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Brasilien schockt die Märkte – doch was ist mit den Fondsanlegern?

Nach Bekanntwerden der möglichen Verwicklung des Präsidenten in einen Korruptionsskandal erlitten Brasilien-Aktien in der vergangenen Woche hohe Kursverluste. Wir haben nachgeschaut, inwieweit Fondsanleger aus Europa in Brasilien-Aktien engagiert sind.

Ali Masarwah 22.05.2017

Die Nachricht, wonach der brasilianische Präsident Michel Temer möglicherweise geholfen haben soll, mit Hilfe von Geldzahlungen Mitwisser in einem Korruptionsskandal zum Schweigen zu bringen, schlug am Donnerstag vergangener Woche ein wie eine Bombe. Auch wenn die brasilianische Regierung die Vorwürfe dementierte, erwarten offenbar viele Anleger eine Rückkehr der politischen Instabilität, die in den vergangenen Jahren die brasilianische Börse wiederholt in Mitleidenschaft gezogen hatte. So lässt sich jedenfalls das Geschehen am 18. Mai deuten. Mehrfach wurde der Handel am brasilianischen Markt ausgesetzt, der brasilianische Real verlor gegenüber dem Dollar zeitweise rund sieben Prozent. Auf Euro-Basis gerechnet brach der Aktien-Index Morningstar Brazil in der vergangenen Woche um gut 14,5 Prozent ein. Ohne die gut zweiprozentige Kurserholung am Freitag wäre die Bilanz noch schwärzer ausgefallen.  

Brasilien ist für Anleger in global investierenden Fonds kein Thema

Das lässt aufhorchen. Wir haben nachgeschaut, welche Rolle Brasilien-Wertpapiere für Aktienfondsanleger in Europa spielen. Im Grossen und Ganzen kann Entwarnung gegeben werden. Für globale Portfolios spielt Brasilien als Anlageregion keine nennenswerte Rolle. Im Schnitt sind global anlegende Aktienfonds, die überwiegend in Unternehmen der Industrieländer investieren und den MSCI World Aktienindex als Benchmark haben, nur zu rund 0,3 Prozent in Brasilien-Aktien investiert. Das ist eine äusserst homöopathische Beimischung.

Naturgemäss ändert sich dieses Bild, wenn man sich auf Schwellenländer-Gefilde zubewegt. So waren Brasilien-Aktien im MSCI Emerging Markets Index per Ende März zu 7,5 Prozent gewichtet. Das ist deutlich mehr als noch Anfang 2016, als infolge starker Kursrückgange 2013 bis 2015 die Brasilien-Quote im Index auf 5,4 Prozent gesunken war. 

Und wie sieht es bei Schwellenländer-Fonds aus? Kommen wir zunächst zu Standardwertefonds. Diese Fonds messen sich typischerweise am MSCI Emerging Markets, der zugleich auch die Kategorie-Benchmark der Morningstar Kategorie Aktien Schwellenländer Standardwerte ist. In aktiv verwalteten Schwellenländer-Standardwertefonds waren Brasilien-Aktien zu 7,3 Prozent per Ende März gewichtet. Das entspricht einer minimalen Untergewichtung von 0,21 Punkten gegenüber der MSCI Benchmark. Das ist insofern interessant als Brasilien 2016 der mit Abstand Performance-stärkste Markt unter den grossen Schwellenländern war. Es hat sich seitdem also kein Herdentrieb entfaltet, der Fondsmanager zur Übergewichtung Brasiliens getrieben hätte.

Zudem ist die heutige Positionierung keine Ausnahme. Wie die untere Grafik zeigt, sind aktiv verwaltete Schwellenländerfonds schon geraume Zeit in Brasilien untergewichtet. Seit Anfang 2016 belief sich die Untergewichtung Monat für Monat im Schnitt auf 0,34 Punkte. Damit zählt Brasilien zu den Märkten, die europäische Fondsmanager konstant gegenüber der Benchmark untergewichten. (Indes waren China-Aktien die absolut gesehen grösste Untergewichtung in Schwellenländerfonds mit sechs Punkten, gefolgt von Südkorea mit 3,1 Punkten; die grösste Übergewichtung gegenüber dem MSCI Emerging Markets haben Schwellenländer-Fonds Fonds bei russischen Aktien mit gut einem Punkt und Indonesien-Aktien mit 0,24 Punkten.)

Grafik: Die Brasilien-Quote von Schwellenländerfonds 2016-17

Quelle: Morningstar Direct

Etwas anders ist die Entwicklung bei der zweiten Gruppe der global anlegenden Schwellenländer-Fonds gelagert: In Nebenwertefonds hat sich die Brasilien-Quote von einer recht deutlichen Übergewichtung Anfang 2016 zu einer leichten Untergewichtung per Ende März 2017 entwickelt. Wie aus der unteren Tabelle hervorgeht, machten brasilianische Aktien Anfang 2016 noch gut fünf Prozent der aktiv verwalteten Emerging Markets Nebenwertefonds aus gegenüber 4,2 Prozent im MSCI Emerging Markets SMID, was einer Differenz von 81 Basispunkten entspricht. Diese Übergewichtung stieg auf eine Differenz von 1,05 Punkten im März 2016. Hiernach wurde die Brasilien-Quote sukzessive heruntergefahren bis auf eine Untergewichtung von 0,15 Punkten per Ende März 2017, was einem absoluten Gewicht von 6,4 Prozent entspricht. Auch hier sind Fondsanleger im Mittel also eher unterdurchschnittlich von der Korrektur erfasst worden.

Grafik: Die Brasilien-Quote von Schwellenländer-Nebenwertefonds 2016-17

 

Quelle: Morningstar Direct

Konzentrierter geht es in der dritten Gruppe der global anlegenden Schwellenländer-Aktienfonds zur Sache, und hier weisen die Fonds durchaus eine Unwucht auf: Die Rede ist von den sogenannten BRIC-Fonds. Wir sehen diese Fonds seit jeher wegen der hohen Konzentrationsrisiken kritisch: Es gibt keinen schlüssigen Grund, in einem global anlegenden Fonds nur auf vier Märkte zu setzen. Fondsmanager sollten vielmehr Chancen weltweit suchen, weshalb die Fokussierung auf die vier Märkte Brasilien, Russland, Indien und China für Anleger eine unnötige Beschränkung darstellt.

Doch wie dem auch sei: Aktiv verwaltete BRIC-Fonds waren per Ende März zu 16,23 Prozent in Brasilien-Aktien investiert. Das ist eine geringfügige Übergewichtung gegenüber dem MSCI BRIC Index, der einen Brasilien-Anteil von 15,92 Prozent zum Stichtag aufwies. Die untere Tabelle zeigt, dass BRIC-Fonds in Brasilien per Saldo überwiegend gegenüber dem MSCI BRIC übergewichtet waren, wobei die relative Gewichtung häufig in die eine wie die andere Richtung ausschlug. Gemessen an dem Gewicht von China- und Indien-Aktien, die in dieser Fondskategorie durchschnittlich rund 40 Prozent bzw. gut 20 Prozent ausmachen, ist das eine relativ gemässigte Investitionsquote.

Grafik: Die Brasilien-Quote von BRIC-Fonds 2016-17

 

Quelle: Morningstar Direct

Jenseits von BRIC-Fonds gibt es – mit der offenkundigen Ausnahme von Brasilien-Aktienfonds selbst - nur eine Kategorie, in der Brasilien-Aktien noch stärker vertreten sind als bei BRIC-Fonds: Regionenfonds für Lateinamerika-Aktien. Hier macht die Brasilien-Quote mit durchschnittlich rund 55 Prozent den Löwenanteil der Fonds aus, was etwas weniger als im MSCI EM Latin America ist. Das spiegelt die Dominanz Brasiliens in der Anlageregion Lateinamerika wider. Wir gehen allerdings davon aus, dass nur solche Anleger in diesen Regionenfonds (wie in Brasilienfonds) investiert sind, die eine nur leidlich diversifizierte Wette auf Brasilien-Aktien eingehen wollen und insofern genau wissen, was sie tun.

Kommen wir nun zur Bewertung des Brasilien-Crashs vergangene Woche. In den bisherigen Ausführungen ist gänzlich offen geblieben, ob diese relativen Gewichtungen von Brasilien-Aktien in globalen Fonds nun als gut oder schlecht für Anleger zu beurteilen sind. Verkürzt gesagt liegt das im Auge des Betrachters. Das klingt gelassen, und das ist auch so gemeint. Eine ausführliche Abwägung der Vor- und Nachteile der Aktien-Volatilität bei Schwellenländer-Aktieninvestments finden Sie hier.

 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.