Brexit-Nachlese: Fonds-Investoren haben im Mai den falschen Braten gerochen

Morningstar Mittelfluss-Statistik zeigt, dass Anleger andere Risiken auf der Agenda hatten als den unerwarteten Ausgang des Referendums in Großbritannien.

Ali Masarwah 29.06.2016

Das Verhalten europäischer Anleger im Mai könnte künftig als Beispiel für ein interessantes psychologisches (neudeutsch auch: „behavioural“) Phänomen herhalten: das der selektiven Wahrnehmung. Fondsinvestoren wollten offenbar nur die Risiken sehen, die sie sehen wollten, und die betrafen die Themen, die über weite Strecken der vergangenen 12 Monate auf der Agenda waren. Als Stichworte mögen genügen: China, globales Wirtschaftswachstum, Euro-Krise. Nicht auf der Agenda stand indes die als abwegig angesehene Möglichkeit, dass die britischen Wähler mehrheitlich gegen die EU-Zugehörigkeit des Landes stimmen würden. Dieser Schluss drängt sich bei der Durchsicht unserer Mittelflussdaten in europäisch domizilierte Fonds für den Monat Mai auf.

Angezogene Handbremse, kein Griff zur Notbremse

Einerseits: Ja, mehrheitlich befanden sich Anleger im Risk-off-Modus. Sie haben sichere Häfen am Kapitalmarkt angesteuert. Darüber legen die Zuflüsse in Geldmarktfonds Zeugnis ab: satte 16,66 Milliarden Euro flossen im Mai diesen kurzfristigen Anlagevehikeln zu. Auch Aktienfonds wurden überwiegend verkauft. Es wurden Anteilsscheine im Wert von gut sieben Milliarden Euro zurückgegeben. Das bedeutet, dass Anleger dem Braten nicht getraut haben. Die Aktienmärkte sind im selben Monat weltweit stetig nach oben getickert, auch wenn es einige zwischenzeitliche Nasenstüber gab. 

Haben Anleger dabei den Brexit im Blick gehabt? Eher nicht. Fondsanleger hatten zwar Risiken am Kapitalmarkt im Blick, aber allem Anschein nach nicht den Brexit. Investoren befanden sich im Mai nur halbwegs im Risiko-Modus: Die Zuflüsse in Geldmarktfonds waren zwar hoch, aber bei weitem nicht so hoch wie noch in etlichen Monaten zuvor. Im November 2015 sahen Geldmarktfonds beispielsweise Zuflüsse in Höhe von über 36 Milliarden Euro. Im August 2015 wiederum wurden satte 13,1 Milliarden Euro aus Aktienfonds abgezogen. Anleger haben im Mai also keinesfalls die Notbremse gezogen. 

Dollar Hochzinsfonds als Problem ausgemacht, nicht High Yields als solche

Auch die Struktur der Mittelflüsse lässt den Schluss zu, dass Anleger auf andere Risiken geachtet haben. Stichwort US-Hochzinsfonds: Am unbeliebtesten waren im Mai Fonds der Kategorie US-Dollar High Yield, die knapp 2,5 Milliarden Euro an Abflüssen sahen - eine mutmassliche Spätfolge der Volatilität, die dieses Bond-Segment im vierten Quartal 2015 und im ersten Quartal 2016 ereilte. Wer einen Brexit auf dem Radar hatte, hätte nicht zwangsläufig US-Dollar-Anlagen abgestoßen. Die Mittelflüsse bei GBP Hochzinsfonds pendelten im Mai jedenfalls um die Nulllinie, und auch EUR Hochzinsfonds wurde weniger als ihre US-Dollar-Pendants verkauft. Anleger haben also im Mai gezielt US-Hochzinsfonds verkauft und nicht Hochzinsfonds als solche abgestossen. 

Stichwort USA Aktienfonds. Die hohen Abflüsse aus der Kategorie USA Standardwerte Wachstum deuten darauf hin, dass sich Anleger aus den inzwischen allgemein als hoch bewertetet angesehenen Aktien (Stichwort: „FANGS“) verabschiedet haben. Vielleicht waren diese Abflüsse sogar Gewinnmitnahmen von Anlegern, die in den Vorjahren mit diesen Fonds eine sehr ansehnliche Rendite erwirtschaftet haben? Hingegen konnten Schwellenländer-Aktienfonds im Mai erneut ansehnliche Zuflüsse verzeichnen. Europäische Investoren haben sich also gegen bzw. für eine spezifische Aktienkategorie entschieden, Brexit hin, Brexit her. 

GBP Mischfonds waren im Mai gefragt

Das stärkste Argument für unsere These der selektiven Wahrnehmung der Fondsanleger in Europa betrifft indes Fonds mit Anlagefokus auf Pfund Sterling. Wer mit einem Brexit rechnete, dürfte vor allem UK-Investments auf der Verkaufliste geführt haben. Grossbritannien-Investments wurden allerdings im Mai nicht in grossem Stil abgestossen. Im Gegenteil: Die vier Mischfonds-Kategorien, die auf Pfund Sterling (GBP) lauten („aggressiv“, „flexibel“, „ausgewogen“ und „defensiv“), verbuchten im Mai Netto-Zuflüsse von 164 Millionen Euro. Im April waren es leichte Abflüsse von 38,6 Millionen Euro, im März gingen GBP Mischfonds sogar ordentliche Zuflüsse von knapp 400 Millionen Euro zu. Dies entspricht dem inzwischen säkularen Trend hin zu Mischfonds europaweit. 

Doch selbst bei Aktien- und Obligationenfonds, die auf GBP lauten und im Mai Abflüsse verzeichneten, spricht nicht viel für einen Exodus aus Grossbritannien-Investments. Kommen wir zunächst zur Aktienseite. Unsere Fondsdatenbank umfasst sieben Fondskategorien für britische Aktien: Dividenden, flexibel anlegende Produkte, Standardwerte Blend, Standardwerte Wachstum, Standardwerte Value, Mid Caps und Small Caps.  Die untere Graphik zeigt die aggregierten Mittelflüsse in diese Fonds über die vergangenen drei Jahre.

Das Bild zeigt, dass Anleger in den vergangenen Monaten zwar Geld aus diesen Produkten abzogen, aber nicht in dem Umfang, den man angesichts der bedeutsamen Richtungsentscheidung Grossbritanniens erwarten könnte. Das geht auch aus dem Kontext der vergangenen drei Jahre heraus. Die Abflüsse aus britischen Aktienfondskategorien waren im Vorfeld des Schottland-Referendums im Spätsommer 2014 weitaus höher als in den ersten Monaten dieses Jahres. 

Grafik: Mittelflüsse in britische Aktienfondskategorien 2013 bis 2016 

Noch klarer wird die Sorglosigkeit vieler Anleger, wenn man die Mittelflüsse in die Obligationenkategorien betrachtet, die auf Sterling lauten. Auch hier existieren sieben GBP Fondskategorien: Corporates, diversifiziert, diversifiziert, Kurzläufer, flexibel, Staatsobligationen, High Yield, Inflationsschutz. Zwar sanken die aggregierten Mittelflüsse im Mai ebenfalls unter die Nulllinie, aber auch hier standen die Rückgaben in keinem Verhältnis zu den zwischenzeitlichen Abflüssen innerhalb der vergangenen drei Jahre, wie die untere Graphik illustriert. Auch dieses Bild spricht dafür, dass Anleger in GBP-Obligationenfonds andere Themen auf der Agenda hatten als den Brexit, der wenige Wochen später dem Pfund Sterling so kräftig zusetzen sollte.

 

Grafik: Mittelflüsse in britische Bond-Fondskategorien 2013 bis 2016 

Lesen Sie die vollständige Analyse zu den Geldflüssen in Publikumsfonds in Europa im Mai hier.

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.