Nachhaltigkeits-Investments in den USA: Der (Nicht-) Trump-Effekt

Nach Jahren zunehmender Dynamik bei nachhaltigen Investments in den USA begann 2017 mit der Sorge, dass die neue Regierung einen dämpfenden Effekt beim Thema Nachhaltigkeit haben könnte. Wie sieht es ein Jahr später aus?

Jon Hale 12.01.2018

Der Antritt der neuen Administration im Januar 2017 verursachte vielen Menschen, die auf Nachhaltigkeit und Ökologie Wert legen, Sorgen. Da war zunächst die Ankündigung Präsident Donald Trumps, "die US-Kohle zurückzubringen" und Barack Obamas „Clean Power Plan“ zurückzunehmen. Auch die (berechtigte) Sorge, dass sich die Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen zurückziehen würden, ging um, wie auch die Befürchtung, dass die Investitionen in erneuerbare Energien rückläufig sein würden. Auch ganz allgemein schien Trumps Vision "Make America Great Again" dazu angetan, sich nicht länger um die transnationale Zusammenarbeit beim Umwelt- und Klimaschutz zu bemühen und stattdessen eine eng an nationalen Zielen definierte Politik einzuleiten.

Wie sieht es ein Jahr später aus? Die schlimmsten Sorgen haben sich meines Erachtens nicht bewahrheitet, auch wenn die lautstarken Verkündungen aus dem Weißen Haus etwas anderes auf den ersten Blick suggerieren. Ich möchte einige Belege für die These aufführen, dass der ESG-Zug nicht mehr aufzuhalten ist. Warum? Nun, ich bin der Meinung, dass dies maßgeblich auf den Einfluss von Investoren zurückgeht. ESG-Investing ist im Begriff, den Wandel von einem Modethema hin zu einem Treiber für echte Veränderungen auf Unternehmensebene zu vollziehen. Investoren tragen dazu bei, die ESG-Diskussion von der ethisch-moralischen Ebene hin zu einer rationalen Neubewertung von ESG-Strategien im Sinne vorwärtsgewandter Unternehmensstrategien zu treiben. Sie könnten die Synthese zwischen Umweltaktivisten und Homo Oeconomicus darstellen!

Der „Trump-Effekt“: Andere Vorzeichen als gedacht?

Zwar steht der Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen im Raum, aber konkret ist bisher wenig passiert, zumal nicht, was nachhaltiges Investieren anbelangt. Sofern es hier überhaupt einen "Trump-Effekt" gegeben hat, dann war es eine positive Schubwirkung. Nachhaltigkeit mag einem Anlagethema ähneln, ist aber breiter angelegt. Es ist ein Ansatz zur Entscheidungsfindung, der einen langfristigen Horizont mit sich bringt, der viele „Stakeholder“ miteinbezieht, der anerkennt, dass der Übergang zu einer Reduzierung des CO2-Ausstoßes Gewinner und Verlierer hervorbringt und dass Investoren einen Einfluss auf die Schaffung einer CO2-effizienten Wirtschaft haben können, die Menschen Nutzen bringt.

Die Zahl der Investoren, die sich für diesen Ansatz entschieden haben, ist im Jahr 2017 weiter gestiegen. Laut dem kürzlich erschienenen Callan-Bericht haben 2017 mehr Stiftungen in den USA, insbesondere große, sowie staatliche Pensionsfonds damit begonnen, das Thema ESG in ihre Anlageprozesse zu integrieren. Eine Umfrage von Brown Brothers Harriman/ETF.com unter "anspruchsvollen ETF-Investoren in den USA" ergab, dass das Interesse an börsengehandelten Fonds in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance 2017 drastisch gestiegen ist (51 Prozent) gegenüber dem Vorjahr (37 Prozent). Publikumsfonds verzeichneten in den USA ein Rekordjahr mit Blick auf die Mittelzuflüsse Umfragen berichten weiterhin von einem hohen Interesse an nachhaltigen Investitionen bei Frauen, den sogenannten Millennials , aber auch bei der Generation der Babyboomer.

Was die Unternehmen anbelangt, so habe ich kaum Anzeichen dafür gesehen, dass sie in ihren ESG-Anstrengungen nachgelassen hätten. Warum sollten sie auch? Ein gut geführtes Unternehmen versteht die Notwendigkeit, wesentliche ESG-bezogene Risiken und -Chancen, mit denen es konfrontiert ist, zu bewerten und in seine langfristige Strategie einzubeziehen. Dieses Verständnis wird durch eine Neudefinition der unternehmerischen Verantwortung unterstrichen, die von jüngeren Mitarbeitern und Frauen getragen wird, die allmählich in Entscheidungspositionen übergehen. Damit komme ich zu einem wichtigen symbolischen Akt, die Aufstellung der „Fearless Girl“ Statue.

Bleibt das „Furchtlose Mädchen“ stehen?

State Street Global Advisors (SSGA) landete den Marketing-Coup des Jahres mit seiner Fearless Girl-Statue, die am ersten Jahrestag der Lancierung des SPDR SSGA Gender Diversity Index ETF in Auftrag gegeben wurde und pünktlich zum Internationalen Frauentag Anfang März 2017 gegenüber dem Wall Street Bull platziert wurde. Die Statue war ein Hit und wird bis März 2018 an Ort und Stelle bleiben - und ich wage die Prognose, dass sie dort noch länger stehen bleiben wird.

Das „Fearless Girl“ deutet an, dass Investoren das Streben nach Gleichberechtigung der Geschlechter nicht aufgeben werden. Nur fünf Prozent der S&P 500-Unternehmen werden von einer Frau geführt, 20 Prozent der Verwaltungsratsmandate werden von Frauen besetzt und 25 Prozent der Führungskräfte sind Frauen. (Die Investment-Industrie macht es nicht besser. Einem Morningstar-Bericht zufolge haben in diesem Jahr nur etwa 20 Prozent der Fonds weltweit mindestens eine Managerin.)

In den USA haben sich Aktionäre mit 35 Diversity-Beschlüssen 2017 intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Nur acht kamen zur Abstimmung, während der Rest zurückgezogen wurde, was darauf hindeutet, dass diese Unternehmen den betroffenen Aktionären entgegenkamen. Zum ersten Mal stimmten auch BlackRock, SSGA und Vanguard für einige dieser Resolutionen. Das bringt mich zum nächsten Punkt:

Die „Großen Drei“ werden aktiver

Die Macht der Indexfondsmanager nimmt zu. BlackRock, SSGA und Vanguard sind inzwischen die wichtigsten Anteilseigner der großen Unternehmen in den USA geworden. Die „Großen Drei“ haben sich jüngst verstärkt als Sachwalter der Interessen ihrer Investoren engagiert, wie ein Morningstar-Bericht jüngst zutage förderte.

Es mag für manche überraschend sein, dass sich passive Investoren auch in ESG-relevanten Bereichen engagieren. Aber es ist eigentlich nur logisch, dass langfristige Eigentümer, die Anteile an praktisch allen großen Unternehmen auf Dauer besitzen werden, sich verstärkt für Nachhaltigkeitsbelange engagieren.

Anbieter von Indexfonds haben nicht die Möglichkeit, aus einer Position auszusteigen, sodass sie ihre Stimme erheben müssen, um den Shareholder Value für Anleger zu steigern. Wenn ein großer, passiver Vermögensverwalter diesen Einfluss ignorieren würde, würde er sich seiner treuhänderischen Pflicht gegenüber seinen eigenen Anlegern entziehen.

Auch haben große passive Vermögensverwalter die öffentliche Verantwortung, aktive Eigentümer zu sein. Ein großer passiver Vermögensverwalter, der sich entscheidet, auch ein passiver Eigentümer zu sein, zeigt dem Markt, dass es ihm egal ist, wie ein Unternehmen geführt wird. Dieses  Reputationsrisiko kann sich heute kein Vermögensverwalter leisten. Gerade weil die viele Medien kritisch nachforschen, ob passive Investoren zu wenig auf der Governance-Seite leisten, unterliegen Indexfondsanbieter faktisch dem Zwang, aktive Eigentümer zu sein.

Zudem haben passive Vermögensverwalter eine langfristige Perspektive. Die Umschlaghäufigkeit der Portfolios ist gering, und so haben sie ein besonders großes Interesse, zur Erhaltung und Verbesserung des Finanzsystems beizutragen. Aus diesem Grund konzentrieren sie sich verstärkt auf ESG-Themen wie Gender Diversity in der Unternehmensführung und die Offenlegung von Klimarisiken, bei denen es um langfristige unternehmerische und systemische Nachhaltigkeit geht. Die großen passiven Vermögensverwalter können dazu beitragen, langfristige Überlegungen, die traditionell selten im Fokus der Gespräche zwischen (häufig eher kurzfristig orientierten) Aktionären und Unternehmensleitungen stehen, verstärkt in die Diskussion einzubringen.

Offenlegung von Klimarisiken

Unter der Führung der bereits erwähnten „Großen Drei“ haben sich 2017 die Bemühungen, Unternehmen dazu zu bewegen, die Risiken, denen sie durch den Klimawandel ausgesetzt sind, offen zu legen, verstärkt. Es begann mit einer nahezu unerhörten Mehrheit der Aktionäre, die bei Exxon Mobil und Occidental Petroleum über die Beschlüsse zur Offenlegung von Klimarisiken abstimmten. Erst vor wenigen Wochen startete eine Gruppe globaler Investoren eine Initiative mit dem Titel „Climate Action 100+“, um Maßnahmen gegen den Klimawandel unter 100 Unternehmen, die die weltweit größten Treibhausgasemittenten sind, voranzutreiben. Jüngst kündigte Exxon in einem Antrag an die US-Regulierungsbehörde SEC an, dass es der Empfehlung seiner Aktionäre folgen und Informationen zu den Themen "Sensibilität der Energienachfrage, Auswirkungen von Szenarien mit zwei Grad Celsius und Positionierung für eine kohlenstoffärmere Zukunft" veröffentlichen werde.

Wenn es den Anlegern gelingt, mehr Unternehmen zu motivieren, Maßnahmen zur Offenlegung der Klimafolgen ihres Handelns zu ergreifen, wie es jetzt Exxon getan hat, würde ihre Bemühungen nicht nur für Investoren, sondern auch für die Unternehmen selbst von großer Bedeutung sein, da beitragen würden, das Verständnis für Klimarisiken verbessern. In dem Maße, in dem Investoren Unternehmen dazu anspornen, ihre Klimarisiken besser zu verstehen, dürften die Unternehmen Maßnahmen zur Verringerung ihrer CO2-Bilanz ergreifen und damit die Treibhausgasemissionen im Einklang mit dem Pariser Abkommen zu verringern. Der Trump-Ausstieg hin oder her.

Impact Investing

Damit komme ich zu "Impact", einem weiteren Trend beim nachhaltigen Investieren. In den letzten Jahren wurde verstärkt darauf geachtet, ESG-Analytik in den Investmentprozess zu integrieren, um die finanzielle Rendite zu steigern. Im vergangenen Jahr wurde die Wirkung stärker in den Fokus gerückt. Wenn Investoren sich für nachhaltiges Investieren interessieren, stehen die Chancen gut, dass ihre Investitionen neben finanziellen Erträgen auch ökologische und gesellschaftliche Auswirkungen haben.

Es spricht viel dafür, dass nachhaltiges Investieren eine Win-Win-Situation schafft kann. So hat die Fondsgesellschaft Schroders in einer Investorenumfrage festgestellt, dass nachhaltig orientierte Anleger positive Auswirkungen und finanzielle Renditen "Hand in Hand" sehen. Zwei Drittel der Amerikaner in der Umfrage gaben an, dass sie das von nachhaltigen Investitionen erwarten. Nur ein Drittel der Befragten gab an, sich nur für die finanzielle Rendite zu interessieren.

Allein der zunehmende Einsatz von ESG-Analysetools in der Anlageentscheidung ist wirkungsvoll. ESG-Screenings signalisieren, dass Anlegern Nachhaltigkeitsthemen wichtig sind, und das ermutigt Unternehmen, diese Themen ernst zu nehmen. Wenn Unternehmenslenker die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien als hilfreich für ihr Unternehmen erachten, dann werden sie auch dafür sorgen, dass entsprechende Maßnahmen implementiert werden.

Generell wurden die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung unter Investoren breit diskutiert und von vielen Kapitalsammelstellen verabschiedet. Vermögensverwalter werden im nächsten Schritt ihre Ziele definieren und dann untersuchen, welche der 17 UN-Ziele in ihren Portfolios unterstützt werden. Das wird einen Rückkopplungseffekt bewirken, da die Vermögensverwalter zugleich Messmethoden entwickeln, um die Auswirkungen ihrer Maßnahmen zu bewerten. Immer mehr Asset Manager betonen ihre Stewardship-Aktivitäten als eine der wichtigsten Methoden, um einen „Impact“ zu erzielen, und sie überlegen, wie sie ihre Berichterstattung über die Auswirkungen verbessern können, nach dem Motto: „Tue Gutes und rede darüber“.

Der Trend hin zu nachhaltigem Investieren ist in den USA also ungebrochen, und es wird schwungvoll weitergehen mit ESG-Investments. Mit dem Ziel, eine Kombination aus finanziellen Erträgen und nachhaltigem Handeln zu erzielen, stemmen sich Anleger in den USA also gegen den Trump-Effekt, der auf dem zweiten Blick gar nicht mehr so destruktiv für ESG-Belange wirkt, wie es zunächst schien.

Über den Autor

Jon Hale  Jon Hale is a consultant with Morningstar Institutional Investment Consulting.