Chance europäische Nebenwerte

Zieht Europa weiter das Geld globaler Investoren an, dürften auch künftig Nebenwerte  profitieren. Zahlreiche ETF-Produkte am Markt. Der wöchentliche Morningstar Bericht über Märkte, ETFs und ihre Kosten.

Ali Masarwah 11.04.2014

Europa zieht Investoren an wie das Licht die Mücken. Waren europäische Aktien über Jahre verbrannte Erde für Investoren – vor allem für US-Anleger –, so haben sich inzwischen - parallel zur verbesserten Leistung der Wirtschaft - auch die Aktienmärkte deutlich erholt. Rückenwind erhalten die Kurse derzeit von der Konjunkturfront. Im ersten Quartal dürfte die Wirtschaftsleistung der Eurozone gegenüber dem Vorquartal nach Analystenschätzungen um 0,5% gegenüber dem Vorquartal gewachsen sein. Per Ende 2013 hatte das BIP in der Eurozone gegenüber dem Vorquartal noch um 0,3% zugelegt. 

Besonders optimistisch ist derzeit die Europäische Kommission, die ein Wachstum von 1,2 bis 1,8% für dieses Jahr taxiert. Auch jenseits der Eurozone erholt sich die Wirtschaft – Großbritannien ist längst dem Tal der Tränen entstiegen und wächst deutlich stärker als die kontinentaleuropäischen Länder. Die Schweiz wiederum steht zwar vor dem Scherbenhaufen des Referendums über die Begrenzung der Einwanderung, hat aber derzeit nicht nur mit Firmen wie Nestlé, Roche oder Novartis globale Player. Auch kleinere Schweizer Unternehmen sind weltweit erfolgreich, Stichworte hier: Schindlers Lifte, Schokolade von Lindt oder Uhren von Swatch. Die Erholungstendenzen in der europäischen Peripherie dürfte ebenfalls für viele Exportunternehmen eine gute Nachricht sein. 

Nach und nach dringen Anleger zu Nebenwerten durch 

Dass die europäischen Aktienmärkte stark zugelegt haben seit 2012 dürfte auch auf die kräftigen Investitionen von Fondsinvestoren zurückgehen. Der wohl deutlichste Indikator für die verbesserte Stimmung an den Märkten sind die hohen Zuflüsse in Publikumsfonds. Wie die Morningstar Absatzdaten für Fonds zeigen, sind europäische Aktienfonds – sowohl für Standardwerte als auch für Nebenwerte – seit Mitte 2013 stark nachgefragt (lesen Sie hier mehr).

Je stabiler der Mittelflusstrend ist, desto stärker dürften auch die mittelgroßen und kleinen Unternehmen profitieren. Nebenwerte sind traditionell gegenüber Standardwerte in den Anlegerportfolios untergewichtet. Die meisten Investoren konzentrieren sich auf Indizes wie den MSCI Europa oder Euro Stoxx 50, in denen sich nur die großen Konzerne tummeln.

Investoren, die mit dem deutlich weniger nachgefragten Anlagesegment liebäugeln, müssen wissen, dass auch die mittelgroßen Unternehmen sehr stark auf dem Weltmarkt vertreten sind. Nicht wenige erwirtschaften mehr als die Hälfte ihrer Umsätze außerhalb Europas.

In den meisten europäischen Mid-Cap-Indizes machen Aktien aus Großbritannien rund 30% des Gewichts aus. Schweizer Unternehmen sind mit rund 10% in den nach Marktkapitalisierung gewichteten Mid-Cap-Indizes vertreten. Nicht nur Anleger aus der Schweiz, die in dieser Hinsicht viel gewohnt sind, sondern auch Investoren aus der Eurozone müssen wegen des hohen Anteils britischer Aktien das Fremdwährungsrisiko in Betracht ziehen.

Auf Branchenebene sind Industrieunternehmen in Europa-Mid-Cap-Indizes am höchsten gewichtet. Zyklische Konsumgünter und Finanzdienstleister folgen mit jeweils rund 13-15%. Die durchschnittliche Marktkapitalisierung  der in solchen Indizes vertretenen Unternehmen beläuft sich in der Regel über 6 Milliarden Euro.

Bei den Pendants auf Eurozonen-Ebene verschiebt sich das regionale Gewicht stärker auf Frankreich. Im Euro Stoxx Mid Market Index ist Frankreich mit gut 28% vertreten, es folgen Unternehmen aus Spanien (15,4%), Italien (14%) und Deutschland (12,6%).

Keinen großen Unterschied zu mittelgroßen Nebenwerten fällt mit Blick auf die regionale Gewichtung der Indizes auf kleinere Unternehmen auf. Bei den paneuropäischen Indizes macht Großbritannien knapp ein Drittel des Gewichts aus. Nimmt man dann noch die Schweiz und Norwegen hinzu, summiert sich der Anteil der Nicht-Euro-Staaten auf knapp die Hälfte des Gewichts. Auch hier ist also das Währungsrisiko zu beachten!

Small Caps weisen andere Eigenschaften als Mid Caps auf

Die so genannten Small Cap-Indizes heben sich mit Blick auf die Branchengewichtung allerdings von ihren Mid-Cap-Pendants ab. Sie sind in der Regel stärker binnenorientiert bzw. auf die jeweilige Region konzentriert. Das bedeutet, dass Small Caps in Europa stärker am Tropf der Eurozone hängen als dies bei den Exportweltmeistern der Mid-Cap-Indizes der Fall ist. Finanzdienstleister und Immobilien-Unternehmen sind häufiger in Small-Cap-Indizes wiederzufinden – der Konzern Deutsche Wohnen ist beispielsweise der Top-Wert im STOXX Europe Small 200 Index und auch im Euro STOXX Small.

Bei paneuropäischen Indizes wie dem STOXX Europe Small 200 sind Finanzdienstleistungen mit knapp 25% gewichtet, gefolgt von Industrieunternehmen mit gut 20%. Es folgen zyklische Konsumgüter mit 17% und nichtzyklische Konsumgüter mit 9%. 

Euroland-Small-Cap-Indizes weisen einen höheren Anteil an nichtzyklischen Konsumgütern als die paneuropäischen Barometer auf, beinhalten dafür aber weniger Rohstoffwerte und Gesundheitstitel. Die mittlere Marktkapitalisierung der Unternehmen in diesen Indizes ist höher als bei den paneuropäischen Märkten. Das hat natürlich auch Folgen für die Liquidität an der Börse. Je kleiner der Wert, des weniger liquide ist der Handel - zumindest bei größeren Volumina können Investoren durchaus den Markt bewegen. 

20 Produkte für Nebenwerte am Markt

Kommen wir nun zu den ETFs am Markt. Unsere Tabelle – sortiert nach Fondsvermögen - zeigt eine Auswahl von 20 Produkten. Auffällig ist, dass die größten ETFs auf Nebenwerte Small-Cap-Indizes abbilden. Erst mit dem iShares EURO STOXX Mid kommt auf Platz fünf ein Mid-Cap-ETF. Die Lösung dieses vermeintlichen Rätsels ist indes einfach: Die kleineren Werte haben den mittelgroßen in den vergangenen Jahren den Schneid abgekauft. Und die Hausse nährt bekanntlich die Hausse.

Produkte, die eine Fünfjahreshistorie aufweisen, haben die Mid-Cap-ETFs teilweise um mehr als 300 Basispunkte pro Jahr übertroffen. Auch in diesem Jahr haben MSCI EMU Small Cap und Co. die mittelgroßen Player hinter sich gelassen.

Tabelle: Eurozone oder Europa? 20 Nebenwerte-ETFs am Markt 

Dass der Anleger bei der Frage „Eurozone oder und Gesamteuropa?“ keine triviale Entscheidung fällt, deutet sich in der Performance-Historie an, welche die Eskalation und die nachfolgende Beruhigung der Eurokrise reflektiert. In den vergangenen drei Jahren hatten Europa-Indizes die Nase vorn. Der beste Europa Nebenwerte-ETF, der SPDR MSCI Europe Small Cap, legte pro Jahr um 13% zu. Der beste Eurozonen-ETF lag mit knapp 10% pro Jahr deutlich dahinter.

In den vergangenen 12 Monaten dagegen schossen Small-Cap-ETFs auf Eurozonen-Indizes dagegen die Lichter mit Kurszuwächsen von über 40% aus. Am weitesten lag der UBS ETF MSCI EMU Small Cap auf Zwölfmonatssicht vorn. Vermutlich dürfte für die Performance die Entscheidung pro oder kontra Eurozone fast so wichtig gewesen sein wie die Frage Standardwerte oder Nebenwerte. 

Wenig Auswahl haben Anleger mit Blick auf die Indexkonstruktion: Es handelt sich bei allen Produkten um ETFs, die ihre Bestandteile nach der Marktkapitalisierung der zugrunde liegenden Aktien gewichten – mit einer Ausnahme: Der Powershares FTSE RAFI Europa Small-Mid ETF gewichtet seine Aktien nach fundamentalen Gesichtspunkten. Es handelt sich hier also um einen alternativen Index, der vorwiegend Bewertungskriterien in den Vordergrund rückt.

In den vergangenen drei Jahren lag der Rafi-ETF nach Performance im ersten Drittel unserer Auswahl, in den letzten fünf Jahren war er in auch der oberen Hälfte des Rankings zu finden. Das sehr kleine Volumen von 31 Millionen Euro legt freilich beredetes Zeugnis darüber ab, dass Anleger mit so genannten Smart-Beta-Ansätzen offenbar nach wie vor fremdeln.

Langfristinvestoren orientieren sich an den laufenden Gebühren

Kommen wir nun zu den Kosten. Bei ETFs fallen vielfältige Gebühren an. Die Management-Gebühren sind dabei das eine. Das andere sind die Gebühren, die beim An- und Verkauf anfallen, die Spreads. Wir haben schon häufiger darauf hingewiesen, dass Anleger neben der Management-Gebühr diese oft übersehene Kostenkomponente beachten sollten (lesen Sie hier mehr). Neben den wichtigsten Kennzahlen der ETFs am Markt enthält unsere Tabelle auch eine Aufschlüsselung der Kostenkomponenten.

In den 30 Handelstagen fielen die Spreads beim Amundi ETF Euro Stoxx Small Cap an der Euronext in Paris und beim iShares STOXX Europe Mid 200 auf Xetra mit jeweils 0,17% am günstigsten aus. Es folgen zwei weitere iShares-Produkte auf Euro-Zonen-Indizes. Am Ende der Tabelle finden sich der SPDR MSCI Europe Small Cap sowie zwei Source-ETFs mit Spannen von jeweils über 0,6%. Auch der nach fundamentalen Kriterien gewichtete PowerShares-ETF zählt zu den teureren Produkten im Handel.

Allerdings müssen Anleger abwägen, wie sie sich bei den Gebühren am günstigsten stellen. Denn mit Blick auf die Management-Gebühren gibt es eine ähnlich starke Spreizung wie bei den Handelskosten. Am günstigsten kommt in unserem Beispiel ein Anleger weg, der in den iShares STOXX Europe Mid 200 investiert. Er zahlt nicht nur die niedrigsten Handelsgebühren, sondern hat auch auf den ETF mit den niedrigsten Management-Kosten gesetzt. Ganze 19 Basispunkte pro Jahr kostet dieser Fonds.

Langfristinvestoren sollten sich bei der Produktauswahl eher an der Höhe der laufenden Kosten orientieren. Wer diese Produkte eher als Trading-Position nutzen will, sollte sich eher mit den Handelskosten auseinandersetzen. Hier dürften niedrige Spreads die gewichtigere Rolle bei den Kosten spielen.

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.

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