Nachhaltiges Investieren in den Schwellenmärkten

Glanz verblasst, Risiken rücken in den Vordergrund - versprechen SRI-Investments ein besseres Risikomanagement in der volatilen Anlageklasse Emerging Markets?

Natalia Wolfstetter 13.05.2015

Anleger investieren in den Emerging Markets in der Hoffnung auf höhere Wachstumsraten. Diese Wachstumsdynamik ist aber in den letzten Jahren erlahmt. Schwer zu schaffen macht den Schwellenländern zudem die Straffung der US-Geldpolitik und die damit einhergehende Dollarstärke, da viele Unternehmen sich in US-Dollar verschuldet haben, um von niedrigeren Zinsen zu profitieren. In den lokalen Währungen hat sich die Schuldenbelastung nun deutlich verschärft, während gleichzeitig die Refinanzierungskosten steigen.

Die Ernüchterung hat sich auch in den Aktienkursen der letzten Jahre bemerkbar gemacht. Seit 2011 waren Anleger an den etablierten Aktienmärkten besser aufgehoben, zumal Verlustphasen glimpflicher abliefen als bei Schwellenländerinvestments. Das laufende Jahr sieht für Emerging-Markets-Aktionäre schon wieder freundlicher aus, doch könnte dies weniger an den verbesserten internen Wachstumsaussichten liegen als an einer Atempause auf dem Weg zur US-Zinserhöhung.

Nun zählen zu den Emerging Markets die unterschiedlichsten Länder, deren Volkswirtschaften und Unternehmen sich nicht einfach über einen Kamm scheren lassen. Erhöhte politische Risiken, Korruption und soziale Konflikte, Corporate-Governance- und Transparenzdefizite können jedoch deutlich stärker zu Tage treten als in den etablierten Aktienmärkten. Häufiger sind die Eigentümerstrukturen schwer durchschaubar und (staatliche) Mehrheitseigner können Minderheitsaktionären das Leben schwer machen. Gleichzeitig hängen die Schwellenmärkte stark vom Vertrauen und Risikoappetit ausländischer Investoren ab und können durch (kurzfristige) Kapitalabflüsse massiv unter Druck kommen. Tatsächlich war der Trend in letzter Zeit durchwachsen, wenn man die Mittelbewegungen in Fonds zugrunde legt, die ihren Anlageschwerpunkt auf den Emerging Markets haben:

Nachhaltigkeitsanalyse als Qualitätsfilter

Auf Englisch firmieren Nachhaltigkeitsansätze häufig unter den Kürzeln ESG (Environment, Social, Governance) oder SRI (Socially Responsible Investing). Ihrer Manager treten mit dem Anspruch an, Umwelt-, soziale und Corporate-Governance-Risiken besser erfassen zu können als es mit herkömmlichen Investmentansätzen möglich ist.

In diesem Sinne wäre die Überprüfung auf Nachhaltigkeitsrisiken, die die künftigen Cash Flows eines Unternehmens negativ tangieren können, als zusätzliche Qualitätskontrolle neben der Betrachtung herkömmlicher Finanzkennzahlen zu verstehen. Dies sollte für die Schwellenmärkte angesichts ihrer vielfältigen Risiken von besonderer Relevanz sein und sich idealerweise auch in den Risikokennzahlen der entsprechenden Fonds widerspiegeln, z.B. in geringeren Kursschwankungen oder Verlustrisiken.

Gemischtes Bild

Von den rund 40 Fonds mit Nachhaltigkeitsanstrich, die wir in unserer europäischen Kategorie ‚Aktien Schwellenländer‘ identifiziert haben, können die meisten diesen Anspruch bisher nicht erfüllen. Im Durchschnitt lieferte diese Gruppe über den Drei- und Fünfjahreszeitraum eine höhere Rendite ab als der Durchschnitt der Kategorie. Die Risikokennzahlen stechen allerdings nicht positiv hervor. Das ist zunächst einmal enttäuschend, doch ist der betrachtete Zeitraum auch noch nicht sonderlich lang. Die meisten Nachhaltigkeitsansätze wurden erst ab 2009 aufgelegt. Die langfristige Bewährungsprobe steht also noch aus. Die folgende Tabelle zeigt die in Deutschland zum Vertrieb zugelassenen Fonds mit ESG-Elementen im Ansatz (inkl. institutionelle Mandate):

Weniger rohstofflastig, mehr Asien, mehr Nebenwerte

Was unterscheidet Schwellenländerfonds mit ESG-Färbung von der herkömmlichen Konkurrenz? Sie sind in der Regel etwas konzentrierter aufgestellt als der durchschnittliche Kategorievertreter, mit rund 30% in den zehn größten Werten, während es im Kategoriemittel um die 20% sind. Die Anzahl der Positionen ist mit 70-90 jedoch vergleichbar, was nicht darauf hindeutet, dass es ESG-Fonds an Auswahlmöglichkeiten mangelt. Hinter den Durchschnittszahlen verstecken sich zudem auch einige sehr breit aufgestellte Ansätze mit deutlich mehr einzelnen Positionen. Zu erwähnen sei hier aber, dass die ESG-Variante des MSCI Emerging Markets mit rund 340 Unternehmen auf weniger als die Hälfte der Titelanzahl (> 800) des ‚konventionellen‘ Index kommt.

Die durchschnittliche Marktkapitalisierung der Aktien im Portfolio wiederum liegt unter den Index- und breiten Kategorieniveaus, was dafür spricht, dass ESG-Manager verstärkt bei kleineren Werten fündig werden, die nicht in den beiden Benchmarks enthalten sind (zumal der MSCI Emerging Markets ESG eine höhere durchschnittliche Marktkapitalisierung aufweist als der MSCI Emerging Markets). So liegt auch der Small- und Mid-Cap-Anteil bei über 20% (allerdings nach 2012 rückläufig), während er in klassischen Emerging-Markets-Fonds tendenziell deutlich darunter bleibt. Somit unterliegen ESG-Fonds tendenziell höheren Liquiditätsrisiken.

Auf Sektorebene sind die ESG-Fonds erwartungsgemäß weniger in Rohstoff- und Energiewerten engagiert – beides Sektoren, in denen Unternehmen sich schwer tun, die Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen. Im größten Sektor, dem Finanzbereich, sind sie ähnlich stark vertreten, doch verstecken sich hinter dieser Zahl große Unterschiede in Bezug auf die Einzelwerte. Im Vordergrund stehen eher Finanzdienstleister mit klassischem Bankgeschäft (Spareinlagen und Kredite, inkl. Mikrofinanzinstitute) und Versicherungen. Die Übergewichtung des defensiven Konsumsektors ist bei den ESG-Fonds im Gegensatz zur breiten Kategorie nicht festzustellen. Übergewichtet werden dagegen IT-Unternehmen, was sich in noch deutlicherer Ausprägung im MSCI Emerging Markets ESG widerspiegelt. Auch Industriewerte bieten sich an, da hier viele Unternehmen etwa im Bereich von Infrastrukturverbesserungen und Energieeffizienz tätig sind.

Blickt man auf die großen Emerging-Markets-Regionen, so weisen ESG-Fonds tendenziell eine (steigende) Präferenz für Asien, aber auch Afrika & den Nahen Osten auf. Geringer war dagegen das Engagement in Unternehmen der europäischen und lateinamerikanischen Schwellenmärkte. Hier spiegelt sich wieder, dass deren Unternehmen vielfach aufgrund ihrer Rohstoffabhängigkeit, problematischen Corporate Governance und/oder Staatsnähe sowie politischer Risiken für ESG-Fonds schwer investierbar sind. Darunter fallen bspw. zahlreiche russische Unternehmen. Dies gilt z.T. auch für China, während ESG-Fonds in Unternehmen aus Korea und Taiwan stärker investiert sind. Wachsende Bedeutung kommt auch Indien zu, wo aber auch konventionelle Fonds in den letzten Jahren verstärkt investiert haben.

Gebühren etwas höher

Die laufenden Kosten der ESG-Fonds liegen eher über der Kategorienorm. Der Median für Publikumsfonds beläuft sich auf knapp 2%, ESG-Fonds (ohne Berücksichtigung von Indexfonds und ETFs) kosten im Durchschnitt 2,1% p.a.

Rückenwind für die Performance

Auf Sicht der letzten drei und fünf Jahren hatten Nachhaltigkeitsfonds aufgrund ihrer regionalen Aufstellung deutlichen Rückenwind. Ihre Branchenpositionen dürfte ihnen ebenfalls entgegengekommen sein. Dies legt auch die Performance des MSCI Emerging Markets ESG nahe, der den breiten MSCI Emerging Markets Index in diesem Zeitraum um mehr als 4 Prozentpunkte p.a. übertraf.

Im zweiten Teil dieser Serie sehen wir uns einige der erfolgreicheren unter den Nachhaltigkeitsfonds genauer an: Wie definieren sie Nachhaltigkeit, was waren die Gründe für ihren Erfolg und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

Über den Autor

Natalia Wolfstetter  ist Director Fund Analysis bei Morningstar