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Auch die QE-Skeptiker gehen ins Risiko

Es mutet schon kurios an: In der Debatte um Sinn oder Nicht-Sinn der Anleihekäufe der EZB finden sich deutsche Volkswirte im selben Lager wie Freunde der expansiven Notenbanklinie.

Ali Masarwah 26.01.2015

Dass sich die Deutsche Bundesbank und die Mehrzahl der deutschen Volkswirte als Kritiker der EZB-Linie zu erkennen geben würden, dürfte keinen überrascht haben. Nur drei Tage nach der Verkündung des Bond-Ankaufprogramms der EZB konnte man in der „Welt am Sonntag“ nachlesen, dass Bundesbank-Präsident Jens Weidmann vermutlich gegen - zumindest jedoch nicht für – den EZB-Kurs gestimmt hatte. „Für mich ist dieser Beschluss gravierend. Staatsanleihenkäufe sind kein normales geldpolitisches Instrument, denn sie sind in der Währungsunion mit besonderen Nachteilen und Risiken verbunden“, so Weidmann im Interview mit der Zeitung. Der Reformdruck auf die hoch verschuldeten Staaten lasse angesichts der nachhaltig tiefen Zinsen nach, und zugleich steige das Risiko von spekulativen Blasen.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, sekundierte in einem Statement: „Ob eine solche Art der Geldpolitik erfolgreich ist bei der Wiederbelebung des Wachstums, ist gänzlich unbekannt“. Die Gefahren einer solchen Geldpolitik „mit der Brechstange“ lägen darin, dass andere Bedingungen des wirtschaftlichen Wachstums außerhalb der Finanz- und Geldpolitik vernachlässigt werden und sich die europäischen Staaten noch mehr in eine Schuldenpolitik verrennen, so Kater weiter.

So weit, so unspektakulär. Dass Mario Draghis größte Kritiker in den Euro-Nordstaaten zu finden sind und vor allem in Deutschland sehr vehemente Fürsprecher haben, ist nicht erst seit Donnerstag vergangener Woche der Fall. Doch etwas überraschen mag, dass auch eher QE wohlwollend gestimmte Finanzexperten den Schritt der EZB hinterfragen.

Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe, kritisiert, dass der Großteil der Haftungsrisiken bei den nationalen Notenbank liege. Dies unterlaufe die „Schlagkraft des Wertpapierkaufprogramms“. Das Entgegenkommen, das die EZB damit Deutschland zeige, illustriere jedoch, dass die Währungsunion eben „keine Union sondern ein Gebilde von Einzelstaaten“ sei. „Gerade diese Botschaft kann an den Finanzmärkten zu Skepsis führen, was wiederum kontraproduktiv wirkt“, so Gitzel weiter.

In das gleiche Horn stößt Tanguy Le Saout, Leiter Renten bei Pioneer Investments. Auch wenn die EZB-Entscheidung ein „Schritt in die richtige Richtung“ sei, könnte sie zu spät erfolgt sein. Das wahre Problem im Euroland bleibe ungelöst: Kleine und mittlere Unternehmen fehle der Zugang zu günstigen Krediten. Die Bankenlandschaft befinde sich nach wie vor im Konsolidierungsmodus. Das Beispiel der drei US-Fed QE-Programme und die wiederholten Bemühungen der Bank of Japan in den vergangenen Jahrzehnten zeigten immerhin, dass eine Notenbank bei der Geldpolitik umsteuern könne. Es wäre „keine Überraschung“, so Le Sauout, wenn die EZB ihr Programm in den kommenden 12 bis 24 Monaten modifizieren werde.

Einige Beobachter sehen keine nachhaltigen Auswirkungen des 1.100 Milliarden-Euro-Programms. „Die Auswirkungen dürften sich in Grenzen halten“, so Johannes Müller von der Deutschen Asset & Wealth Management. „Die Staatsanleihenkäufe werden weder ein Allheilmittel gegen die Wirtschaftsflaute sein werden, noch wird ein großer Schaden durch sie entstehen“, so Müller. Ein „Nebeneffekt“ der EZB-Politik könnte laut der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank die positivste Wirkung auf die Konjunktur haben: die Abwertung des Euros. Diese kommt einem kleinen Konjunkturprogramm gleich.

„Wenn die erste Volatilität vorbei ist, dürften wir uns Fragen, worauf wir die ganze Zeit gewartet haben“, so Luke Bartholomew, Fondsmanager bei Aberdeen Asset Management. Zum einen sieht er die Glaubwürdigkeit der EZB in Gefahr. „Wir alle wissen, dass eine umfassende Fiskalunion für die langfristige Zukunft des Euro entscheidend ist. Daher ist die Tatsache, dass Draghi keine Unterstützung für die volle Übernahme der Last gewinnen konnte, auf lange Sicht kein ermutigendes Zeichen.“ Zum anderen werde das Schuldenkaufprogramm der EZB „voraussichtlich nur einen geringen Effekt auf die Realwirtschaft in Europa haben“. Zwar werde ein schwächerer Euro den Exporten „ein wenig helfen“, aber er werde die europäischen Volkswirtschaften „nicht plötzlich wettbewerbsfähiger machen“. Dies, so der Aberdeen-Fondsmanager, erfordere Strukturreformen. Doch die politischen Entscheider in Europa sein offenbar nicht bereit, diese durchzusetzen.

Allerdings konzedieren auch die Kritiker, dass die unmittelbaren Folgen des EZB-Programms für die Kapitalmärkte positiv sein werden. Die Experten bei Robeco bringen es auf den Punkt: Die Finanzmärkte werden von QE der EZB profitieren – „ein game changer“ aus fundamentaler Sicht sei die Flutung der Märkte mit Geld allerdings nicht. Auch Edmond de Rothschild Asset Management warnt, es sei viel zu früh um zu urteilen, ob das Anleihekaufprogramm ausreichen werde, um die Konjunktur anzukurbeln. Allerdings bleibe man in Peripherieanleihen übergewichtet und bevorzuge bei Unternehmensanleihen mit niedriger Bonität. Im Zweifel ist die Fondsbranche also bullish, auch wenn die rechte Überzeugung über den Erfolg von QE fehlen mag. Die Stimmen der Optimisten unter den Fondsmanagern nach dem jüngsten Schritt der EZB haben wir hier für Sie zusammengefasst.

 

Eine Übersicht über die Fakten, die Argumente und Prognosen der Geldverwalter nach Beschluss des ausgedehnten Anleihe-Kaufprogramms der EZB finden Sie hier.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.