Viele Standardwerte sind aktuell günstig bewertet

Nach der jüngsten Korrektur sehen einige Marktteilnehmer schonwieder Kaufkurse. In der Tat sind viele Blue Chips in Europa aktuell unterbewertet. Wir werfen einen Blick auf das Preis zu Fair-Value-Verhältnis in DAX, Euro STOXX und STOXX Europe.

Michael Haker 27.08.2015

Die Turbulenzen an den Börsen haben weltweit die Kurse der Aktien in den Keller geschickt. Die negativen Vorzeichen erreichten am vergangenen Montag beim DAX ihren Intraday-Höhepunkt bei über Minus sieben Prozent. In den vergangenen 20 Jahren hat der DAX nur fünf mal auf Tagesebene mit derartigen Verlusten geschlossen – in der Asien-/Russlandkrise, beim Platzen der Dotcom-Blase und während der Finanzkrise. Fundamentale Daten für die jüngste Korrektur gibt es im Gegensatz zu den vorherigen „Events“ allerdings nicht. In der Eurozone sieht die konjunkturelle Lage sogar im krisengeschüttelten Süden, vor allem in Spanien, gut aus.

Sind viele Aktien also günstig Bewertet? Ist die Zeit der Schnäppchenjäger gekommen? Oder haben sich die Kurse am Aktienmarkt zuletzt schlichtweg so sehr aufgebläht, dass noch mehr Luft entweichen wird?

Einen Hinweis auf die Attraktivität von Aktien bietet das von uns berechnete Verhältnis zwischen Aktienpreis und der fairen Unternehmenswert. Basis dafür ist der Morningstar Fair Value, den wir quantitativ für die marktbreiten Indizes (bzw. den zugrunde liegenden Aktien) berechnen. Der faire Wert ergibt sich aus dem Discounted Cash Flow-Verfahren, in das Umsatz-, Gewinn- und Verlustdaten einflie­­­ßen. Relevant sind aber auch bestimmte Risikofaktoren, die Angebots- und Nachfrage-Kurve, die Kapitalkosten oder Kennzahlen zu Akquisitionen und Produktion sowie letztlich das Unternehmenswachstum.Bei einem Price/Fair Value Wert von eins ist ein Unternehmen fair bewertet. Ist der Wert größer, sind die Aktien überbewertet, bei einem Wert kleiner eins ist das Unternehmen im Verhältnis zu den Unternehmenszahlen, der angenommenen Wachstumsrate und der Einschätzung unserer Aktienanalysten, unterbewertet

Die Grafik unten zeigt die Entwicklung des Price/Fair-Value der letzten vier Monate für drei Standardwerte-Indizes. Als der Deutsche Leitindex am 10. April 2015 seinen Rekordstand erreichte, lag der durchschnittliche Price/Fair Value über 1,2. Zu den teuersten Werten gehörten Continantal (1,76), Linde (1,51) und Merck (1,48). Mit am günstigsten waren die Energiekonzerne RWE (0,65) und Eon (0,75), deren Aktien seit der Energiewende nicht aus dem Quark kommen.

Grafik: Price/Fair Value in DAX, EuroSTOXX und STOXX Europe von April bis August 2015

Price-Fair-Value-Europe

Auch die europaweiten Standardwerte-Indizes lagen über eins. Die Liste der überbewerteten Aktien wurde Angeführt von Intesa Sanpaolo (1,59), Essilor International (1,51), Glencore PLC (1,45) und der Allianz SE (1,39).

Seit der Korrektur, die für viele Marktteilnehmer ohnehin fällig war, ist der durchschnittliche Price/Fair-Value in DAX, Euro STOXX und STOXX Europe deutlich unter 0,9 gesunken. Der bislang tiefste Stand wurde am 24. August erreicht, als der DAX bei einem Niveau von 9.648 Punkten aus dem Handel ging, die beiden Europa-Indizes schlossen bei 3.022 beziehungsweise 5.875 Punkten. Seit zwei Tagen erholen sich die Börsen deutlich, die Bewertungen sind aber immer noch günstig. Die deutschen Autobauer, die zwischen 10% (Daimler) und 30% (VW) ihres Umsatzes in China machen,  liegen zum 26. August alle unter einem Price/Fair-Value von eins: Volkswagen (0,73), BMW (0,81) und Daimler (0,94). Im DAX am höchsten bewertet sind Continental (1,45), Fresenius (1,42) und K+S (1,27). In den Europa-Indizes sind die Aktien mit der aktuell höchsten Bewertung unter anderem AXA, Essilor International und BT Group. Am günstigsten Bewertet sind nach wie vor die deutschen Versorger, zwei Rohstoff-Werte (BP und BHP Billiton) sowie die Commerzbank und die Spanische Banco Santander.

Tabelle: Kleinste und größte Preice/Fair Value-Bewertungen in DAX, EuroSTOXX und STOXX Europe

Preis-Fair-Value Einzeltitel

Ob nun trotz der günstigen Bewertung vieler Standardwerte noch Luft nach unten ist, oder der Boden bereits erreicht wurde, lässt sich anhand unserer Bewertungskennzahlen freilich nicht sagen. Viele Fondsmanager haben in den vergangenen Monaten Ihre Cash-Quoten erhöht. Um günstige Kaufgelegenheiten nicht zu verpassen, aber auch im Falle weiterer Kurse nicht das ganze Pulver verschossen zu haben, könnte ein schrittweiser Einstieg für Anleger, die während der extrem langen Hausse 2009 bis heute an der Seitenlinie geblieben sind und das Aktienrisiko prinzipiell eingehen wollen, eine Überlegung wert sein. In jedem Fall ist ein Einstieg nach einer Korrektur besser als wenn er in der allgemeinen Euphorie auf historischen Höchstständen erfolgt. Man spricht nicht umsonst von hohen Risikoprämien in volatilen Zeiten.

Über den Autor

Michael Haker  Michael Haker ist freier Mitarbeiter bei Morningstar.