„Das Griechenland-Risiko nicht auf die leichte Schulter nehmen“

Ein Interview mit Andrew Wilson von Goldman Sachs Asset Management über Chancen und Risiken an den Bond- und Währungsmärkten – und warum Anleger heute nicht sorglos agieren sollten.  

Ali Masarwah 19.02.2015

Wer von Andrew Wilson ob der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), ein gigantisches Bond-Kaufprogram zu lancieren, ungebremsten Optimismus erwartet, sieht sich getäuscht. Der CEO für EMEA und Co-Leiter des globalen Bond Teams bei Goldman Sachs Asset Management gibt sich vielmehr besorgt über die mögliche Eskalation der Griechenland-Schuldenkrise. Er sieht Ansteckungsgefahren und warnt davor, die Krise auf die leichte Schulter zu nehmen. 


Herr Wilson, seitdem die EZB Ende Januar ihr 1.100 Milliarden-Euro-Programm verkündet hat, kennen die Märkte kein Halten mehr. Alles, was Rendite verspricht, steigt. Ist es wirklich sinnvoll, heute noch in Risikoassets wie Hochzinsobligationen, Peripherie- und Schwellenländer-Bonds einzusteigen?

Die EZB treibt Anleger tatsächlich mehr oder weniger explizit in Risiko-Assets, und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass weiterhin viel Geld in Spread-Produkte investiert wird. Das hat auch seine Berechtigung, und gerade für Hochzins- und Schwellenländer-Bonds sehe ich gute Performance-Chancen. Die Alternativen sind rar, sichere Obligationen sind inzwischen ziemlich teuer geworden; einige Bond-Segmente am kurzen Ende weisen sogar negative Renditen auf! Allerdings würde als Anleger vorsichtig sein: Zum einen hält der Run auf Risiko-Assets schon ziemlich lange an, und insbesondere bei Peripheriebonds sind die Spreads schon relativ eng. Wir sollten zudem die Entwicklung in Griechenland nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir machen uns sogar ziemliche Sorgen über den Verlauf der Schuldenkrise.

Die Eskalation des Schuldenstreits scheint aber Investoren hierzulande ziemlich kalt zu lassen. Beim DAX geht es nur noch um die Frage, wann der nächste Rekord fallen wird, und selbst in den Kursen der Peripherie-Bonds spiegelt sich die Griechenland-Krise nicht wider.

Nun ja, griechische Aktien und Anleihen spiegeln die Krise durchaus wider! Aber tatsächlich ist es erstaunlich, dass von der Krise so gut wie nichts auf die anderen Euro-Südstaaten übergesprungen ist. Allerdings würden wir zur Vorsicht raten, auch die Auswirkungen der Schuldenkrise außerhalb Griechenlands sehr gering sind. Wir sind sehr besorgt über die Tonlage aus Athen. Je unversöhnlicher die Positionen sind, desto schwieriger wird es sein, Kompromisse zu schließen. Ich persönlich glaube nicht, dass die Sorglosigkeit an den Märkten anhalten wird, wenn sich ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone abzeichnen würde. Es ist schwer vorstellbar, dass dann nicht über weitere Austrittskandidaten spekuliert wird; man kann nicht eine Tür einen Spalt öffnen und dann Spekulationen darüber verhindern, wer der nächste sein könnte.

Überhaupt scheint die Tonart an den Märkten immer martialischer zu werden. Als im Jahr 2010 der brasilianische Finanzminister von „Währungskriegen“ warnte, war das eine recht exotische Sicht der Dinge. Heute ist der Abwertungswettlauf im vollen Gang, und der jüngste Schritt der EZB eine weitere Eskalationsstuffe.

Die Schwächung der eigenen Währung ist ein sehr wichtiger Bestandteil der expansiven geldpolitischen Linie der Notenbanken weltweit. Das haben insbesondere die Japaner sehr explizit hervorgehoben. Zumindest in dieser Hinsicht war die sogenannte Politik der Drei Pfeile von Premier Abe sehr erfolgreich – der Yen hat gegenüber den anderen wichtigen Währungen in den vergangenen zwei Jahren stark abgewertet, vor allem gegenüber dem US-Dollar. Wenn man zurückblickt, dann hat das den japanischen Exporteuren geholfen – einige japanische Firmen waren von der kontinuierlichen Aufwertung des Yen sogar existenziell bedroht. Die EZB dürfte genau das im Blick haben. EZB Präsident Draghi hat im vergangenen Jahr explizit erwähnt, dass die Währung ein Transmissionsriemen der Geldpolitik ist. Eine schwacher Euro hilft der Exportwirtschaft und erfüllt eine Art Schutzfunktion gegen das Überschwappen von deflationären Tendenzen. Die Inflationsrate im Euroraum ist negativ, und dagegen hilft ein schwacher Euro.

Heisst das, dass wir künftig mehr Volatilität in der Bewegung von Währungen zueinander sehen werden?

Das würde mich zumindest nicht überraschen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Volatilität im FX-Markt historisch sehr viel höher war als in den vergangenen Jahren.

Das heißt, Sie erwarten, dass jetzt auch die US-Notenbank an der Eskalationsschraube drehen und in den Abwertungswettlauf einsteigen wird?

Das nicht. Die Aufwertung des Dollar ist natürlich keine gute Nachricht für die US-Konjunktur, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass die FED eine Dollar-Schwächung herbeiführen will. Dafür ist die US-Wirtschaft zu sehr binnenorientiert, und außerdem gibt es zugleich etliche Entlastungsfaktoren, etwa der sinkende Ölpreis. Insgesamt sind die finanz- und geldpolitischen Rahmenbedingungen in den USA noch sehr akkommodierend.

Der aktuelle Höhenflug des Dollar ist also kein Grund für die US-Notenbank, von ihrem absehbar strikterem geldpolitischen Kurs abzuweichen?

Nein, ein Kurswechsel wäre in keinster Weise gerechtfertigt. Zumal die Amerikaner im Zuge der Immobilienkrise als Erste eine extrem lockere Geldpolitik eingeschlagen haben. Insofern hat man in den USA Verständnis für die entsprechenden Versuche in Europa und Japan, über die Geldpolitik die Konjunktur anzukurbeln. Ob die Zinsen nun im Juni oder im September angehoben werden, hängt nicht in erster Linie an der Währungsfrage. Wichtiger ist für die FED, wie sich der Arbeitsmarkt in den USA entwickelt, und der zeigt sich in sehr robuster Verfassung, ebenso wie der Konsum, der vom niedrigen Ölpreis befeuert wird. Wir gehen insgesamt von einer sehr robusten Konjunkturentwicklung in den USA aus und erwarten für dieses Jahr ein BIP-Wachstum von rund 3,5%.

Würde sich diese entspannte Haltung der FED zum starken Dollar vielleicht ändern, sollte der Euro deutlich schwächer werden und, sagen wir, die Parität zum Dollar erreicht werden?

So eine Währungsbewegung passiert nicht im luftleeren Raum. Da müsste einiges zusammenkommen. Eine sehr weitgehende Abwertung des Euro könnte ihre Ursache in einer viel schwächer als erwarteten Konjunkturentwicklung in der Eurozone haben – oder aber in einer noch besseren Entwicklung der US-Wirtschaft. Dann könnten alleine schon die Spekulationen um eine weitaus aggressivere Zinserhöhung ausreichen, um dem Dollar zu weiterer Stärke zu verhelfen. Dass der Dollarkurs hoch bleibt oder auch steigt ist in gewisser Weise unausweichlich, da die Notenbanken in Japan und der Eurozone auf Expansionskurs bleiben und bei Währungen die Schwäche des einen die Stärke des anderen impliziert.

Die Fragen stellte Ali Masarwah

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.