Überbordender Optimismus als einziges Warnsignal

Eine Zusammenfassung der Meinungen und Analysen der Investmenthäuser zum Jahreswechsel. Die Profis sehen für Risiko-Investments fast nur grüne Ampeln.

Ali Masarwah 07.01.2014

Auch wenn es schon fast beängstigend erscheint: Die Auguren erwarten auch für dieses Jahr eine Fortsetzung des Aufwärtstrends an den Aktienmärkten. Sie haben vermutlich auch die zahlreichen Konsensschätzungen in den Medien zum Jahreswechsel zur Kenntnis genommen: Die überwiegende Mehrzahl der Analysten geht von weiter steigenden Kursen aus. Worauf fußt ihr Optimismus?

Das Wirtschaftswachstum in den USA nimmt an Fahrt auf

Fundamental gesehen ist es in der Tat schwierig, heute gravierende Probleme bei den Wirtschaftsdaten auszumachen. Die US-Wirtschaft hat ihr Tief eindrucksvoll überwunden (die Angaben zum US-BIP im dritten Quartal wurden nochmals nach oben korrigiert und liegen nun bei 4,1%), die Eurozone entsteigt langsam aus dem Konjunkturtal und die Zentralbanken werden – forward guidance sei Dank – auf Sicht weiterhin eine sehr expansive Linie fahren. Von Inflationsgefahren ist sogar im deutschsprachigen Raum kaum noch die Rede. Eher nimmt man die Stimmen wahr, die vor Schrumpfungstendenzen in der Europäischen Union warnen. Beispielsweise wurde die in Südeuropa stark rückläufige Kreditvergabe der Banken an Unternehmen in den Medien nicht nur als Fußnoten notiert. 

Ein Überblick über die veröffentlichten Meinungen der Fondshäuser und Brokerinstitute – es ist müßig, sie einzeln zu nennen – zeigt, dass die Strategen durchaus zur Kenntnis genommen haben, dass Aktien im historischen Kontext gesehen nicht billig sind ("Überwiegend fair bewertet", ist hier das Stichwort). Aber im selben Atemzug wird auf einen guten Grund verwiesen, warum dies nicht bedenklich stimmen braucht: Im Vergleich zu Bonds sind Aktien unverändert sehr günstig.

 

Sparerschreck Minizinsen: Abschied von den Sparstrümpfen?

guthaben Angesichts der negativen Kurzfrist-Realzinsen dürften mit fortschreitender Zeit immer mehr Privatanleger realisieren, dass es keinen Sinn ergibt, beim Langfristigsparen nur auf Minizinsen zu setzen – egal, wie niedrig die Inflation sein mag. 

Was wird für die Aktienseite erwartet? Blickt man auf die Einschätzungen der Investmenthäuser, dürften im globalen Durchschnitt ein Gewinnwachstum der Unternehmen in diesem Jahr von rund elf Prozent zu erwarten sein. Das liegt vor allem am nachlassenden Wachstum in den USA, wo die Unternehmensgewinne nach wie vor auf Rekordmarken verharren. Am stärksten dürften entsprechend die Gewinne der Unternehmen in Europa und Japan zulegen. 

Spiegelbildlich werden den Aktienmärkten Japans und Europas regional gesehen das größte Potenzial zugebilligt. Nach wie vor sind institutionelle Investoren in globalem Maßstab in beiden Märkten untergewichtet. Während Europa-Aktien von der Einschätzung profitieren, dass hier am ehesten günstigste Bewertungen locken, spricht für japanische Aktien die Aussicht, dass der geschwächte Yen den Exportwerten helfen wird – die neue Japan-Story gründet also nicht nur auf der geldpolitischen Lockerung der Bank of Japan, sondern von der Erwartung, dass japanische Aktien überproportional vom anziehenden globalen Wachstum profitieren werden.

Zurückhaltung bei Emerging Markets-Investments

Deutlich zurückhaltender ist dagegen die Einschätzung des Potenzials von Schwellenländer-Aktien. Nicht nur das Wachstum der ehemaligen Hoffnungsträger der Investoren könnte erneut enttäuschen. Auch könnte das fortlaufende Zurückfahren des US-Anleihenkaufprogramms die Währungen und entsprechend auch die Anleihen in den Emerging Markets unter Druck setzen. Die politischen Turbulenzen in der Türkei und der Konflikt in Syrien zeigen zudem, dass endogene Krisen die Kapitalmärkte der aufstrebenden Länder unter Druck setzen können.

Doch das sind nicht mehr als lokale Störfeuer. Befragt man die Investmenthäuser nach ihren größten Befürchtungen – wir sprechen also über die sprichtwörtlichen schwarzen Schwäne – dann wird eine „harte Landung“ der chinesischen Wirtschaft und ein Einbruch an den Rohstoffmärkten genannt. Die Schuldenkrise der EU und vor allem ein Wiederaufflammen der Bankenkrise sowie geopolitische Konflikte werden zwar ebenfalls von Fondsmanagern genannt, allerdings muten diese Hinweise eher wie obligatorische Warnungen an, die nicht viel mehr sind als Feigenblätter für allzu optimistische Einschätzungen.

Entsprechend sind die Erwartungen der Profis für zyklische Sektoren am größten, während die Zurückhaltung am spürbarsten bei defensiven Sektoren wie Telekoms, Versorger bzw. Energie am stärksten ist. Letztere Branche ist übrigens auf globalem Maßstab fast so stark in den Portfolios untergewichtet wie es Rohstoffe sind. Dahinter steht vor allem die zunehmende Untergewichtung von Gold.

Bleibt nur noch, den Optimismus der Anleger zu fürchten

Auch wenn das Momentum bei Nebenwerten zuletzt etwas abgenommen hat, dürften kleinere Werte nach Einschätzung vieler Experten immer noch besser laufen als Mega-Caps, also den Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung, bei denen die Experten eher Value-Fallen sehen als (relativ) günstige Bewertungen.

Angesichts dieser extrem positiven Sicht des Marktgeschehens durch die Brille der Fondsanbieter könnte man den Einwand der ewigen Kassandras - in Abwandlung eines Spruchs des ehemaligen US-Präsidenten Franklin Roosevelt – geltend machen: Wir haben nichts zu befürchten außer den überbordenden Enthusiasmus der unverbesserlichen Optimisten. Angesichts der bisherigen Zurückhaltung vieler Privatanleger sind die allerdings auch heute nicht in der Mehrzahl.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich