Was Anleger aus dem "Fall Footsie" lernen sollten

Der britische Leitindex ist bekannt für seine eigentümliche Branchenstruktur. Die hat sich im Zuge der Rohstoff- und Energiekorrektur zwar verändert, Anleger sollten aber die richtigen Schlüsse über den Wandel von Indexstrukturen über die Zeit ziehen.

Ali Masarwah 19.05.2016

Der britische Leitindex FTSE 100 hatte in den vergangenen Jahren gegenüber vielen anderen Marktbarometern wie DAX, Euro STOXX und vor allem dem S&P 500 das Nachsehen.* Er büsste im laufenden Jahr mehr ein und hinkt seit 2013 seinen Pendants auch stärker hinterher. Zwar hat das britische Pfund gegenüber den wichtigsten globalen Währungen im Zuge der Brexit-Debatte verloren, aber die Underperformance gegenüber den internationalen Indizes war nicht nur währungsbedingt. Das zeigt der Vergleich mit dem britischen Nebenwerteindex FTSE 250. Der „kleine Bruder“ des FTSE 100 legte in den vergangenen drei Jahren auf GBP-Basis um 9,24% zu, das sind 6,5 Prozentpunkte mehr als beim Standardwerteindex.

Wo bleibt der FTSE? Globale Indizes stechen den britischen Barometer aus

Die Gründe für die schwache Performance des FTSE 100 sind schnell erklärt. Im Gegensatz zu seinen anderen Large-Cap-Äquivalenten weist er eine starke Konzentration im Rohwarensektor sowie bei Energie- und Bergbauunternehmen auf, die seit 2014 unter Druck geraten sind. Firmen wie Royal Dutch Shell und Rio Tinto wurden von der Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft und dem Zusammenbruch der Preise für Öl und andere Rohwaren hart getroffen.

Übrigens war der FTSE 100 jüngst auch für aktive Fondsmanager eine Schiessbude: 2015 gelang es den meisten Managern britischer Standardwertefonds locker, den Index zu übertreffen. Es bedurfte spätestens Ende 2014 keiner prophetischen Gaben, um zu erkennen, dass Energie- und Rohstoffaktien einem Armageddon entgegen steuerten und sich entsprechend gegen den FTSE 100 zu positionieren (lesen Sie hier mehr). 

Ist der FTSE 100 heute ein Kaufkandidat?

Diese Korrektur hat das Erscheinungsbild des FTSE 100 verändert. Der Anteil an Energie- und Minenwerten sank zwischen Mai 2014 und Ende 2015 von 25% auf 16%. Welche Schlussfolgerungen sollten Investoren aus dieser Tatsache ziehen? Ist der FTSE attraktiver für Investoren geworden? Sollten Anleger aus dem Frankenraum und der Eurozone jetzt in britische Aktien investieren und dabei auch vom Währungseffekt profitieren?

Das wäre übereilt. Zum einen sollten taktisch orientierte Anleger nicht die Folgen eines möglichen Ausstiegs Grossbritanniens aus der Europäischen Union ausser acht lassen. Bei einem positiven Ausgang der Abstimmung für die Brexit-Befürworter könnte das britische Pfund noch einmal kräftig nachgeben. (Die Konzerne im FTSE 100 erwirtschaften rund 70% ihrer Umsätze ausserhalb Grossbritanniens, sodass die Folgen der Brexit-Abstimmung für sie nicht so eindeutig zu verorten sind.)

Vor allem sollten die Verschiebungen beim FTSE 100 in einem grösseren Kontext betrachtet werden. Es lässt sich natürlich argumentieren, dass der FTSE 100 heute eine ausgewogenere, diversifiziertere Benchmark ist als noch vor drei oder fünf Jahren. Man könnte jedoch auch die Meinung vertreten, dass die Verschiebung hin zu defensiven Werten neue Risiken mit sich gebracht hat. Das Gewicht von Aktien wie British American Tobacco, Reckitt Benckiser und Unilever hat deutlich zugenommen. Defensive Konsumgüterhersteller machen inzwischen etwa 20% im FTSE 100 aus, verglichen mit 15% vor fünf Jahren. Diese Aktien sind inzwischen hoch bewertet. 

Indizes sind eher mit Wanderdünen vergleichbar als mit Felsen in der Brandung

Aus den Verschiebungen im FTSE 100 sollten Anleger am ehesten das Fazit ziehen, dass Indizes keine starren Konstrukte sind, egal, ob sie S&P 500, SMI, DAX oder FTSE heissen. Die Deutsche Telekom macht heute gerade einmal 6% des DAX aus. Die Veteranen unter den Anlegern in Deutschland werden sich daran erinnern, dass das 1999 noch ganz anders aussah. Und auch wenn sich heute die meisten DAX-Investoren darüber freuen, dass Energiewerte keine Rolle in ihrem Leitindex spielen, so war dies noch vor zehn Jahren ein handfester Performance-Nachteil. Heute dürfte DAX-Investoren vor allem die Schwäche der chinesichen Wirtschaft Kopfschmerzen bereiten, die den exportwertelastigen Index bedroht.

Viele Anleger in der Schweiz werden den 20% Anteil bei den oben genannten defensiven Branchen im FTSE 100 ob der Dominanz von Nestle, Roche und Novartis im Leitindex SMI am ehesten mit einem Schulterzucken quittieren. Sie werden möglicherweise eine wohltemperiertere Branchenstruktur im breiter diversifizierten SLI suchen -- und dort allerdings im Gegenzug das grössere Gewicht der Banken zu spüren bekommen.    

Dem S&P 500 wiederum kam in den vergangenen Jahren der Höhenflug von Apple, Microsoft und Facebook und Co. zugute. Sollten Technologiewerte weltweit auf Tauchstation gehen, würde darunter der S&P 500 gleichermassen leiden wie der FTSE 100 profitieren - denn bei ihm spielen Technologiewerte nur eine vernachlässigenswerte Rolle. 

Die Moral der FTSE-Geschichte lautet also, dass Anleger grundsätzlich die Veränderungen bei Marktbarometern im Blick haben sollten. Das gilt übrigens auch für Anleger in Anlagefonds, denn auch deren Manager orientieren sich mehr oder weniger stark an den Vergleichsindizes. ETF-Investoren sollten wiederum beherzigen, dass sie keinesfalls passive Anleger sind. Sich für einen bestimmten Markt bzw. Index zu entscheiden, ist eine höchst aktive Entscheidung, die zudem laufend nachgehalten werden sollte.

Indexstrukturen verändern sich im Laufe der Zeit. Insofern ähneln Indizes eher Wanderdünen als dem Sprichwörtlichen Fels in der Brandung. 


* Die Anregung für diesen Artikel kommt von meiner Kollegin Hortense Bioy, die hier den Rebalancing-Effekt beim FTSE 100 nachgezeichnet hat. 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.