Alternative Obligationenfonds sind nur selten eine Alternative

Wo bleiben die Retter der Bond-Renditen? Eine neue Serie zu Obligationen-Anlagefonds in Zeiten nicht vorhandener Zinsen. Teil I fängt sportlich an und beschäftigt sich mit Long/Short-Produkten, die der Gruppe der alternativen Investments angehören.

Ali Masarwah 06.09.2016

Das Bonmot, wonach Bundesobligationen ein renditefreies Risiko bieten, geht schon seit geraumer Zeit um. Mit immer weiter fallenden Renditen werden Bond-Portfolios zwar in ein für Anleger immer ansprechenderes Tiefgrün getaucht. Es gibt Kursgewinne satt. Aber mit jedem Aufwärtstick der Bond-Kurse schrillen für immer mehr Anleger und Berater die Alarmglocken. Sie sehen für die künftige Performance sicherer Obligationen schwarz bzw. für die Kurse rot, sollten die Zinsen einmal steigen. 

Die Korrektur im Frühjahr 2015 dürfte Wasser auf die Mühlen vieler Mahner gewesen sein. Die Bond-Märkte wurden weltweit von einem Renditeanstieg erschüttert. Binnen weniger Wochen schnellte beispielsweise die Umlaufrendite öffentlicher deutscher Anleihen von 0,05 auf 0,8 Prozent. Die Korrektur brachte vor allem langlaufende Anleihen ins Wanken. In der Spitze brach beispielsweise der Euroland-Rentenindex Citi EMU GBI 10+ Yr, der auf Papiere mit einer Restlaufzeit von mehr als zehn Jahren setzt, zwischen April und Juni 2015 um 13 Prozent ein. Ähnlich hoch waren die Verluste entsprechender Euro-Langläuferfonds.   

Aller Anfang ist sportlich: Kick-off mit Long/Short Bond-Fonds

Anleger, was nun? Wir starten heute in lockerer Folge eine Serie zu unterschiedlichen Bond-Strategien in Zeiten tiefster Zinsen. Welche Produkte bzw. Produktkategorien finden Investoren heute am europäischen Fondsmarkt vor? Welche Merkmale weisen die verschiedenen Fondsgruppen auf? Welche Strategien verfolgen Fonds? Wie sind die Produkte heute aufgestellt? Wo sind die Risiken, wo die Rendite-Chancen? Welche Fonds werden nachgefragt?

Der erste Teil beschäftigt sich mit Fonds der Kategorie Long/Short Bonds. Sie werden von den Anbietern gerne als Antwort auf die grossen Herausforderungen unserer Zeit präsentiert. Es handelt sich um eine Fonds-Kategorie, in der alternative, Hedgefonds-ähnliche Strategien zum Einsatz kommen. Allerdings ist ihr Absolute-Return-Profil eher verschwommen. Diese Produkte wenden typischerweise direktionale Strategien an. Sie haben also zumeist nicht den Anspruch, den Markt, also das Beta, auszublenden und mit so genannten Alpha-Strategien eine Geldmarkt-Plus-Performance zu erwirtschaften. Die Produkte in der entsprechenden Morningstar Kategorie weisen typischerweise ein Netto-Exposure von weniger als minus 20 Prozent oder über 20 Prozent an. Es gibt also bei diesen Produkten ein keinesfalls zu vernachlässigendes Marktrisiko.

Die Instrumente, welche diese Fonds einsetzen, sind vielfältig. Sie investieren zwar schwerpunktmäßig in globale Renten, es kommen aber auch CDS, Mezzanin-Instrumente und jede Menge Derivate zum Einsatz. 

Für Asset Manager, die Long-/Short-Obligationenfonds im Angebot haben, waren die beständig sinkenden Renditen und die zunehmende Risikoaversion der Anleger lange Zeit Wasser auf die Vertriebsmühlen. Produkte, die den Anspruch haben, auch mit Short-Strategien Geld zu verdienen, zogen sehr viel Anlegergeld an. 2012 beliefen sich die Mittelzuflüsse europaweit auf 7,85 Milliarden Euro. Im Jahr darauf wurde der Spitzenwert von 12,52 Milliarden Euro erreicht. Organisch, also unter Ausschluss der Performance, legte das Vermögen im Jahr 2013 um knapp 40 Prozent zu. Damit zählten diese Fonds zu den am stärksten wachsenden Produktgattungen in Europa. Auch 2014 waren die Zuflüsse mit gut zehn Milliarden Euro noch sehr hoch.

Der Stern begann Mitte 2015 zu verblassen 

Doch der Stern dieser Produkte verblasst. Brachten es Long/Short Bond Fonds im Juni 2015 in der Spitze europaweit auf ein Vermögen von knapp 75 Milliarden Euro, waren es per Ende Juli dieses Jahres nur noch rund 61 Milliarden Euro. Inzwischen sind die Mittelflüsse nicht nur zum Erliegen gekommen, sie haben vielmehr auch die Richtung gewechselt. In den vergangenen zwölf Monaten zogen Anleger netto 6,3 Milliarden Euro aus diesen Fonds ab. Der Grund: Es hat sich herumgesprochen, dass viele dieser Produkte ein Performance-Problem haben; sie liefern selten das, was sie versprochen haben, nämlich positive Erträge unabhängig von der jeweiligen Marktphase. (Sie erinnern sich: Wir hatten bereits festgestellt, dass die meisten dieser Fonds für ein solches Versprechen ein zu hohes Markt-Exposure haben.)

Kommen wir nun zu den Details. Die Kategorie der alternativen Long/Short Bond Fonds zeichnen sich durch eine starke Kopflastigkeit aus: Das Gros des Vermögens verteilt sich auf wenige Fonds. Diese wachsen erfahrungsgemäss oft in atemberaubendem Tempo - geben die Assets ebenfalls häufig schnell wieder ab, um einem neuen" Favoriten Platz zu machen.

Das Drehbuch sieht wie folgt aus: Hat ein Produkt mit einer guten Performance von sich reden gemacht, springen viele Anleger auf den Zug auf. Das Fondsvermögen des Outperformers schwillt binnen kurzer Zeit an. Doch weil Outperformance und Underperformance zwei Seiten der selben Fondsmedaille sind, folgt die unvermeidliche Schwächephase, worauf enttäuschte Anleger den Ausstieg suchen - in dieser Kategorie, die typischerweise vom Wealth Management der Banken an wohlhabende Kunden verkauft wird, übrigens besonders schnell.

Wegen der Kopflastigkeit der Fondskategorie wollen wir zunächst auf typische Vertreter zu sprechen kommen. Wir wollen Aufstieg und Fall einiger Produkte skizzieren. Im Anschluss finden Sie weiter unten eine Tabelle mit den grössten Produkten am Markt, die im deutschsprachigen Raum zum Vertrieb zugelassen sind. Da die meisten Produkte am europäischen Markt im Euroraum vertrieben werden, verwenden wir für alle Kalkulationen die Euro als Währung - es gibt deutlich weniger Fondstranchen, die für schweizer Anleger auf CHF notieren, sodass wir für diese holistisch angelegte Untersuchung Euro-Produkte (mit entsprechender Euro-Performance) verwenden, um auf ein repräsentativeres Sample zu kommen, als das bei CHF-Tranchen der Fall wäre. Die Links auf die Einzelfonds betreffen indes natürlich die Schweizer Tranchen. 

Wie gewonnen, so zerronnen: JB-Fonds verliert seit 2014 4,5 Milliarden Euro

Ein prominentes Beispiel der oben beschriebenen Mechanik der Fonds war beim GAM-Fonds  JB BF Absolute Return Bond zu beobachten. Im Zuge einer starken Performance im Jahr 2012 von – je nach Tranche – zwischen sechs und sieben Prozent zog dieser Fonds im Folgejahr gut eine Milliarde Euro an Zuflüssen an. Per Ende 2013 war das Vermögen auf sensationelle 6,73 Milliarden Euro gestiegen. Damit war er seinerzeit der grösste Fonds dieser Kategorie. 

Doch bereits 2013 fiel ein minimaler Verlust an, der sich 2014 in ein für diese Kategorie schmerzhaftes Minus von rund drei Prozent ausweitete. Auch 2015 waren die Performance-Vorzeichen des JB-Fonds deutlich negativ. Diese Entwicklung blieb Anlegern und den Beratern nicht verborgen. Sie zogen bereits 2014 gut 1,18 Milliarden Euro ab, und als sich die Performance 2015 weiter verschlechterte, wurden noch einmal 2,31 Milliarden Euro aus dem Fonds abgezogen. In diesem Jahr wurden in den ersten sieben Monaten, ungeachtet einer leichten Stabilisierung der Performance, Anteilsscheine im Wert von 1,2 Milliarden Euro zurückgegeben. Heute weist der Fonds ein Vermögen von nur noch etwas über zwei Milliarden Euro auf. 

Ähnlich volatil ging es beim BlueBay Investment Grade Absolute Return zu. Auf das sehr gute Jahr 2013 kannte der Run der Anleger (bzw. der Wealth-Management-Vertriebskanäle) kein Halten. 2014 wurden atemberaubende 2,58 Milliarden Euro in den Fonds investiert. Scharfe Draw-downs 2015 bewirkten den Abzug von 420 Millionen Euro. Auch in diesem Jahr schwächelte der Fonds, was das Tempo der Abflüsse beschleunigte. 

Der Ignis Absolute Return Government Bond hatte ebenfalls 2013 einen guten Lauf. Prompt verbuchte er Zuflüsse von 1,21 Milliarden Euro. Hohe Performance-Verluste in den beiden Folgejahren bewirkten Abflüsse von 1,08 Milliarden bzw. 720 Millionen Euro. Ähnlich das Bild beim Wellington Total Return Bond, der nach hohen Zuflüssen 2012 und 2013 im Zuge einer Schwächephase 2014 knapp 400 Millionen Euro abgeben musste. Auch in diesem Jahr ist die Vertriebsbilanz mit einem Minus von knapp 900 Millionen Euro tiefrot.

Direktionalität lässt Favoriten schnell abstürzen 

Die Beispiele liessen sich noch beliebig weiterführen, doch der Punkt wurde gemacht: Fonds-Stars werden geboren, mit Anlegergeld aufgepumpt, und häufig wird schon bald danach wieder reichlich Luft abgelassen. Ein wichtiger Grund dürfte in der bereits oben erwähnten Direktionalität liegen, die Performance-Sprünge nach oben wie nach unten bewirkt, die jedoch wegen der komplexen Natur der derivativen Fonds-Strategien für die meisten Investoren schwer zu durchschauen sind. Unglücklicherweise trifft diese Performance-Sprunghaftigkeit auf ungeduldige Anleger bzw. Berater, die höchst ungnädig auf Schwäche-Phasen reagieren. Diese aktionistische Vertriebspraxis geht zu Lasten der Anleger-Performance. 

Tabelle: Die grössten zehn Fonds der Kategorie Alternative Long/Short Bonds

Im zweiten Teil des Artikels werfen wir einen Blick aus der Vogelperspektive auf diese Kategorie. Im dritten stellen wir exemplarisch drei Long/Short Bond-Fonds näher vor. 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.