Europas Fondsbranche 2016: Ein Bild, viele Trends

Was bewegt Anleger in Europa in diesen volatilen Zeiten? Vom Februar-Crash über den Brexit-Schock bis hin zur neuen Emerging Markets Hype? Einige Deutungsversuche.

Ali Masarwah 28.09.2016

Auf dem europäischen Fondsmarkt sind tausende und abertausende von Akteuren aktiv. Transaktionen laufen parallel, überkreuzen sich, widersprechen sich. Trends verstärken sich und überlagern sich. Aber was netto übrig bleibt, entscheidet über die Deutungshoheit des Geschehens. Die grossen Tendenzen sind also tückisch, weil sie viele kleine einzelne Details überlagern, die zusammengenommen möglicherweise ein ganz anderes Bild über die Motive von Investoren aufzeigen.

Wir wollen einige dieser Trends und Tendenzen zum europäischen Fondsmarkt herausarbeiten, die hoffentlich zum Verständnis der verschiedenen Wirkungskräfte beitragen. Dafür wollen wir das aktuelle Wachstum auf Ebene der grossen Asset-Klassen analysieren und bei Bedarf etwas stärker ins Detail gehen.

Grafik: Das Wachstum der europäischen Fondsbranche im zeitlichen Kontext

 

 Quelle: Morningstar Direct

Die obere Grafik illustriert das organische Wachstum der wichtigen vier Grossgruppen Aktien, Renten, Alternative Investments und gemischte Mandate über die Jahre 2011 bis Ende August 2016. Zur Erinnerung: Die Kennzahl gibt die prozentuale Veränderung des Fondsvermögens wider, die auf Mittelflüsse zurückgeht. Markt-, also Performance-bedingte Effekte werden herausgerechnet. Aus der oberen Grafik lässt sich einiges ableiten.

Verpufft der Notenbank-Effekt?

Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass die Bereitschaft der Anleger derzeit gering ist, in Fonds zu investieren. Über alle Grossgruppen hinweg ist das Wachstum in diesem Jahr eingetrübt. Sogar im Vergleich zum Krisenjahr 2011. Offenbar haben der Crash zu Jahresanfang sowie der Brexit-Schock die Investitionsbereitschaft nachhaltig gehemmt. Anleger halten sich mit Investments in Langfristfonds fern.

Das ist insofern bemerkenswert, weil die globale Politik der Notenbanken nach wie vor sehr expansiv ist. Als die US-Notenbank FED (bis Mitte 2013) und die Europäische Zentralbank (deklarativ seit Mitte 2012, tatkräftig seit Anfang 2015) aufs Gas drückten, machte sich dies auf dem Fondsmarkt positiv bemerkbar. Heute sind die EZB, die Bank of England und die Bank of Japan unverändert "locker". Der Effekt ist indes begrenzt. Man mag sich nicht vorstellen, was passieren könnte, sollte die US-Notenbank tatsächlich ab Dezember 2016 auf die geldpolitische Bremse treten. Eine Blaupause dafür dürfte die seinerzeitige Ankündigung der Fed Mitte 2013 darstellen, ihre Anleihekäufe (QE) eindämmen zu wollen. Das löste das so genannte Taper Tantrum aus und setzte vor allem den Emerging Markets stark zu.

Kommen wir nun zu den wichtigsten vier Asset-Klassen bzw. Fonds-Grossgruppen im Einzelnen: 

Alternative Fonds legten in den ersten acht Monaten 2016 auf den ersten Blick ordentlich zu. Sie waren das am stärksten wachsende Segment am europäischen Fondsmarkt. Das ist bereits seit Jahren so. Doch dieses Bild weist inzwischen einige Kratzer auf. Zum einen ist das Plus von 7,1 Prozent im Vergleich zum Wachstum in den Vorjahren recht bescheiden. Das dürfte vor allem an ernüchternden Erfahrungen etlicher Anleger liegen. Alternative Fonds, die in der Regel mit dem Label "Absolute Return" verkauft werden, haben häufig Performance-Probleme.

Ausgebremst wurden die „Alternativen“ in diesem Jahr vor allem von hohen Abflüssen aus Long/Short-Rentenfonds und Fonds der Kategorie Global Macro. Vor allem erstere lieferten enttäuschende Performance-Daten im aktuell ruppigen Marktumfeld. Doch es kommt noch schlimmer: Ohne die Produktgruppe der Multistrategie-Fonds, die streng genommen Mischfonds sind, läge das Wachstum bei gerade einmal 2,3 Prozent. Long/Short und Co. sind also keinesfalls so gefragt, wie es oft dargestellt wird.

Vergegenwärtigt man sich, dass in Summe die meisten alternativen Kategorien in diesem Jahr negative Performance-Beiträge lieferten, so dürfte die Frage nach der Tragfähigkeit vieler Konzepte künftig noch weiter an Dringlichkeit gewinnen.

Sind also Mischfonds die Gewinner? Einerseits ja, aber auch hier sind Bremsspuren auszumachen. Die Produkte wachsen in diesem Jahr längst nicht mehr so stark wie in den Vorjahren. Und auch wenn man die bereits erwähnten alternativen Multistrategie-Fonds der Gruppe der Mischfonds zuschlagen würde, erhöhte sich das anämische Wachstum von 1,4 Prozent in diesem Jahr auf gerade einmal knapp drei Prozent. Vollends desillusioniert den Betrachter, dass nur ein Fonds, der Nordea Stable Return, für rund zweidrittel aller Zuflüsse in Mischfonds in diesem Jahr verantwortlich ist. Bei Mischfonds gilt wie kaum woanders das Motto: The Winner takes all. Übrigens wäre die Vertriebsbilanz von Mischfonds in Europa in diesem Jahr ohne die vier absatzstärksten Produkte negativ. 

Nachgerade hoffnungslos erscheint das Bild, das Aktienfonds präsentieren. Die grosssen Schlagzeilen künden schon seit Jahren von der Unbeliebtheit dieser Asset-Klasse bei Anlegern. In den ersten acht Monaten haben Anleger in Europa netto gut 73,5 Milliarden Euro aus Aktien-Publikumsfonds abgezogen. Sie schrumpften in der Folge um 2,6 Prozent. Auch in den Jahren zuvor waren die Zuflüsse im Verhältnis zum verwalteten Vermögen mickrig.

Aktienfonds sind out, oder? Nicht ganz. Es leiden vielmehr aktiv verwaltete Aktienfonds unter einem kräftigen Schwund. Anleger gaben Anteilsscheine im Gegenwert von rund 82 Milliarden in diesem Jahr per Ende August zurück. Indexfonds konnten dagegen 2016 erneut zulegen. Ihnen gingen knapp neun Milliarden Euro netto zu. Das entspricht einem Wachstum von 2,8 Prozent. Das ist nicht berauschend, zeigt aber, dass die Aktienfondsstory nach Differenzierung verlangt. (Man könnte das Bild noch weiter auffächern und darauf hinweisen, dass bei Emerging Markets Fonds in diesem Jahr vor allem aktiv verwaltete Produkte gekauft wurden - das Misstrauen der Anleger gegenüber aktiven Fondsmanagern ist also keinesfalls grenzenlos.)

Die einzige Grossgruppe, die einigermassen solide wächst, sind Obligationenfonds. Das ist angesichts des Negativzinsumfelds, das in weiten Teilen Europas herrscht, erstaunlich. Ein zweiter Blick macht das scheinbar Erstaunliche erklärbar: Mit Ausnahme von Kurzläufer-obliationenfonds, die heute typischerweise die Funktion von Geldmarktfonds einnehmen, haben Anleger in diesem Jahr Rendite und nicht Sicherheit gesucht. Gekauft wurden vor allem Spread-Produkte. Emerging Markets, Hochzinsfonds und flexible Bondfonds. Ob die Renditesucher im Nachhinein betrachtet nur das Risiko gefunden haben werden, ist eine andere Frage. Fakt ist immerhin, dass sich sowohl auf Ebene der Obligationenkategorien, aber auch mit Blick auf einzelne Anlagefonds ein ausgewogenes Bild vorherrscht. Die Anlagegelder wurden bei Bond-Fonds einigermassen breit gestreut, was – Stichwort Mischfonds – nicht selbstverständlich ist.  

 

 

 

 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.