Schwellenländer-Risiken: Manchmal gut, manchmal böse, immer hässlich

Einige Anmerkungen zur aktuellen Brasilien-Korrektur und zur Frage, ob der übliche Alarmismus an den Aktienmärkten Anleger zum Handeln bewegen sollte. Teil II des Artikels zu den aktuellen Marktturbulenzen dort.

Ali Masarwah 22.05.2017

Die Überschrift unserer Einschätzung zur Tragweite der Korrektur am brasilianischen Aktienmarkt fasst eigentlich alles Wesentliche zu dem Thema zusammen: An den Schwellenländer-Aktienmärkten geht es manchmal anlegerfreundlich zu, manchmal geht es katastrophal schlecht für Anleger aus, und aus der Perspektive eines risikoaversen Anlegers sind diese Märkte in jedem Fall volatil: Gut, böse, hässlich eben.  (Dass dieser Autor ein bekennender Fan von Sergio Leones Spaghetti-Westernfilmen ist, ist natürlich vollkommen nebensächlich, für Gleichgesinnte dennoch an dieser Stelle eine kurze und somit arbeitgeberfreundliche Zusammenfassung von The Good, the Bad and the Ugly, opulent unterlegt mit dem Themensong von Ennio Morricone.)

Zur Erinnerung: Die Nachricht, wonach der brasilianische Präsident Michel Temer möglicherweise in einem Korruptionsskandal verstrickt ist, schlug am Donnerstag vergangener Woche ein wie eine Bombe. Auch wenn die brasilianische Regierung die Vorwürfe dementierte, brachen die Aktienkurse und auch der Kurs des Reals massiv ein. Auf Euro-Basis gerechnet sackte der Aktien-Index Morningstar Brazil in der vergangenen Woche um gut 14,5 Prozent ab. Ohne die gut zweiprozentige Kurserholung am vergangenen Freitag wäre die Bilanz noch schwärzer ausgefallen.  

Die Korruptionsvorwürfe sind noch längst nicht abschliessend geklärt und das lässt weitere volatile Zeiten erwarten. Das mag für einige Fonds-Investoren, die nun ein Ende der Reformen in Brasilien befürchten, dramatisch erscheinen. Doch dafür spricht nicht sehr viel. Es ist vielmehr so, dass die Volatilität der vergangenen Woche typisch für das ist, was Anleger bei einem Investment in Schwellenländer-Aktien erwarten können: Korruption auf Ebene des politischen Systems, Intransparenz auf der Unternehmensebene, und häufiger denn nicht kommen diese beiden Faktoren zu einer unguten Melange zusammen.

Das soll heissen: Es gibt nichts Neues unter der Sonne: Die Volatilität in Brasilen in der vergangenen Woche ist Teil des Tagesgeschäfts von Investoren. In der Finanzsprack könnte man das auch so ausdrücken: Korruption und Intransparenz sind ein inhärenter Bestandteil der Emerging Markets Risikoprämie.

In der Finanzsprack könnte man das auch so ausdrücken: Korruption und Intransparenz sind ein inhärenter Bestandteil der Emerging Markets Risikoprämie 

Wir haben im ersten Teil des Artikels en Detail die Gewichtungen brasilianischer Aktien in globalen Schwellenländerfonds untersucht und festgestellt, dass sie in etwa denen der zugrundeliegenden Indizes entsprechen, also im Mittel etwa zwischen sechs Prozent bei Schwellenländer-Nebenwertefonds und 16 Prozent bei BRIC-Fonds liegen. Das ist kein Drama und zieht dürfte keinen Handlungsbedarf nach sich ziehen. Die meisten Schwellenländerfonds sind breit diversifiziert und dürften den Crash einigermassen unbeschadet überstanden haben.  

Doch es gibt auch einen weiteren Grund, den Brasilien-Crash nicht als Verkaufssignal zu verstehen. Was an den Märkten passiert, spiegelt häufig die viel zitierten „Animal Spirits“ wider und ist nicht indikativ für das, was die Zukunft bringen wird. Es ist sogar oft so, dass nervöse Anleger in turbulenten Zeiten nach strukturellen Gründen für die negativen Aktienmarktentwicklungen suchen, um einen „guten Grund“ zu haben, ihre Verkaufsorder mit gutem Gewissen platzieren zu können. Man spricht hier auch vom so genannten Confirmation Bias.

„Fragile Five“ als Signal zum Kauf oder Verkauf?

Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang an den Begriff „Fragile Five“, den ein kreativer Mitarbeiter der US Bank Morgan Stanley im August 2013 erfunden hat. Die Türkei, Brasilien, Indien, Südafrika und Indonesien wurden seinerzeit wegen ihrer Abhängigkeit von ausländischen Kapitalflüssen als Hochrisikomärkte eingestuft. Die faktische Verkaufsempfehlung zu diesen Märkten fiel zeitlich in eine volatilie Phase; die seinerzeitige Diskussion um ein Ende der Anleihekäufe der US-Notenbank hatte das so genannte Taper Tantrum ausgelöst, das Schwellenländer-Investments weltweit traf. In der Folgezeit wurden Emerging-Markets-Fonds (einschliesslich Brasilien-Länderfonds) massiv verkauft. Das passte übrigens zur wirklich miserablen Brasilien-Performance der Jahre 2011, 2012 und 2013. Die Abflüsse gingen recht heftig bis Ende 2016 weiter.

Doch was passierte ab 2016 an den Märkten? Als die Stimmung der Anleger, übrigens auch der Fondsmanager, für Brasilien am schlechtesten war, hob der Aktienmarkt zu einer veritablen Erholungsrally an. Auch dank einer freundlichen Währungsentwicklung legte der Morningstar Brazil Aktienindex aus Euro-Sicht im Jahr 2016 um sensationelle 70 Prozent zu. Wer im Zuge der Fragile-Five-Angst verkauft hatte, war im Zweifel zur Unzeit ausgestiegen.

Nun kann kein Zweifel daran bestehen, dass Investoren am brasilianischen Aktienmarkt in den vergangenen zehn Jahren absolut nicht für ihr Risiko entlohnt wurden. Der Morningstar Brazil Index trat mit einem mageren Plus von einem Prozent pro Jahr in den vergangenen zehn Jahren praktisch auf der Stelle. (Derweil legte der S&P 500 seit Mitte 2007 jährlich um gut acht Prozent zu, und europäische Aktien kamen immerhin pro Jahr auf ein Plus von knapp drei Prozent pro Jahr.)

Allerdings wären Investoren besser gefahren, zur Zeit der Erfindung des Begriffs „Fragile Five“ in den brasilianischen Markt einzusteigen und bis vergangenen Freitag investiert zu sein als die Investoren, die in den gut 3,5 Jahren vor Verkündung der Fragile-Five-Warnung in Brasilien-Aktien investiert waren und dann verkauften.  In der Zeitrechnung seit Fragile Five legte der Morningstar Brazil Index um kumuliert sieben Prozent zu; davor verlor der Index zwischen Ende 2009 und Ende August 2013 kumuliert gut 20 Prozent.

Betr. Schwellenländer: Drei Lehren für Investoren  

Die untere Tabelle zeigt, dass bei Brasilien-Aktien prozyklisches Handeln selten vom Erfolg gekrönt ist: Wer Ende 2007 mit einem Plus von 60 Prozent im Rücken einstieg, verlor 2008 gut 50 Prozent seines Investments. Wer 2008 verkaufte, verpasste das Plus von 122 Prozent 2009. Wer Ende 2009 einstieg, landete bei einem der schwächsten BRIC-Märkte 2010, und wer Ende 2015 mit einem Jahresminus von rund 35 Prozent die Reissleine zog, bekam das Plus von 71 Prozent 2016 nicht mit.

Tabelle: Performance und Risiko von Brasilien-Aktien im Zeitverlauf

Diese kleine Beispielrechnung soll zeigen, dass: a. Schwellenländermärkte hochvolatil sind; b. Investments sollten dort deshalb breit diversifiziert erfolgen, und c. wer partout konzentrierte Wetten eingehen will, der sollte - bitte, bitte, bitte! - so mutig sein und antizyklisch investieren.

Ob der „Mikro-Crash“ vom 18. Mai nun unbedingt der Auslöser für das Szenario c. sein muss, ist eine andere Sache. Blickt man auf das Geschehen am Markt in diesem Jahr, dann liegen Brasilien-Aktien per Stand Freitagabend nur leicht im Minus. Wer also nach einem Crash Kaufgelegenheiten wittert, dem sei gesagt, dass in Brasilien in diesem Jahr eigentlich herzlich wenig passiert ist.  

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.