Kommentar: Wachstumsbranchen müssen keine Streber sein

Gemessen am Anspruch vieler Beobachter war der ETF-Absatz im ersten Quartal bescheiden. Gemessen am Zustand der aktiven Asset Manager war die Bilanz der ETF Branche indes wieder einmal höchst beachtlich.

Ali Masarwah 15.04.2016

Bei ETFs verhält es sich dieser Tage so wie bei Musterschülern: Bringt es der Klassenprimus nur auf eine 2- bei der Klassenarbeit, ist erst einmal Stirnrunzeln bei den erfolgverwöhnten Eltern angesagt. Ähnlich verhält es sich bei den börsennotierten Indexfonds. Sie eilen von Rekord zu Rekord (lesen Sie hier). Mit Zuflüssen von unter zehn Milliarden Euro im ersten Quartal mussten die Sonnenkinder des Asset Managements auf den ersten Blick indes einen Dämpfer hinnehmen (zur Absatzbilanz im Einzelnen lesen Sie hier mehr). Wer besonders genau hinsehen möchte, kann sogar Negativrekorde ausmachen. So waren die Abflüsse aus Aktien-ETFs in Höhe von 3,7 Milliarden Euro im ersten Quartal gleichbedeutend mit der schwächsten Absatzbilanz in einem Quartal, seitdem wir Anfang 2007 angefangen haben, ETF-Mittelflüsse nachzuhalten.

Auf den zweiten Blick sollte man die Kirche im Dorf lassen und den ETF-Absatz im Kontext der Kapitalmarktentwicklung und, vor allem, im Verhältnis zur Bilanz aktiver Fonds sehen. Dann fällt das Fazit sehr viel besser für ETFs aus. Im schwachen Aktienmonat Januar konnten Aktien-ETFs gegen den Trend Zuflüsse verbuchen, und Renten-ETFs hatten im ersten Quartal einen Positiv-Rekord zu vermelden: In bisher keinem Quartal verbuchten Bond-ETFs derart hohe Zuflüsse wie in den vergangenen drei Monaten. 

Noch bedeutsamer ist allerdings der Quartalsvergleich zwischen aktiven und passiven Fonds. Hier sah es, wieder einmal, rabenschwarz für die aktiven Asset Manager in Europa aus. Stichwort Aktienfonds: Nach unseren vorläufigen Daten mussten aktive Aktienfonds in Europa knapp 30 Milliarden Euro an Abflüssen hinnehmen. Da muten die 3,7 Milliarden Euro an Anteilsscheinrückgaben bei Aktien-ETFs an wie die sprichwörtlichen Peanuts. 

Natürlich lässt sich geltend machen, dass die 30 Milliarden Euro, die aktiven Aktienfonds im ersten Quartal verlustig gegangen sind, wenig mehr sind als der Tropfen auf dem heißen Stein. Schließlich stecken in aktiven Aktienfonds gut 2 Billionen Euro. Allerdings mussten aktive Aktienmanager marktbedingt einen zusätzlichen Vermögensrückgang in Höhe von über 130 Milliarden Euro in den ersten drei Monaten 2016 verkraften. Außerdem höhlt der stete Tropfen bekanntlich den Stein: Mit Ausnahme des vierten Quartals 2015 leiden aktive Aktienfonds nunmehr seit 1,5 Jahren kontinuierlich unter dem Geldentzug der Anleger. Diese Abflüsse sind höchstwahrscheinlich auch von der schwachen Erfolgsbilanz aktiver Aktienfonds bedingt. Wir haben verschiedentlich darüber berichtet, dass ein erheblicher Anteil aktiver Fonds hinter den Vergleichsindizes bleibt. Viele Anleger, die von ihrem Fondsmanager enttäuscht wurden, dürften der Branche der aktiven Fonds angesichts der immer klarer erkennbaren ETF-Alternative für immer verloren gegangen sein. 

Mit Ausnahme des vierten Quartals 2015 leiden aktive Aktienfonds nunmehr seit 1,5 Jahren kontinuierlich unter dem Geldentzug der Anleger

Stichwort Bonds: ETFs und andere passiv verwaltete Fonds sind erst mit erheblicher Verspätung in dieses Kapitalmarktsegment vorgedrungen. Belief sich ihr Anteil am Bondfondsmarkt 2007 auf unter fünf Prozent, so befindet sich heute mehr als jeder zehnte Euro, der in Rentenfonds steckt, in einem Indexprodukt. In dieser Hinsicht war also die Entwicklung im ersten Quartal allenfalls hinsichtlich des Ausmaßes der Passivierung bemerkenswert. Inzwischen werden fast ebensoviele neue Bond- wie Aktien-ETFs auf den Markt gebracht. Das ist insofern bemerkenswert, als die große Welle der Strategic Beta Bond ETFs noch nicht losgetreten wurde. Glaubt man den Verlautbarungen der ETF-Anbieter, dann dürfte dieses bislang wenig beackerte Gebiet immer mehr die Aufmerksamkeit der ETF-Anbieter finden.

Last but not least drängen ETFs auch immer mehr in die ureigene Domäne aktiver Fonds ein. Es kommen immer mehr semi-aktive Strategic Beta Produkte auf den Markt. Im ersten Quartal sind diese Produkte, vor allem diejenigen, die anstreben, das Risiko zu reduzieren, so stark gewachsen wie schon lange nicht mehr. Es mag also sein, dass der Klassenprimus mit seiner 2- auf den ersten Blick eine enttäuschende Bilanz abgeliefert hat. Der zweite Blick offenbart indes einen Notendurchschnitt von bestensfalls einer glatten 4. Außerdem haftet den immerwährend triumpfalen Siegern irgendwann das wenig sympathisch Image des Strebers an. ETFs sind eben auch nur Fonds, und die werden auch verkauft. Manchmal mehr, häufiger weniger.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.