US-Growth-Aktien: von hoffnungslos überteuert bis himmelschreiend billig

Die Kurse von US-Growth-Aktien sind in den vergangenen Wochen gefallen wie Steine. Das ist Anlass genug, einmal nachzuschauen, wie sich die Kursstürze an der Nasdaq auf die Bewertungen von Apple und Co. ausgewirkt haben.

Ali Masarwah 26.10.2018

Zum zweiten Mal in diesem Jahr hat es die Anlegerlieblinge der vergangenen Jahre erwischt: US-Growth-Aktien haben im Oktober heftige Kursverluste hinnehmen müssen. Allein am 24. Oktober brach der Auswahl-Index für US-Growth-(nicht Tech-!)Aktien um fast 4,5 Prozent ein. Bereits im Februar hatten Alphabet, Apple und Co. einen kräftigen Dämpfer erhalten. Die Volatilität hat in diesem Jahr die Highflyer-Aktien also im Klammergriff. 

Das wollen wir zum Anlass nehmen, um etwas Kontext herzustellen. Sind "die" US-Wachstumsaktien wirklich so teuer, wie es im Allgemeinen dargestellt wird? Wie sieht es im Einzelnen bei den wichtigsten Unternehmen aus? Und wie verhält es sich mit den sonstigen finanziellen und fundamentalen Rahmenbedingungen? Wir haben daher exemplarisch einige wichtige Kennzahlen zu den größten 20 Aktien im Nasdaq 100 ermittelt. Im Mittelpunkt steht dabei unser proprietäres Aktien-Research: das Morningstar Sterne Rating für Aktien, das über die Attraktivität eines Unternehmens bzw. seiner Aktien Auskunft gibt.

Zur Erinnerung: Hinter dem Morningstar Sterne Rating für Aktien steht eine Discounted Cashflow Analyse. Durch die Kombination der Finanzprognosen unserer Analysten mit dem wirtschaftlichen Wettbewerbsvorsprung eines Unternehmens können wir besser einschätzen, wie lange die Renditen auf das investierte Kapital die Kapitalkosten des Unternehmens übersteigen könnten. Unserem Aktien-Research liegt die Annahme zugrunde, dass es bei Firmen mit einem großen Wettbewerbsvorsprung (Wide Moat Rating) länger dauert, bis die Rendite auf die „ewige Rente“ zurückgeht, als bei von Unternehmen mit engem (Narrow Moat Rating) oder keinem (No Moat Rating) Wettbewerbsvorsprung.

Zur Taxierung der Bewertungen verwenden wir unsere hauseigene Bewertungskennziffer Price/Fair Value (P/FV), das den Kurs der Aktien ins Verhältnis zum intrinsischen Wert eines Unternehmens setzt. Ein Wert von unter 1,0 signalisiert eine Unterbewertung, ein Wert größer 1,0 zeigt an, dass eine Aktie überbewertet ist. Ein P/FV von exakt 1,0 besagt, dass ein Unternehmen fair bewertet ist (lesen Sie hier mehr zu unserem Aktien-Rating). 

Die untere Tabelle ist absteigend nach dem Gewicht der Aktien im Nasdaq 100 sortiert. Neben der ISIN finden Sie die Sektor-Zugehörigkeit des Unternehmens. Weiter rechts folgen der Schlusskurs per 24. Oktober und der von uns taxierte Fair Value. Um die Folgen der Oktober-Korrektur besser einordnen zu können, haben wir die Entwicklung der Bewertung seit dem Sommerhoch an der Nasdaq per Ende August nachvollzogen, indem wir das seinerzeitige Price/Fair Value Verhältnis und das seinerzeitige Sterne Rating mit den Werten per heute abgleichen. Abgerundet wird die Tabelle mit den Economic Moat Ratings und den Moat Trends. 

Tabelle: Wie sich die Bewertungen seit August im Nasdaq 100 verändert haben 

Die obere Tabelle deutet an, dass die verallgemeinernde These, wonach "der Nasdaq 100" oder "US-Growth-Aktien" per se überbewertet seien, so nicht richtig ist. Es gab auch auf dem Kurshoch per Ende August jede Menge günstige Aktien unter den Nasdaq-Schwergewichten. Intel etwa wies per Ende August bereits ein P/FV von 0,75 auf und war damit um 25 Prozent unterbewertet. Heute notiert die Intel-Aktie bei einem P/FV von 0,65 und ist damit um 35 Prozent unterbewertet. Auch Amazon war im Sommer zu neun Prozent unterbewertet; heute sind es 24 Prozent. Das gilt auch für Microsoft, Alphabet (Google) und Facebook, die jeweils rund 20 Prozent unter ihrem fairen Wert notieren. Es gibt also nicht nur teure Aktien im Nasdaq 100. Einerseits. 

Doch es gibt natürlich die andere Seite der Medaille. Einige Nasdaq-Titel sind auch heute noch alles andere als Schnäppchen. Apple ist dabei mit einem P/FV von 1,08 noch moderat überbewertet. Netflix ist zwar deutlich günstiger zu haben als Ende August, aber mit einem P/FV von 2,52 immer noch deutlich überbewertet. 

Wichtig ist auch, auf die Bewertung des Unsicherheitsfaktors, Fair Value Uncertainty, zu beachten, der in die Berechnung des Sterne-Ratings für Aktien einfließt. Bei bereits hoch bewerteten Aktien wie Netflix, NVIDIA oder PayPal ist dieser Risikofaktor sehr hoch. Es ist also hier besondere Vorsicht angebracht. Auch nach der Korrektur.

Die grüne Markierung zeigt an, welche Aktien inzwischen im Zuge der deutlich gefallenen Notierungen ein höheres Sterne-Rating aufweisen. Keine einzige Aktie hat ein schlechteres Rating bekommen, was angesichts unseres Value-orientierten Ansatzes nicht verwunderlich ist. Seit Ende August hat sich das Rating der Adobe-Aktie sogar von zwei auf vier Sterne verbessert. Alle anderen grün markierten Aktien haben sich um einen Stern verbessert. Intel weist übrigens seit Börsenschluss am 24. Oktober das höchstmögliche Fünf-Sterne-Rating auf.   

Interessant ist auch, dass alle 20 Aktien über einen engen oder weiten Wettbewerbsvorsprung in ihrer jeweiligen Branche verfügen. Es ist bemerkenswert, dass keine einzige der 20 Aktien ein "No Moat Rating" aufweist - das sagt viel über die Qualität der Geschäftsmodelle der US-Wachstumsunternehmen aus. (Oder, alternativ, über die ihrer Wettbewerber!).

Fazit

Wie unsere Analyse zeigt, lohnt es sich für Value-orientierte Anleger, sich auch vermeintlich teure Aktiensegmente näher anzuschauen. Schnäppchen gibt es auch an der Nasdaq. Zugleich ist jedoch in hochvolatilen Märkten Vorsicht angesagt: Auch die besten Geschäftsmodelle müssen sich nicht in klingende Münze für den Investor verwandeln. Zumindest nicht immer. Das Ein-Sterne-Rating von Netflix und Costco warnen Anleger davor, dass auch auf den aktuellen Kursniveaus hohe Rückschlaggefahren lauern. Es gilt immer, die Qualität eines Unternehmens mit seiner Bewertung abzugleichen. Unsere Auswertung illustriert, dass der Kurs einer Aktie aussagt, mag er noch so stark gefallen sein. Es gilt, immer die fundamentalen Faktoren ins Verhältnis zum Börsenwert eines Unternehmens zu setzen. 

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Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.