Das japanische Rätsel

Keine andere Wirtschaftsmacht gibt so große Rätsel auf wie Japan. Es leidet unter chronischer Deflation und ist doch Heimat für einige der besten Unternehmen der Welt. Selbst nach über zehn Jahren wirtschaftlichen Stillstands ist es die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Und Japans Börsen werden von einheimischen Anlegern im Allgemeinen gemieden, sind für Ausländer aber oft interessant.

Zugegeben: Es gibt es viele Dinge, über die kein Zweifel herrschen kann. So haben insbesondere Anleger an der japanischen Börse viel erleiden müssen seit die „Blase“ von aufgeblähten Aktien- und Immobilienpreisen 1990 geplatzt ist. Noch Ende 1989 erreichte der Nikkei 225, Japans wichtigster Börsenindex, ein Rekordhoch von 39.000 Punkten. Im März 2001 fiel er auf ein 16-Jahre-Tief von 11.819 Punkten.

Andere Aspekte sind nicht so eindeutig. Diejenigen, die sich mit der deutschen Wirtschaftkraft brüsten, sollten nicht vergessen, dass Japans Wirtschaft immer noch mehr als doppelt so groß ist.. Selbst wenn man die größere Bevölkerungszahl Japans im Vergleich zu Deutschland berücksichtigt, ist Japans Pro-Kopf-BIP höher als unseres.

Diese riesige Volkswirtschaft beherbergt einige der Top-Industriekonzerne der Welt. Dazu gehören einige sehr bekannte Marken, so zum Beispiel Hitachi, Nintendo, Sony und Toshiba. Hinzu kommen mehrere sehr produktive kleinere Firmen. Die Existenz derart vieler Spitzenfirmen ist der Hauptgrund dafür, dass viele Fondsmanager noch immer relativ optimistisch für Japan gestimmt sind, trotz der generellen Malaise.

Neuerdings kommt als weiterer positiver Faktor der Enthusiasmus über den neuen Premierminister hinzu. Die Japaner mögen Junichiro Koizumi – seine Umfrageergebnisse sind unglaublich gut – weil sie glauben, dass er die überfälligen Strukturreformen endlich einleiten wird. Er wird als ein Rebell angesehen, der die alte Garde der Bürokraten und Politiker herausfordert.

Natürlich gibt es auch viele Kritiker des „Koizumi-Phänomens" – wir reden schließlich über Japan. Einige sind der Meinung, dass Koizumi in Wahrheit ein Politiker wie alle anderen sei, und nicht den Mut habe, die Pfründe der alteingesessenen Mächte durch Reformen anzugreifen. Andere behaupten sogar, dass seine angestrebten Reformen die Probleme noch verschärfen würden.

Um als Anleger sowohl das Potenzial als auch die Risiken einer Investition in Japan zu verstehen, muss man die japanische Wirtschaft seit dem Beginn der Probleme 1990 untersuchen. Im Wesentlichen ist es eine Geschichte sich verschärfender Schwierigkeiten, viel Gerede und wenigen wirklichen Veränderungen. Nur wenn man diese Erfahrung in Betracht zieht, kann man einen sinnvollen Standpunkt zur zukünftigen Entwicklung der japanischen Wirtschaft entwickeln.

Wirtschaftliche Probleme

Die Probleme der japanischen Wirtschaft können in zwei Bereiche unterteilt werden: Diejenigen, die seit mindestens einem Jahrzehnt bestehen, und diejenigen, die erst in letzter Zeit aufgekommen sind, verursacht durch das fehlende Angehen der langfristigen Schwächen. Die Bedeutung der verschiedenen Probleme wird von den Kommentatoren unterschiedlich beurteilt. Es ist ebenso wichtig zu verstehen, dass diese Probleme miteinander verknüpft sind. Auch wenn man zu Analysezwecken zwischen ihnen unterscheiden muss, hat doch jedes einzelne Problem Auswirkungen auf andere Bereiche.

Zu Japans langwierigen Wirtschaftproblemen gehören:

- Notleidende Kredite im Bankensektor

Der Kollaps der „Seifenblasenwirtschaft“ hinterließ dem Bankensystem enorme Beträge an notleidenden Krediten. Über zehn Jahre später scheint es – trotz mehrerer Versuche der Regierung, das Problem anzugehen – eher noch schlimmer als besser zu werden.

Im April schätzte die Finanzaufsichtsbehörde das Ausmaß der notleidenden Kredite in der breitesten Definition auf 150 Billionen Yen – etwa zwei Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Selbst bei Verwendung engerer Definitionen kommt man immer noch auf mindestens 17 Billionen Yen – in jedem Fall eine ungeheure Zahl.

Das Kreditproblem ist wiederum ein Ergebnis der sinkenden Preise im Immobiliensektor – dort fallen die Preise seit 1990 kontinuierlich – und am Aktienmarkt. Viele Unternehmen verwendeten diese Vermögenswerte als Sicherheit, wenn sie Kredite bei den Banken aufnahmen. Daher konnten sie die Kredite nicht mehr zurückzahlen, als der Wert ihrer Sicherheiten zu erodieren begann und die Firmen in Schwierigkeiten gerieten.

Die Auswirkungen des Bankenproblems gehen jedoch weit über den Finanzsektor hinaus. Sie haben zur Folge, dass Banken weitaus weniger Unternehmenskredite vergeben. Daher kann es selbst für sehr gute Firmen schwierig sein, Kapital aufzunehmen.

Die anhaltende Stagnation der Aktienkurse hat dieses Problem verschärft. Da japanische Banken ihre eigenen Aktien zu niedrigen Kursen zu ihren Reserven verbuchen, müssen sie laut internationalen Bestimmungen ihre Kreditvergabe einschränken.

Ein Grund, warum diese Probleme schon so lange andauern, ist die Zögerlichkeit der Banken, so Edward Lincoln, Japanexperte bei der Brookings Institution in Washington. Die Banken haben schwierige Kredite einfach abgeschrieben, anstatt Maßnahmen gegen die betroffenen Firmen einzuleiten. „Sie pfänden im Allgemeinen keine Sicherheiten säumiger Schuldner.“ so Lincoln.

- Altmodische Institutionen:

Japans staatliche Institutionen und das politische System wurden für eine andere Epoche konzipiert. Doch was während Japans rapider Wachstumsphase blendend funktionierte, erwies sich in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten als völlig unangemessen.

Während der japanischen Wirtschaftswunderjahre von 1950-1970, als die Wirtschaft jährlich um rund zehn Prozent wuchs, waren die alten Institutionen noch erstaunlich effektiv. Schlüsselbehörden, wie das mächtige MIT (Handels- und Industrieministerium) stellten sicher, dass Kapitalflüsse auf die produktivsten Branchen gelenkt wurden.

Jedoch stellte sich heraus, dass diese Behörden mit einer kaum wachsenden Wirtschaft nicht zurecht kommen. Kosmetische Änderungen, wie die Namensänderung des MIT zum METI (Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie) ändern nichts an den Problemen. Auch wenn METI inzwischen ein ausführliches „Mission Statement“ hat (eine Art Firmenmantra amerikanischer Prägung), so schuldet es immer noch den Beweis, dass es bei der Schaffung eines wirklich neuen Japan eine Rolle spielen kann.

Ein verkrustetes politisches System hat das Problem bürokratischer Starre noch verschärft. Die Liberaldemokratische Partei (LDP), die Japan seit ihrer Gründung 1950 fast ununterbrochen regiert, hat bislang noch nicht den Mut gezeigt, Japans Probleme wirklich angehen zu wollen. Sie bevorzugt es, über Strukturreformen zu reden, anstatt die schmerzhaften, aber unumgänglichen Schritte zur wirtschaftlichen Gesundung wirklich einzuleiten.

Die neueren Probleme:

Die anhaltende Weigerung Japans, sich mit seinen seit langem bestehenden wirtschaftlichen Problemen zu befassen hat zur Folge, dass neue Schwierigkeiten aufgetreten sind. Diese haben die Lage der Nation weiter verschärft.

- Wachsendes Haushaltsdefizit

Die japanische Regierung hat es vorgezogen, enorme Geldsummen in die Wirtschaft zu pumpen, anstatt die Wirtschaftsprobleme des Landes anzupacken. Das Resultat: Die Staatsschulden machen mittlerweile 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Derart massive Konjunkturprogramme verführten Jesper Koll, Chefvolkswirt bei Merrill Lynch in Tokio, zu der Bemerkung, dies sei „das größte sozialistische Finanzexperiment seit Josef Stalin“.

Nun haben sicherlich einige Teilbereiche der Wirtschaft von diesen Ausgaben profitiert. So erfreute sich die Bauindustrie jahrelang an Aufträgen für umfangreiche Infrastrukturprojekte. Aber es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass öffentliche Geldspritzen allein bestenfalls keinen Effekt auf die japanische Konjunkturlage haben. Schlimmstenfalls erzeugen sie ein neues Problem notleidender Kredite.

- Sinkende Preise

Seit Ende der neunziger Jahre sinken in Japan die Einzelhandelspreise. Dies mag dem japanischen Verbraucher gefallen – in vielen Fällen waren japanische Produkte unverschämt teuer – es schafft jedoch auch neue Probleme.

Wenn die Preise kontinuierlich fallen, hält dies den Konsumenten oft von Kauf ab. Warum heute 1000 Yen für etwas bezahlen, wenn es im nächsten Jahr für 900 Yen erhältlich ist? Die Verbraucher ziehen es daher vor zu sparen, anstatt zu konsumieren. Dies schadet der Wirtschaft.

Dieses Phänomen veranlasste viele Wirtschaftsforscher, darunter Paul Krugman von der Princeton-Universität, zu der These, dass Japan in einer „Liquiditätsfalle“ sitzt. Ihrer Meinung nach ähnelt die momentane Situation Japans der Lage zu Zeiten der großen US-Wirtschaftkrise der 30er Jahre.

Lösungen

Es gibt zwei stark kontrastierende Denkschulen, was die Lösungsvorschläge für Japans Wirtschaftprobleme angeht. Während die japanische Regierung endlich akzeptiert hat, dass eine „Restrukturierung“ notwendig ist – wobei die Definition der Reformen noch offen ist – behaupten andere, dass dies die Lage nur noch verschlimmern würde. Die Mehrzahl der Wirtschaftforscher, die nicht für Finanzunternehmen arbeiten, halten ein kontrollierte Inflation sowie einen schwachen Yen für den richtigen Weg aus der Krise.

Strukturreformen:

Die japanische Regierung ist zu der Einsicht gekommen, dass es notwendig ist, die japanische Wirtschaft wieder anzukurbeln. So ist auch ein zentraler Punkt des Koizumi-Kabinetts die Einleitung von Wirtschaftsreformen.

Diese Notwendigkeit von Strukturreformen wird auch von vielen Schlüsselinstitutionen der japanischen Gesellschaft gesehen. Dazu gehören die Bank of Japan, der Keidandren (Arbeitgeberverband) und große Teile der regierenden LDP.

Jesper Koll von Merrill Lynch begrüßt diese gewachsene Einsicht als „enorm“. Er schreibt diese veränderte Haltung der Angst zu, dass Japan seine Rolle als Weltwirtschaftsmacht verlieren könnte. „Noch 1990 war Japan Vorbild für die ganze Welt“, so Koll. „Aber heute plagt die Japaner die Angstvorstellung, eine zweit- oder drittklassige Wirtschaftsmacht zu werden.“

Wenn auch noch unklar ist, wie die Reformen konkret aussehen könnten, ist es doch sicher, dass sie – wenn umgesetzt – dem Thatcherismus im Großbritannien der achtziger Jahre ähneln würden. Deregulierung und Liberalisierung werden schwächere Firmen hart treffen. Nach einer zwischenzeitlichen Konjunkturabschwächung werden jedoch die stärkeren Unternehmen prosperieren. Steigende Arbeitslosigkeit und Konkurse wären das unausweichliche Ergebnis.

Edward Lincoln von der Brookings Institution sieht auch die Notwendigkeit von Reformen. Er ist jedoch skeptisch, ob Koizumi wirklich die Widerstände des Establishments überwinden will. Der amerikanische Experte weist darauf hin, dass Koizumi ein Politiker in der dritten Generation ist, der seit 32 Jahren loyales LDP-Mitglied ist. „Koizumi ist kein radikaler Reformer“ sagt Lincoln.

- Kontrollierte Inflation

Die Gegenseite, durch Krugman und andere vertreten, fordert, dass die japanische Regierung die Inflation kontrolliert anfachen müsste, um Japans Liquiditätsfalle zu überwinden. Die Verbraucher würden wieder zum Geldausgeben angeregt, so ihr Argument, und die Konjunktur würde anziehen.

Diese Lösung fußt auf der Annahme, dass Japans Wirtschaftsprobleme auf der Nachfrageseite liegen. Anders ausgedrückt resultieren sie aus mangelndem Geschäft und Verbrauchernachfrage und weniger aus strukturellen Mängeln.

Inflation hätte auch den Vorteil, dass die Schuldenbelastung gedrückt würde. Der reale Wert der Kredite würde durch steigende Inflation erodieren. Weniger oft wird die Möglichkeit diskutiert, dass Sparvermögen – und davon haben die Japaner ein Menge – real auch sinken würden. Von dieser Warte aus wäre eine solche Maßnahme also ein Weg, die Sparer für die Sanierung notleidender Kredite zur Kasse zu bitten.

Andrew Smithers, Vorsitzender von Smithers & Co., ist fest davon überzeugt, dass kontrollierte Inflation der einzige Weg ist, um Japans Wirtschaftsprobleme zu lösen. Sollte Koizumi tatsächlich seine Reformpolitik umsetzen, und nicht nur darüber reden, wäre das Ergebnis ein Desaster. Dies liegt daran, dass die Probleme auf der Nachfrageseite ganz andere Lösungen verlangen als auf der Angebotsseite. So würden alle nachfragehemmenden Maßnahmen – und die Strukturreformen sind nichts anderes – die Wirtschaft in eine noch tiefere Rezession stürzen.

Lincoln bestreitet diese Ansicht. Er stimmt zu, dass kontrollierte Inflation vonnöten ist. Er glaubt jedoch, dass dies nur ein „Anhängsel“ der Strukturreformen sein sollte. Seiner Meinung nach braucht die japanische Wirtschaft eine radikale Restrukturierung, um ihre Probleme zu überwinden. Er gesteht ein, dass dies kurzfristig ein schmerzhafter Prozess wäre.

In einem Punkt sind sich beide Seiten einig: Der Yen muss schwächer werden. Es ist erstaunlich, dass die japanische Währung von einem Wechselkurs von 144 Yen zum Dollar inzwischen bei einem Niveau von 120 Yen angelangt ist. Mit anderen Worten hat sich der Yen trotz der Probleme in Japan und dem starken Wachstum in Amerika gegenüber dem Dollar gefestigt.

Ein schwacher Yen würde Japans starken Exportfirmen helfen. Man könnte auch sagen, dass der Rest der Welt Japan hilft, indem mehr japanische Produkte gekauft werden.

Zum Glück für Japan ist die Bush-Regierung einem schwachen Yen gegenüber aufgeschlossener als ihre Vorgängerin. Diese Einstellung könnte sich jedoch schnell ändern, wenn amerikanische Unternehmen durch billige japanische Exporte leiden müssten.

Bittere Medizin

Trotz der hitzig geführten Debatte haben beide Seiten wahrscheinlich mehr gemein als sie zugeben. Beide sagen, dass Japan statt leeren Worten Taten braucht, auch solche, die kurzfristig sehr schmerzhaft sein werden. Auf den Punkt gebracht: Die stärkeren Teile der Wirtschaft sollen gedeihen, während die schwächeren Bereiche untergehen.

Aus politischen Gründen sind beide Seiten nur ungern bereit, dies auch so deutlich zu formulieren. Besonders diejenigen, die eine kontrollierte Inflation bevorzugen, stellen dies oft als relativ schmerzfreien Prozess dar. Dabei könnte es durchaus zu einem Absinken des Lebensstandards und des realen Wertes der Ersparnisse führen.

Man darf jedoch nicht außer Acht lassen, dass das japanische Volk infolge der wirtschaftlichen Stagnation der vergangenen zehn Jahre bereits einige Leiden auf sich genommen haben. So ist beispielsweise die Arbeitslosenquote von 2,2 Prozent 1990 auf 4,8 Prozent im April 2001 gestiegen.

Die große Hoffnung derer, die die japanische Wirtschaft wieder in Schwung bringen wollen, ist die mögliche Akzeptanz der Mehrheit für kurzfristige Opfer. Aber solch ein bittere Medizin zu verabreichen ist in der Praxis immer schwieriger als in grauer Theorie.

Anleger sollten diese Entwicklungen genau beobachten. Eine erfolgreiche Investition in Japan hängt höchstwahrscheinlich sowohl von der Auswahl der richtigen Unternehmen als auch von der Umsetzung weitgehender Wirtschaftsreformen ab.
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