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Kapriolen der Politik und der Märkte verunsichern Fondsanleger

Mittelflussdaten für europäische Fonds 2016 zeigen Zurückhaltung der Anleger bei Risiko-Assets. Zuflüsse in Mischfonds und alternative Produkte auf mehrjährigem Tief derweil Geldmarktfonds Rekordzahlen verbuchen. Die Morningstar Marktstatistik zum Jahr 2016.

Ali Masarwah 03.02.2017

Die Kombination aus Marktvolatilität und makroökonomischer sowie politischer Unsicherheit haben den Risikoappetit von Fondsinvestoren in Europa 2016 merklich gedämpft. Wie aus den Mittelflussschätzungen von Morningstar zum abgelaufenen Jahr zeigen, investierten Anleger 75,1 Milliarden Euro netto in Langfristfonds in Europa. Dies ist ein deutlicher Rückgang gegenüber den Vorjahren. 2015 hatten Anleger noch 302 Milliarden Euro in Publikumsfonds investiert, und 2014 waren es sogar 411 Milliarden Euro netto. In diesen Zahlen sind die Mittelflüsse in Geldmarktfonds sowie in ETFs nicht enthalten. (Lesen Sie hier mehr zur Vertriebsbilanz von ETFs sowie zum Marktanteil von Indexfonds in Europa).

Investoren sahen sich gleich mit mehreren turbulenten Phasen innert des vergangenen Jahres konfrontiert. Standen zu Jahresanfang noch die Bedenken zum globalen Wirtschaftswachstum im Vordergrund, so lieferte das Referendum zum Ausstieg Grossbritanniens aus der Eurozone Ende Juni einen weiteren Volatilitätsschub. Das dürfte auch zur zurückhaltenden Reaktion europäischer Fondsinvestoren auf den Wahlsieg von Donald Trump in den USA beigetragen haben, der den Risikoappetit von vielen Marktteilnehmern geweckt und Marktindizes seitdem auf Rekordhöhen getrieben hat.

Rabenschwarzes Jahr für Aktienfonds 2016

Wie aus unseren Daten weiter hervorgeht, hatten Aktienfonds sogar ein rabenschwarzes Jahr. Anleger zogen netto 76,1 Milliarden aus Aktienfonds ab, was 2016 zum schlechtesten Absatzjahr für diese Asset-Klasse seit 2008 macht. Alternative Fonds, die Hedgefonds-ähnliche Strategien implementieren, sahen Zuflüsse von 38,7 Milliarden Euro, Mischfonds sammelten netto 30,6 Milliarden Euro ein. Auch diese Niveaus waren deutlich unter den Vorjahren. 2015 hatten Mischfonds 138,1 Milliarden Euro an Nettomittelzuflüssen verbucht; alternativen Fonds waren seinerzeit 82,4 Milliarden Euro zugeflossen.

Vergegenwärtigt man sich, dass diese Fondsgruppen sowohl von den steigenden Bond-Renditen im vierten Quartal als von der Aktienkorrektur zu Jahresanfang 2016 betroffen waren, ist dieser Nachfragerückgang nicht verwunderlich.

Lediglich bei Bondfonds lag der Absatz mit 80,1 Milliarden Euro deutlich über dem Niveau des Vorjahres in Höhe von 37 Milliarden Euro. Dies dürfte in erster Linie auf die fortgesetzte expansive Linie der Europäischen Zentralbank zurückzuführen sein, die seit dem ersten Quartal 2015 ein Anleihekaufprogramm verfolgt, das die Nachfrage nach Anleihen aus dem Euroraum kontinuierlich stützt.

Geldmarktfonds sahen indes Zuflüsse in Höhe von 111,7 Milliarden Euro, dem höchsten jemals auf Jahresbasis gemessenen Niveau, seitdem Morningstar 2008 die Mittelflussstatistik für Europa erstellt. Auch dies ist ein Indikator für die Risikoaversion der Investoren in Europa.

Indes impliziert die gesunkene Nachfrage nach Fonds keinesfalls, dass die europäische Fondsindustrie per se in einer Krise steckt: Da sich per Saldo sowohl die Bond- als auch die Aktienmärkte freundlich zeigten, stieg das in Langfristfonds verwaltete Fondsvermögen in Europa gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent auf das Rekordniveau von 6,81 Billionen Euro.

Tabelle: Mittelflüsse und Fondsvermögen per Ende 2016

 

Der Blick auf die Nachfrage nach Fondskategorie zeigt gegenüber der Gesamtübersicht ein deutlich differenzierteres Bild, das sich nicht auf Schlagwörter wie „Risikoaversion“ reduzieren lässt. Dass Kurzläufer-und Ultrakurzläufer-Rentenfonds zu den Absatzrennern zählten, dürfte angesichts der Volatilität an den Aktien- und Rentenmärkten und nicht überraschen. Dass Schwellenländer-Aktien- und -Rentenfonds zu den Top-zehn Kategorien zählten, auf den ersten Blick indes vermutlich schon. Die Absatzzahlen für das Gesamtjahr zeigen, dass Anleger nach längerer Abstinenz wieder Emerging Markets entdeckt haben. Getrieben wurde diese Nachfrage, wie so häufig bei Fondsinvestments, von der Erholung der zugrundeliegenden Märkte. Nach langjähriger Underperformance konnten Schwellenländer-Aktien 2016 ihre Pendants aus den Industrieländern hinter sich lassen, und auch auf der Bond-Seite war die Performance (nicht erst 2016) per Saldo ordentlich.

Allerdings erhielt das deutlich verbesserte Sentiment für Emerging Markets im Herbst einen deutlichen Dämpfer: Die Wahl Trumps und die damit verbundenen Befürchtungen über eine protektionistische US-Handelspolitik sowie der steigende Dollar führten zu hohen Abflüssen in den letzten Monaten des Jahres.

Unverändert beachtlich waren dagegen die Zuflüsse in alternative Multistrategiefonds sowie in etliche Mischfondskategorien. Allerdings gehen diese Zuflüsse weniger auf eine Kategorie-weite Nachfrage zurück, sondern auf hohe Zuflüsse in einige wenige Favoritenfonds, die in der Vergangenheit durch eine robuste Performance auf sich aufmerksam gemacht hatten. So gingen etwa rund zweidrittel der Zuflüsse von 16,3 Milliarden Euro in ausgewogene Mischfonds auf das Konto des Nordea Stable Return. Bei flexiblen Mischfonds stand der Flossbach von Storch Multiple Opportunities im Fokus, und bei alternativen Multi-Strategiefonds waren der JPMorgan Global Macro Opportunities sowie die Target Return Familien von Invesco und Aviva am erfolgreichsten.

Tabelle: Die Fondskategorien mit den höchsten Zuflüssen

Auf der Verliererseite stechen Fonds für europäische Aktien ins Auge. Anleger zogen 19,5 Milliarden Euro aus Standardwertefonds ab. Aus Aktienfonds Europa ex Grossbritannien waren es 10,3 Milliarden Euro. Letztere Kategorie wird typischerweise in Grossbritannien vertrieben, wie auch Fonds für britische Standardwerte. Dies deutet an, dass im Zuge des Brexit-Referendums Anleger dort ihr Aktienrisiko reduziert haben.

Angesichts extrem tiefer (bzw. häufig auch negativer) Renditen kommt der Abschied der Investoren aus EUR-Staatsanleihefonds wenig überraschend, wobei das Gros der Mittel im vierten Quartal abgezogen wurde, was zeitlich mit dem Renditeanstieg im November und Dezember zusammenfällt.

Die hohe Nachfrage nach Japan-Aktienfonds und US-Hochzinsfonds im vierten Quartal konnte die bis dato hohen Abflüsse im vergangenen Jahr nicht kompensieren.

Tabelle: Die Fondskategorien mit den höchsten Abflüssen

 

Blicken wir nun auf die Anbieter. Positiv hervorstechen konnten vor allem Eurizon Capital, Nordea und Union Investment. Eurizon profitierte in erster Linie vom hohen Absatz von Laufzeitfonds über die Filialen der italienischen Mutterbank Intesa San Paolo. Auch Union Investment konnte mit den Filialen der Volks- und Raiffeisenbanken im Vertrieb punkten, vor allem mit dem Verkauf von Misch-, Renten und offenen Immobilienfonds. Nordea war indes in multiplen Vertriebskanälen europaweit erfolgreich, nicht zuletzt dank des Block-Buster-Produkts Nordea Stable Return. Ob die Nordländer weiterhin in den Absatzrennlisten zu finden sein werden, erscheint ungewiss: Seit der Schliessung ihres prominenten Mischfonds, der an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen war, muss Nordea im Vertrieb kleinere Brötchen backen. Wegen hoher Abflüsse aus Rentenfonds war die Absatzbilanz von Nordea im vierten Quartal sogar tiefrot.

Tabelle: Die erfolgreichsten Anbieter von Langfristfonds

Wer gedacht hätte, dass es nach den hohen Abflüssen im Jahr 2015 für Aberdeen, Franklin Templeton und M&G 2016 nur besser laufen könnte, sah sich getäuscht. Auch im abgelaufenen Jahr zogen Anleger massenhaft Gelder aus den Fonds dieser drei Anbieter ab. Franklin Templeton und Aberdeen verloren 2016 sogar jeweils rund 20 Prozent ihrer zu Jahresanfang gemessenen verwalteten Gelder infolge von Mittelabflüssen. Bei Franklin Templeton standen erneut die beiden großen Rentenfonds Templeton Global Bond und Templeton Global Total Return im Fokus, aus denen Investoren insgesamt rund 13 Milliarden Euro abzogen, obwohl beide Fonds in der Kategorie „Renten global“ eine ordentliche Bilanz ablieferten. (Beide Fonds investieren derzeit fast ausschliesslich in Schwellenländer-Bonds, was einiges über das Risiko der Fonds aussagt – und über die Nervosität vieler Investoren.)

Etwas optimistischer dürften indes die Verantwortlichen bei M&G in die Zukunft blicken: Für das ehemalige Blockbuster-Produkt M&G Optimal Income, das wegen einer defensiven Ausrichtung über weite Strecken der vergangenen 18 Monate schlecht lief und wegen hoher Abflüsse zum Sorgenkind mutiert war, lief es seit dem vierten Quartal 2016 wieder deutlich besser. Der defensive Mischfonds lag mit seiner extrem kurzen Duration seit dem vierten Quartal 2016 goldrichtig und konnte seine Vergleichsgruppe deutlich outperformen. Das haben Anleger mit Mittelzuflüssen belohnt.

Ungewohnt das Bild dagegen bei BlackRock. Im Gegensatz zum hauseigenen ETF-Anbieter iShares, der nach wie vor der Konkurrenz europäischen Vertrieb enteilt, mussten die aktiv verwalteten Fonds bei BlackRock Mittelabflüsse hinnehmen. Dies betraf in erster Linie den Mischfonds BlackRock Global Allocation, der 4,7 Milliarden Euro an Abflüssen verkraften musste.

Bei Standard Life Investments standen vor allem die alternativen GARS Multistrategiefonds auf der Verkaufliste, die zuletzt eine eher bescheidene Performance ablieferten.

Tabelle: Die Fondsgesellschaften mit den höchsten Abflüssen

Die vollständige Version des Mittelflussberichts auf englisch lesen Sie hier. Hier kommen Sie zur Absatzbilanz von Indexfonds.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.