz zu potenziell ungenauen Analystenschätzungen.
Kontra: Faktoren, die sich auf zukünftige Erträge auswirken können, wie eine neue Produkteinführung oder Veränderungen in der Branche, werden nicht antizipiert.

Das zukunftsbezogene KGV

Pro: Das zukunftsbezogene KGV könnte ein nützlicheres Bild der zukünftigen Ertragsentwicklung liefern, das von größerer Relevanz für Investoren ist, die erwägen, eine Aktie zu kaufen, zu verkaufen oder zu halten
Kontra: Die Prognose kann aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse oder menschlicher Fehleinschätzung ungenau sein.

Das KGV von Aktien- und Mischfonds

Für Aktien- und Mischfonds bietet Morningstar ein gewichtetes durchschnittliches KGV für die Summe aller Aktien eines Fonds und nutzt dazu eine proprietäre Version des metrischen Systems, das Aktien-Style Box Faktor KGV genannt wird. Sobald ein Aktien-Style Box Faktor KGV für jede Aktie des Fondsportfolios berechnet ist, wird dieser zusammen mit neun anderen Style-Faktoren verwendet, um festzustellen, wo der Fonds in die Morningstar Style Box einzuordnen ist. (Für weitere Informationen zur Morningstar Style Box Methodik klicken Sie hier)

So könnte beispielsweise ein hohes KGV eines Fonds auf eine wachstumsorientierte Anlagestrategie hindeuten, während ein niedrigeres KGV einen wertorientierten Ansatz des Fonds suggeriert. Indem die Statistik gewichtet wird, gehen die KGVs der Top-Positionen des Fonds stärker in die Bewertung ein als die KGVs der kleineren Beteiligungen. Informationen zu den KGVs auf Fonds-Ebene finden Sie auf unserer Website. Wenn Sie einen bestimmten Fonds gefunden haben, finden Sie unter dem Reiter Portfolio im Style-Abschnitt Details. Dort finden Sie auch KGV-Daten für die Benchmark und Kategorie-Durchschnitte zum Vergleich.

Ein wichtiges Hilfsmittel für die Value-Strategie

Das KGV wird oft von Value-Investoren verwendet, um Aktien zu finden, die für weniger gehandelt werden, als sie wert sind. Indem sie nach Kurs-Gewinn-Verhältnissen und anderen Bewertungsmaßstäben analysieren, können Value-Investoren und Value-Fonds-Manager eine Liste von Unternehmen erhalten, die auf ihre Strategie ausgerichtet sind: Kauf von unterbewerteten Aktien und halten, bis ihr Kurs steigt.

Shiller-KGV

Investoren versuchen im Allgemeinen zu bestimmen, wohin sich der Markt entwickelt. Ebenso nutzen sie das KGV, um zu beurteilen, ob Aktien allgemein über- oder unterbewertet sind. Zu den am häufigsten verwendeten Werkzeugen zählt das Shiller-KGV, das von Robert Shiller, Professor an der Yale University, formuliert wurde. Es nutzt das durchschnittliche inflationsbereinigte Ergebnis der letzten 10-Jahres-Periode, um ein KGV für den S&P 500, der als weit verbreiteter Index stellvertretend für den US-Aktienmarkt steht, zu bestimmen.

Durch die Verwendung von 10-Jahres-Werten bei der Gewinnentwicklung in der Berechnung reduziert das Shiller-KGV die Auswirkungen von zeitweiligen Schwankungen im Ergebnis (des Nenners in der KGV-Formel) und konzentriert seine Aufmerksamkeit mehr darauf, wie der aktuelle Kurs (Zähler) verglichen mit langfristigen Gewinntrends ist. Das Shiller-KGV liegt für den US-Markt derzeit bei rund 22, was relativ hoch im Vergleich mit historischen Werten ist.

Obwohl das KGV ein nützliches Werkzeug bei der Bewertung der Preise von Aktien, Fonds und dem Markt im Allgemeinen sein kann, ergibt die Kennzahl kein umfassendes Bild. Andere Faktoren, die außerhalb der KGV-Betrachtung liegen, müssen ebenfalls berücksichtigt werden. So sollte man bei der Beurteilung einer Aktie auf die Unternehmensführung und die Aussichten für das Unternehmen, seine Branche und die Wirtschaft allgemein achten. Ebenso sind der Ansatz eines Fondsmanagers, seine Erfahrung und seine Erfolgsbilanz wichtige Kriterien, um Fonds zu beurteilen.

Was das KGV bietet, ist eine Indikation, wohin der Kurs einer einzelnen Aktie, die Aktien eines Fonds oder der gesamte Markt basierend auf einer Reihe von Annahmen tendieren könnten. Das kann durchaus hilfreich sein, ist aber bei weitem keine Garantie für eine bestimmte Rendite in der Zukunft.

Über den Autor

Adam Zoll  Adam Zoll is an assistant site editor with Morningstar.com