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Wie ernst ist die Lage von PIMCO wirklich?

Unser Autor John Rekenthaler beschäftigt sich mit der PIMCO-Krise. Er erklärt, warum er dem US-Bond-Haus sein Geld anvertraut - und dort auf keinen Fall arbeiten würde. 

John Rekenthaler 07.03.2014

Die PIMCO-Recherche des Wall Street Journal (WSJ) Ende Februar schlug ein wie eine Bombe. Der Artikel war eine Meisterleistung in Sachen Finanzjournalismus. Er lieferte die Insider-Story über skandalöse Zustände in einer großen, weithin bekannten Organisation. Als der ehemalige PIMCO-CEO Mohamed El-Erian im Januar das Handtuch warf, tauchten erstmals Gerüchte über ein Konkurrenzverhältnis zwischen ihm und dem 14 Jahre älteren PIMCO-Gründer Bill Gross auf. Die WSJ-Story lieferte auf überzeugende Art die Hintergründe dieses Zerwürfnisses.

In der Tat: Der Job bei PIMCO ist hart. Die Verhältnisse in der Firmenzentrale in Newport Beach in Kalifornien sind vermutlich weit weniger sonnig, als es die malerische Landschaft dort vermuten lassen könnte. Wie aus dem Bericht des WSJ hervorgeht, ist das Betriebsklima angespannt, interne Rivalitäten sind Teil der Unternehmenskultur. Für die Investmentprofis erstreckt sich demnach ein Arbeitstag von 4.30 morgens bis mindestens 17 Uhr; Erreichbarkeit am Wochenende werde ebenfalls erwartet.

Schau mir nicht in die Augen

Bill Gross ist dabei offenbar ein wenig duldsamer Chef, der laut dem Bericht bereits verärgert reagieren kann, wenn ihn Mitarbeiter ansprechen oder auch nur im Vorbeigehen ins Gesicht schauen. Rivalitäten gibt es auf allen Hierarchiestufen, auf der obersten Ebene ist das Hauen und Stechen um die Gunst des 69-jährigen Gross, der keinen Nachfolger ernannt hat, allerdings am stärksten ausgeprägt. Kurzum: Bei PIMCO zu arbeiten, macht, gelinde gesagt, keinen Spass.

Die nachfolgende Berichterstattung drehte die Krisen-Spirale weiter. „Verfällt Starinvestor Bill Gross dem Grössenwahn?“, kleidete die Schweizer Handelszeitung eine Feststellung in eine Frage. „Es ist Zeit für Gross zu gehen“, hieß es in einem Kommentar der Nachrichtenagentur Reuters. Seine Zeit sei abgelaufen. Institutionellen Investoren, so der Kommentar, seien Corporate-Governance-Faktoren, also Prinzipien einer guten Unternehmensführung, auch bei ihrem Asset-Manager immer wichtiger. An dieser Stelle lege ich Widerspruch ein.

Wie groß ist der Neuigkeitswert der WSJ-Enthüllungen wirklich?

Zum einen glaube ich nicht, dass Enthüllungen wie die des WSJ für institutionelle Investoren, die PIMCO-Fonds kaufen, überraschend kommen. Die Investmentwelt ist klein und PIMCO ist ziemlich groß, sodass der Kern der Geschichte weithin gewesen bekannt sein dürfte, bevor das WSJ mit seiner Geschichte an den Markt kam. Und dass das Arbeitsumfeld wenig kollegial ist, war unseren Fondsanalysten bekannt, die die PIMCO-Produkte bewerten. Dass El-Erian im Unfrieden ausgeschieden ist, hatten wir zwar nicht gewusst aber doch vermutet.

PIMCO wird auch heute insofern wie ein Kleinunternehmen geführt, als der Chef “sein“ Unternehmen klar dominiert. Das ist auch für Aussenstehende erkennbar – man führe sich nur Bill Gross´ regelmäßigen launischen Markt-Kommentare vor Augen. Das sind händisch verfasste, Blogg-ähnliche Einwürfe, deren Stil nicht auf den Chef eines Multi-Milliarden-Dollar-Konzerns schließen lässt.

Zum zweiten stimme ich dem Reuters-Kommentar zwar prinzipiell zu, dass Governance-Faktoren für Investoren wichtig sind. Aber am Ende des Tages ist ihnen das Performance-Hemd näher als der Governance-Rock. Stimmen die Zahlen, dann spricht zunächst alles für den Manager – Corporate Governance hin oder her.

Wie relevant sind die WSJ-Enthüllungen für die Fonds-Performance?

Das bringt mich zu folgender Überlegung. Es ist kein Zufall, dass heute der “PIMCO-Skandal” ans “Tageslicht” kommt und nicht vor einem Jahr, als noch alles für Bill Gross lief. Vor einem Jahr war die die Investorenstimmung gut, was abzulesen war an den hohen Mittelzuflüssen und der Performance der Produkte. Im Zweifel hätten WSJ-ähnliche Enthüllungen damals folgende Reaktion von Beobachtern hervorgerufen: Gross ist ein harter Hund, ja, aber bei PIMCO arbeiten nun einmal nur gestandene, Stress-resistente Profis. Wer möchte schließlich einem Manager sein Geld anvertrauen, der keinen Druck aushält?

Sie merken, worauf ich hinauswill. Heute dominieren die Unkenrufe, weil die Performance der PIMCO-Fonds mies ist. PIMCO steht unter verschärfter Beobachtung - von Investoren und Journalisten gleichermaßen, und da passt so eine Story in die Dramaturgie der Ereignisse. Ich stelle die These auf, dass es heute im Kern nicht um Governance-Fragen geht und auch nicht darum, dass die Management-Struktur bei PIMCO umgebaut werden sollte, sondern um die Frage, ob bzw, wann es dem Haus gelingen wird, das Performance-Ruder bei seinen Flaggschifffonds herumzureissen. Dann wird auch die PIMCO-Story einen neuen, positiven Dreh bekommen.

Ja, ich stimme zu, dass PIMCO einen Rückschlag erlitten hat – aber es handelt sich eher um einen PR-Gau als um eine existenzielle Krise. Je schneller sich die Fonds erholen, desto kürzer wird sie von Dauer sein. Ich für meinen Teil bin nicht nur Beobachter der Fondsindustrie, sondern auch Investor in drei PIMCO-Fonds, die Bestandteile meines 401(k)-Plans bei Morningstar sind.*

Der Investmentansatz von Bill Gross hat 25 Jahre funktioniert, und ich sehe keine Gründe oder Anzeichen dafür, dass sich das grundsätzlich ändern wird. Ich halte es für wahrscheinlich, dass das PIMCO-Schiff wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt und Normalität einkehrt. Ich hege zwar keinerlei Ambitionen, bei PIMCO zu arbeiten, aber werde ich PIMCO als Investor die Stange halten? Ja, absolut!

* 401(k)-Pläne sind arbeitgeber-gesponserte und steuerlich geförderte Altersvorsorge-Pläne in den USA, Anm. des Übersetzers.

Über den Autor

John Rekenthaler  is vice president of research for Morningstar.