Warum wir eine Lanze für klassische Obligationen brechen

Das derzeitige Umfeld ist für viele Bond-Anleger nicht einfach. Aber das ist kein Grund zu verzweifeln. Und schon gar nicht, vermeintlichen Ballast über Bord zu werfen und blind auf neuartige Absolute-Return-Produkte zu vertrauen.*

Ali Masarwah 19.10.2015

Schon seit Jahren debattieren Finanzexperten darüber, wann die Zinswende kommen wird. Je tiefer die Renditen, desto vehementer wird gegen Obligationen polemisiert. Das hat viele Investoren, die für ihre Altersvorsorge sparen oder schon in der Konsumphase sind, verunsichert. Doch Anleger sollten bedenken, dass Fondsmanager mit den Emittenten von sicheren Bundesanleihen quasi konkurrieren. In Letztere können Anleger ohne Kosten investieren. Kein Wunder also, dass Fondsanbieter eine unschöne Gemengelage ausnutzen, um ihre Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen.

Auch deshalb bringen Asset Manager Anlagefonds auf den Markt, die mehr Rendite abwerfen sollen als Bundesanleihen oder die tatsächlich oder vermeintlich die Auswirkungen steigender Zinsen ausgleichen - oder sogar beides gleichzeitig! Der gemeinsame Nenner dieser Produkte ist die Zusage (keine Garantie!) eines positiven Nominalertrags --- und zumeist erhöhte Kosten.

Das Zinsumfeld von heute ist dazu angetan, Investoren zu Fehlern zu verleiten. Umso wichtiger, ein Blick auf die Fakten zu werfen: 

1. Die Zinsen sind niedrig - aber die Realrenditen zählen!

Kein Zweifel: Die Zeiten sind für Bond-Anleger hart. Die Zinsen sind in den Industrieländern auf historischen Tiefs. Das sind schlechte Nachrichten für Sparer. Denn niedrige Zinsen bedeuten niedrige Erträge aus sicheren Anlagen.  

Die Umlaufrendite öffentlicher Anleihen in Deutschland, die man gemeinhin als „Marktzins“ bezeichnet, schwankt in diesen Wochen zwischen 0,38 und 0,5%. In der Schweiz pendelt die Rendite von zehnjährigen Bundesanleihen um die Nulllinie. 

Bevor Anleger nun zum Absolute-Return-Produkt des Asset Managers ihres Vertrauens greifen, sollten sie sich besinnen, nicht voreilige Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Nicht der Nominalzins, sondern der Realzins ist das Mass der Dinge. Ja, die Zinsen sind historisch niedrig, aber gleiches gilt für die Inflation. Wer die traumhaften (Nominal-!) Zinsen von 9% herbeiwünscht, die es bei deutschen Bundesanleihen Anfang der 1990-er Jahre zu holen gab, sollte bedenken, dass noch in den 1990er Jahren Inflationsraten von über 5% an der Tagesordnung waren. Seinerzeit wäre ein Nominalzins von 1% eine Katastrophe gewesen. Heute bewegt sich der Realzins vielfach um die Nullline. Das bedeutet Kapitalerhalt!

Anleger sollten bedenken, dass es Phasen gibt, in denen manchen Asset-Klassen keine Prämien bieten. Aber keiner weiss, wie lange diese Phase andauern wird. Bonds sind ein essentieller Bestandteil von allen Portfolios, aus dem man sich nicht verabschieden sollte, wie wir weiter unten ausführen werden.

Übrigens sind mit diesem Problem auch Asset Manager konfrontiert, die Absolute-Return-Produkte auflegen. Auch sie haben mit tiefen Zinsen zu kämpfen. Hinzu kommt, dass solche Produkte Gebühren von 1-2% pro Jahr kosten. Um das auszugleichen, müssen Asset Manager mehr als nur herkömmliche Bond-Risiken eingehen. Vielleicht sind das aber Risiken, die ein Anleger, der typischerweise auf sichere Staatsobligationen setzt, nicht eingehen möchte? 

2. Fakt: Die Zinsen werden steigen - irgendwann  

In den USA ist die Sache klarer als in Europa: Liest man die aktuellen Kurse der Fed-Fund-Futures mit 30 Tagen Laufzeit, dann geht der Markt davon aus, dass die US-Notenbank Anfang 2016 die Zinsen erhöhen wird. Aber leider steht das keineswegs fest. In den kommenden Monaten werden noch zahlreiche Konjunkturdaten veröffentlicht, die die Federal Reserve dazu veranlassen könnten, sich noch Zeit zu lassen. Und selbst dann lässt sich noch nicht sagen, 1.) wie hoch der Zinsschritt ausfällt, 2.) wann und wie groß die nächsten Zinsschritte sein werden und 3.) ob die Zinserhöhung die Wirtschaft abwürgt und zur Folge hat, dass die Notenbank wieder den Rückwärtsgang einlegt. 

In Europa wird es mit steigenden Zinsen dagegen sicher noch eine Weile dauern. Das Bond-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank wird noch bis weit ins Jahr 2016 andauern. Wer der Meinung ist, dass die EZB die Zinsen noch lange auf dem derzeitigen Niveau halten wird, und dafür spricht sehr viel, kann durchaus auch in diesen Zeiten Kaufgelegenheiten finden. Auch in Zeiten sehr tiefer Zinsen können die Renditen länger laufender Obligationen punktuell steigen, wie im Frühjahr dieses Jahres zu beobachten war. Fällt die Umlaufrendite von 0,8% auf 0,4%, wie zwischen Juni und September geschehen, dann spiegelt sich das in ordentlichen Kursaufschlägen wider.

3. Steigende Zinsen drücken Anleihekurse - aber um wieviel?

Die Kurse von Anleihen  und Zinsen bewegen sich in entgegen gesetzte Richtungen: Steigen die Zinsen, führt das zu Abwärtsdruck auf die Anleihekurse. Wie stark die Kurse fallen, hängt vom Ausmass der Zinserhöhung und der Restlaufzeit der Anleihe oder des Anleiheportfolios ab (es gibt natürlich noch andere Einflussfaktoren). In den USA, wo dieses Szenario am realistischsten ist, könnte Folgendes passieren: Gehen wir von einem Renditeanstieg um 0,25% aus, wird der Nettovermögenswert eines Bondportfolios mit einer durchschnittlichen Laufzeit von 5,7 Jahren per Ende August um etwa 1,4% sinken. Steigt die Renditekurve um 1%, dürfte der Wertverlust bei etwa 5,6% liegen. Das ist unschön, entspricht aber sicher nicht den Katastrophenszenarien, die man erwarten würde, wenn man den düsteren Prophezeiungen, die derzeit am Markt kursieren, Glauben schenkt.

Anleger sind gut beraten, auf die Kennzahl modifizierte Duration (modified Duration) zu schauen, die die Fondsanbieter standardmäßig veröffentlichen. Sie fußt auf einer etwas komplizierteren Berechnung, die aber recht einfach die Auswirkungen von Zinsbewegungen auf ein Bond-Portfolio beschreibt. Die Kennzahl zeigt die prozentuale Kursänderung einer Anleihe in Abhängigkeit von einer Marktzinsveränderung an. Die Kennzahl macht es Investoren leicht, Vergleiche auf gleicher Basis für die Zinssensitivität von Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten und Zinsen (Kupon) zu ziehen. Eine Anleihe mit einer Duration von 6 Jahren reagiert in der Regel doppelt so empfindlich auf Zinsänderungen wie eine Anleihe mit einer Duration von 3 Jahren, unabhängig von der Laufzeit oder den Zinszahlungen.

Einige Investoren haben Fehler begangen

Viele Investoren benötigen ein verlässliches Einkommen. Gerade für sie sind diese Tatsachen eine schwer zu schluckende Pille. Doch anstatt diese  bittere Medizin zu nehmen, versuchen viele ihre Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Sie machen sich auf die Suche nach lukrativen Investitionsmöglichkeiten und gehen dabei hohe Risiken ein, von denen sie besser die Finger lassen sollten. Larry Fink, Chef von BlackRock, hat im jüngsten Geschäftsbericht seiner Firma darauf hingewiesen: 

„Investoren, die verzweifelt auf der Suche nach Rendite sind, um ihre zukünftigen Verpflichtungen zu erfüllen, investieren nun auch in Anleihen mit schlechterer Bonität und Anlagen mit langer Laufzeit. Das führt nicht nur dazu, dass die Preise in manchen Anlageklassen stärker steigen, sondern auch dazu, dass der Anteil volatiler Anlagen in den Portfolien deutlich höher ist, als es in der Vergangenheit üblich war. Für das Finanzsystem ist diese zunehmend verzweifelte Jagd nach Rendite das größte Risiko – und eines, das die Zentralbanken und Regulierer zu unser aller Gefahr ignorieren, während sie hoffen, das Risiko im System zu reduzieren."  

Die Politik der Notenbanken hat bewirkt, dass sich viele Investoren in kleinere, volatile Bereiche des Marktes drängen. Das spiegelt sich in der Popularität von Hochzinsfonds oder von so genannten Unconstrained-Bonds-Fonds wider. Wer mit solchen Investments tiefe Erträge kompensieren will, geht damit oft ungewollte Risiken ein. Viele Anleger scheinen zu vergessen, was der eigentliche Vorteil von Bonds mit guten Bonitäten in einem diversifizierten Portfolio ist.  

Vergessen Sie nicht die Vorteile (guter) Anleihen!  

Anleihen guter Bonität sollten in einem gut diversifizierten Portfolio immer Platz haben. Denn sie bringen die für Investoren wichtige Eigenschaften mit: Kapitalerhalt, Diversifikation und (notabene: derzeit minimale) Erträge. 

2013 hat Bill Gross Anleger erinnert, aus welchen Gründen man Bonds kauft: 

„Als Investor muss man sich vor Augen halten, warum man in Anleihen investiert – nämlich wegen ihrer Eigenschaften, Kapital zu erhalten, Rendite und Wachstum zu erzielen, ihre verhältnismäßige zuverlässige Stetigkeit und die meist geringe bis negative Korrelation zum Aktienmarkt. Diese langfristigen Eigenschaften werden in den kommenden 15 Jahren, wenn Millionen Menschen der Babyboom-Generation in Rente gehen, an Bedeutung gewinnen, ganz unabhängig davon, was derzeit an den Märkten passiert." 

Es ist also schlicht ein Fehlschluss, Rentenpapiere als Ballast zu verstehen. Anleihen sind keine Aktien: Sie sind Fremdkapital, verbriefte Ansprüche an den Schuldner, der diese Ansprüche zum Ende der Laufzeit bedienen muss. Aktien hingegen sind Eigenkapital, Unternehmensanteile, die am Ende der Kapitalstruktur stehen. Als Aktien-Investor geht man deswegen ein höheres Risiko ein, sein Geld zu verlieren. Und das ist ein wichtiger Aspekt: Anleihen guter Bonität sind weniger riskant als Aktien. Sie bieten damit eine gute Möglichkeit, Risiken durch Aktienengagements zu diversifizieren. Die Zinsen können sich ändern. Aber diese Eigenschaft bleibt. 

Was soll man als Investor tun? 

Werfen Sie also Ihren vermeintlichen Ballast nicht über Bord! Ganz im Gegenteil: Sie sollten überlegen, ob Sie noch mehr an Bord nehmen. Nachdem die Bullen seit über sechs Jahren am Aktienmarkt das Sagen hatten, könnte sich ihre Zeit dem Ende nähern. Nehmen wir einmal an, Sie wären so vorausschauend gewesen und hätten auf dem Tiefpunkt am Aktienmarkt in ein klassisches Aktien-Anleihen-Portfolio investiert, aufgeteilt in 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Renten. Wenn Sie in den Jahren danach keine Anpassungen vorgenommen haben, hätten sich die Verhältnisse in Ihrem Portfolio vermutlich auf 80:20 geändert. Aktien hatten einen guten Lauf und haben nun ein zumindest faires Kursniveau erreicht. Jetzt ist daher ein guter Zeitpunkt, Ihre Ladung zu überprüfen um zu sehen, ob Sie gewappnet sind, um jeden Sturm zu meistern, der sich möglicherweise  am Horizont zusammenbraut. 

Fazit 

Ersetzen Sie nicht vermeintlichen Ballast mit etwas, das Ihnen möglicherweise nur mehr Risiko bringt. Besonders riskant sind Junkbonds, Bankkredite und andere, neuartige Anleiheprodukte. Derartige Anlagen haben meist eine starke Korrelation zu Aktien und stellen Ihr Portfolio keinesfalls auf ein breiteres Fundament. Das heißt natürlich nicht, dass diese Produkte nichts in einem diversifizierten Portfolio zu suchen haben. Aber sie sind kein guter Ersatz für eine solide Basis aus Anleihen guter Bonität.  

Wie schon Mark Twain treffend sagte: “It’s not return on my money I’m interested in, it’s return of my money.”

* Dieser Artikel ist eine erweiterte Fassung eines Beitrags meines Kollegen Ben Johnson auf morningstar.com.   

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.