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Investieren nach Zahlen oder was ist dran am kalendarischen Rendite-Effekt?

Der Mai ist vergangen und die Börsen-Pferde schlugen nicht aus. Wieder einmal nicht. Einige Überlegungen zu vermeintlichen saisonalen Effekten anhand der langjährigen Ibbotson-Renditereihe.

Ali Masarwah 06.06.2017

Sell-in-May Effekt, Halloween-Regel, Winter- bzw. Januareffekt, Jahresend-Rally: Jede Jahreszeit hat eine passende Börsenweisheit. Doch leider wollen die Börsen häufig nicht so richtig mitziehen und verweigern sich immer wieder auch den schönsten "Gesetzen". Auch in diesem Jahr haben einige Medien die vermeintliche Mai-Regel „Sell in May and go away, but don’t forget to come back in September“ thematisiert. Anfang Juni hiess es dann bei einem Online-Dienst: „Mai-Regel entpuppt sich als hohler Spruch“. Denn der Mai war ein guter Monat an der Börse. Dumm gelaufen. 

Leider halten sich tatsächliche oder vermeintliche „saisonale Effekte“ unglaublich hartnäckig in den Medien und sogar auch unter Profis. Vielleicht liegt es ja in der Natur des Menschen, hinter allem einen tieferen Sinn sehen zu wollen, ja zu müssen? Wie dem auch sei: Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass – je nach favorisiertem Sprichwort - rechtzeitig vor dem September ein weiterer „Schreckens-“ oder wahlweise Wonnemonat“ angekündigt werden wird. 

Deshalb wollen wir schauen, ob sich tatsächlich saisonale Effekte anhand langjähriger Aktienrenditen ablesen lassen können. Und wenn ja: Was sagen sie uns?

Vorweg gesagt: Es gibt sie tatsächlich, diese saisonalen Muster. Deshalb werden wir anschliessend einige Überlegungen zum Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität anstellen und auch überlegen, ob Markt-Timing tatsächlich für Langfristanleger erfolgversprechend sein kann.

Können 1.097 Monatsrenditen irren? 

Kommen wir zur Empirie: Was sagt uns die Historie? Um die Märkte auf saisonale Performance-Muster abzuklopfen, haben wir die 1.097 Monatsrenditen des Ibbotson Associates US Large Stock TR seit Januar 1926 abgetragen und nachgesehen, was die Performance-Muster hergeben. (Der Ibbotson-Index ist übrigens der US-Standardwerte-Index, der dem berühmten Ibbotson Chart zu langfristigen Aktien-Renditen zugrunde liegt.)

Uns ist natürlich bewusst, dass Statistiker ob einer solch mickrigen Zeitreihe verächtlich die Lippen schürzen werden. Denn auch 1.097 Monatsrenditen sind ein kleines Sample für professionelle „Number-Cruncher“, deren Simulationsmodelle Millionen von Datenreihen umfassen. Aber immerhin sind die knapp 1.100 Renditepunkte deutlich mehr als die rund 430 Monatsrenditen, die der DAX hergibt, der erst seit 1988 berechnet wird. (Für die Realisten unter uns: natürlich investiert kein Mensch monatsweise über 91 Jahre, aber wer vermeintliche saisonale Regeln heraufbeschwört, muss damit rechnen, dass wir unsere Datenkeule auspacken!) 

Kommen wir zunächst zum Mai 2017. Unser Ibbotson-Standardwerteindex legte im vergangenen Monat auf US-Dollar-Basis um 1,41 Prozent zu. Damit handelt es sich um einen überdurchschnittlich guten Mai. Auch in den vier Jahren zuvor waren alle Mai-Renditen positiv. (Natürlich reichte keine Mai-Performance zwischen 2013 und 2017 an den Mai 1933 heran, als US-Aktien um 16,8 Prozent zulegten.)

Im Schnitt legten die Aktienkurse im Mai seit 1926 um 0,5 Prozent zu, wie aus der unteren Tabelle hervorgeht. Damit zählt der Mai eher zu mittelmässigen Monaten. Nur im Februar und September waren die Monatsrenditen seit 1926 mit plus 0,46 Prozent bzw. minus 0,72 Prozent schwächer. Die besten Monatsrenditen fielen im Juli mit einem Durchschnittsplus von 1,81 Prozent an, gefolgt vom Dezember (1,69 Prozent) und April (1,54 Prozent). 

Tabelle: Die Monatsrenditen des IA SBBI US Large Stock TR seit 1926

Gleicht man die oberen Eckdaten mit dem Spruch „Sell in May and go away, but don’t forget to come back in September“ ab, so wird deutlich, dass die vermeintliche Weisheit mit Vorsicht zu geniessen ist. Ein Anleger, der pünktlich Ende April aus dem Markt ausstieg verpasste zwar einen unterdurchschnittlichen Mai (der dennoch langfristig keine Verluste produzierte), aber ihm entging die doppelt so hohe Juni-Rendite, der freundlichste Kalendermonat Juli mit einem Plus von durchschnittlich 1,81 Prozent ging auch flöten wie auch der ebenfalls positive August, in dem die Kurse seit 1926 im Mittel um 1,17 Prozent zulegten. Wer dann pünktlich zu September-Beginn einstieg, erwischte den einzigen Monat, in dem die Kurse im Mittel seit 1926 negativ waren.

Auch 91 Jahre sind nicht mehr als ein Wimpernschlag 

Wer hinter die Schlagzeilen schaut, kommt nicht umhin, die vermeintlichen kalendarischen Investment-Regeln ad acta zu legen. Stichwort Mai: Wer diesen schwächeren Börsen-Monat vermeiden wollte und rechtzeitig 92 Mal verkaufte, konnte sich in 65 Prozent der Fälle im Nachhinein ärgern. Nur in knapp 36 Prozent der Mai-Monate fielen tatsächlich Verluste an. Selbst wer Ende August in Erwartung des „Blutmonats“ September verkaufte, hatte eine Erfolgsquote von unter 50 Prozent: In 46 von 91 September-Monaten waren die September-Renditen beim Ibbotson-Index positiv. Der berühmte Münzwurf hätte also besser funktioniert. 

Dass kalendarische Investment-Regeln regelrechter Unfug sind, tritt noch klarer zutage, wenn man die abstrakten Zahlen mit realen Ereignissen in Verbindung bringt. Wir kommen hiermit zum Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität. Nicht selten werden markante Kursverluste durch Schockereignisse ausgelöst. Was stand hinter der negativen DAX-Bilanz in einigen Spätsommermonaten August und September? Im September 2002 hatten deutsche Aktien unter den verheerenden Folgen der aufsichtsrechtlichen Vorgabe für Versicherungen zu kämpfen, die per Rundschreiben aufgefordert wurden, ihre Aktienquoten zu senken. 2011 verschärfte sich die Krise der Euro-Peripherie. Im September 1990 standen die Aktienmärkte unter dem Schock der Kuwait-Invasion durch den Irak. Im August 1998 erreichte wiederum die LTCM-Krise ihren Höhepunkt, der September 2001 stand ganz im Zeichen der Terroranschläge in den USA, und im August 2015 machte sich Panik über eine mögliche harte Landung der chinesischen Wirtschaft breit. 

Man könnte sich nun fragen, ob das Bafin-Ukas 2002, die Eurokrise, die LTCM-Implosion, die Kuwait-Invasion, 9/11 oder der China-Crash stattfanden, weil es Spätsommer war und die Märkte nach ihrer periodischen Crash-Dosis lechzten? Oder standen möglicherweise andere Ursachen Pate für die oben erwähnten Börsenkorrekturen?

Eben. Das ist der Unterschied zwischen Korrelationen (das zeitliche Zusammenfallen unterschiedlicher Phänomene) und Kausalität (der ursächliche Zusammenhang von unterschiedlichen Phänomenen).

Den Unterschied zwischen Korrelationen und Kausalitäten beachten

Auch wenn hinter einigen Börsenregeln gewisse Muster an den Kapitalmärkten stehen, wie etwa der Septembereffekt, sollten sich Privatanleger davor hüten, aus den Performance-Mustern der Vergangenheit fragwürdige Anlagestrategien abzuleiten - eine Korrelation von Daten hat nichts mit (ursächlicher) Kausalität zu tun und ist somit nicht als Strategie geeignet. Die Implementierung einer saisonalen Strategie würde zudem nicht nur wegen häufiger Fehltreffer scheitern, sondern auch infolge der anfallenden Transaktionskosten. 

Nicht dabei zu sein richtet langfristig mehr Schaden in Portfolios an als eine zeitweilige Abstinenz vom Markt Nutzen stiftet. Wir halten es deshalb mit einem ganz anderen Börsianer-Spruch: „Hin und Her macht Taschen leer“. Ihn sollten Langfristinvestoren beherzigen.

Bemühen wir zum Schluss noch eine kleine Datenreihe. Der oben erwähnte Ibbotson-Index legte seit Rechnungsstart im Januar 1926 jährlich um 10,1 Prozent annualisiert zu (kumuliert sind das 655.696 Prozent!). Zieht man die zehn besten Monate von dieser Rechnung ab (zur Erinnerung: zehn von 1.097!), reduziert sich die annualisierte Rendite auf 7,6 Prozent. Ohne die 20 besten Monate ginge die Performance auf annualisiert 6,3 Prozent zurück.

Wegen der fehlenden Möglichkeit, Schockereignisse vorherzusagen, ist Dabeisein für Anleger die Default-Option, ja sogar der einzige Schlüssel zum Erfolg. Spiegelbildlich ist Market Timing, für das stellvertretend besagte Kalenderregeln stehen, ein Irrweg für Langfristinvestoren.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.