Fünf Neujahrsvorsätze für die finanzielle Gesundheit

Wir haben einige Tipps für Anleger zusammengestellt, die Anleger nicht nur zum Jahresende beherzigen sollten.

Ali Masarwah 21.12.2015

2016 steht vor der Tür. Sollten Sie sich vornehmen, mit dem Rauchen aufzuhören, dann ist das zweifellos Ihr wichtigstes Ziel. Wir würden aber die Behauptung wagen, dass der Kauf eines neuen Autos oder die Malediven-Reise in der Prioritätenliste hinter der Beherzigung dieser Checkliste rangieren sollte. Es geht schließlich um Ihre Altersvorsorge. Die folgenden fünf Regeln werden Ihnen hoffentlich helfen, typische Anlegerfehler zu vermeiden.

1. Regel: Kaufen Sie keine neuen (oder exotischen) Finanzprodukte

Auch wenn ich damit Gefahr laufe wie jemand zu klingen, der behauptet, nach den Beatles habe es keine gute Musik mehr gegeben: Es gibt nur selten wirklich gute neue Finanzprodukte. Die Einführung von speziellen Fonds für die Altersvorsorge, wie etwa Laufzeitfonds, war ein Schritt nach vorn, und auch ETFs können dem Investor von großem Nutzen sein. Aber es gibt sehr viel mehr schlechte Produkte als solche, die sich für Anleger wirklich lohnen. Deswegen sollten Sie neue Produkte mit einer gesunden Portion Skepsis betrachten und erst einmal abwarten, wie sich diese bewähren.

Oft werden Innovationen verkauft mit dem Verweis auf eine gute Entwicklung in der Vergangenheit. Diese Werbung bezieht sich aber in vielen Fällen nur auf einen kurzen Zeitabschnitt oder sogar nur auf eine Simulation - im Fachjargon backtest genannt. Die Performance eines Produktes lässt sich erst dann einschätzen, wenn man die risikobereinigten Ergebnisse eines kompletten Marktzyklus betrachtet.

Wenn Sie sich überlegen, in ein Produkt zu investieren, sollte es eine nachvollziehbare Historie von mindestens 10 Jahre aufweisen. Nur so lässt sich analysieren, wie sich ein Fonds in konkreten Situationen verhält. Wenn in dieser Zeit nur ein Trend vorherrschte (wie beispielsweise in den 1990er Jahren, als die Bullen die Oberhand hatten), sollten Sie in der Betrachtung sogar noch länger zurückgehen.

2. Regel: Stellen Sie viele “dumme” Fragen

Dass Investoren schlechte Produkte in ihrem Portfolio vorfinden, liegt zum Teil auch an ihnen selbst: Viele haben Angst, Fragen zu stellen. Sie trauen sich nicht, den Finanzberater zu fragen, warum er genau diesen Fonds empfiehlt bzw. was hinter den Marketing-Aussagen der Produktanbieter steht. Viele Anleger fürchten, dumm oder hinterwäldlerisch zu wirken, wenn sie Produkte hinterfragen. „Wie funktioniert das Produkt?“ und „Was kann dabei schief gehen?“, sind zwei elementare Fragen, die jeder stellen sollte, auch dann, wenn er meint, es bei der ersten Erklärung verstanden zu haben. Oft sind die einfachen Fragen die richtigen, und Sie sollten niemals davor zurückschrecken, sie zu stellen. 

3. Ein Portfolio kann überdiversifiziert sein

Eine der ersten Regeln, die Sie über das Investieren gelernt haben, war vermutlich, wie wichtig eine breite Streuung des Vermögens ist; dass zusätzliche Investitionen das Risiko-Chance-Profil Ihres Depots verbessern können. Die goldene Regel der Diversifikation ist valide, und Sie sollten sie beherzigen. Aber mehr ist nicht immer mehr. Viele Anleger haben sich diesen Grundsatz zu sehr zu Herzen genommen. Wenn Sie aber ein ausgeglichenes Portfolio mit günstigen Produkten aus den Anlageklassen Aktien, Anleihen und Cash haben, ist es unwahrscheinlich, dass Ihnen kleine Positionen anderer Produkte einen nennenswerten Mehrwert bringen. Schlimmer noch: Wenn Sie auf zahlreiche aktiv verwaltete Fonds setzen und gerne mal einen neuen Alpha-Manager dazunehmen, dann laufen Sie Gefahr, dass die Summe aller Alpha-Spezialisten sich ausgleicht und Sie am Ende mit einem Marktportfolio da sitzen. Minus Kosten, denn Alpha-Manager sind teuer! Und seien wir ehrlich: Es ist außerdem schwer, den Überblick zu behalten, wenn man ein überdiversifiziertes Portfolio hat.

4. Regel: Ist Ihr Depot so gut wie ein Altersvorsorgefonds?

Ob Ihr Portfolio zu komplex ist, können Sie mit einem simplen Vergleich überprüfen. Haben die zusätzlichen Produkte in Ihrem Depot zu einer besseren Entwicklung verholfen als eine günstigere, einfache Investition, wie beispielsweise ein einfach gestrickter Mischfonds oder ein anderes Altersvorsorgeprodukt, das auf Ihren Zeithorizont ausgerichtet ist? Bei dieser Gelegenheit weise ich gerne auf so genannte Target Date Funds hin. Das sind Laufzeitfonds, die Anlegern ermöglichen, in jungen Jahren von einer hohen Aktienquote zu profitieren und im fortgeschrittenen Alter mit dem selben Produkt weniger Risiko nehmen zu müssen. Hinkt Ihr Depot derartigen Produkten hinterher? Wenn das über einen längeren Zeitraum der Fall ist, ist die Frage berechtigt, ob nicht die Zeit gekommen ist, einen anderen Portfolio-Konstrukteur zu mandatieren bzw. auf einfachere Produkte zu setzen. 

5. Regel: Nehmen Sie sich vor „disruptiven Fintechs“ in Acht

Banker und andere klassische Finanzberater haben einen miesen Ruf in diesen Zeiten: Schlechte Beratung und eine folgerichtig miese Produktperformance haben viele Anleger abgeschreckt, und immer mehr wird klar, dass Berater häufig durch die Vereinnahmung von Retrozessionen besser mit den Produkten gefahren sind als Anleger, die in diesen Produkten investiert sind. Doch wer nun allzu schnell auf der Suche nach Alternativen zum klassischen Finanzvertrieb auf den Zug von so genannten „Robo-Advisorn“ springt, der sei gewarnt. Nur weil sich manche Technologie-Unternehmen, die man in der Finanzsprache auch als „Fintechs“ bezeichnet, als Rebellen der Finanzbranche gerieren, ist das noch lange kein Grund, ihnen sein Erspartes anzuvertrauen. Hinter diesen, gerne als „disruptiv“ apostrophierten Finanztechnologie-Unternehmen stecken oft nur Musterportfolios, die jedes Jahr neu auf ihre Ausgangsposition zurückgeführt werden. (In der von Anglizismen geprägten Finanz-Fachsprache heißt es „rebalancing“).

Natürlich kann so ein Portfolio eine hervorragende Lösung sein. Statische Portfolios, die regelmäßig auf ihre Ausgangsposition zurückgeführt werden, spiegeln sehr oft die Bedürfnisse eines langfristig investierenden Privatkunden wider. Er kann antizyklisch investieren und Verluste auch einmal aussitzen, denn er muss nicht wie bei vielen Altersvorsorgeeinrichtungen der Fall zum Jahresende seine Schäfchen im Trockenen haben. Aber das ist nur ein Teil der Gleichung. Die Kosten solcher Robo-Advisor sind leider oft zu hoch. Asset Allocation Tools müssen tiefe Kosten aufweisen, sonst verlieren sie viel von ihrem Charme. Warum man für eine anonyme Plattform, die nichts außer den Zugang zur großen Produktwelt bietet und nur eine rudimentäre Managementkomponente beinhaltet, eine jährliche Gebühr von einem Prozent oder mehr verlangen muss, wird mir immer ein Rätsel sein. Wer vorgibt, die Welt der Kapitalanlage zu revolutionieren, muss mehr in die Waagschale werfen als einen Zugang zu ETF-Musterportfolios und der vollmundigen Behauptung, den Bankberater überflüssig zu machen. Übrigens haben viele US-Anleger in diesem Jahr mit etlichen Robo-Advisors schlechte Erfahrungen gemacht. Als die Aktienkurse im August dieses Jahres massiv unter Druck kamen, mussten viele Anleger feststellen, dass das Fintech-Unternehmen ihres Vertrauens nicht erreichbar war. Vielleicht kann ein Berater aus Fleisch und Blut doch sein Geld wert sein? Mehr jedenfalls als so manches, ach so disruptives Fintech?

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.