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Ein neues goldenes Zeitalter

François-Xavier Chevallier, Leiter der Analyseabteilung von BNP Paribas Asset Management in Paris und London, ist sehr optimistisch, was die Aussichten für die Weltwirtschaft angeht. Er stützt seine Ansichten auf die Thesen von Nikolai Kondratieff, einem russischen Ökonomen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Dieser argumentierte, dass es lange Zyklen wirtschaftlichen Wachstums gebe. Morningstar bat Chevallier, die in seinem neuesten Buch beschriebenen Ideen zu erläutern.



Warum sind Sie so optimistisch, was die momentanen Aussichten für die Weltwirtschaft angeht?

Das ist genau das Hauptthema meines Buchs. Ich behaupte darin, dass wir am Anfang einer neuen, langen Welle von Wohlstand stehen, und erkläre warum. Es basiert auf der These des Kondratieff-Zyklus´. Diese besagt im Wesentlichen, dass die Geschichte sich wiederholt, und dass es alle 56 bis 60 Jahre einen neuen Zyklus gibt. Dieser Zyklus läuft in zwei Hauptphasen ab: einem Aufschwung von etwa 30 Jahren, sowie einem Abschwung von 26 bis 30 Jahren.

Jedoch untersuchte Kondratieff mehr oder weniger Preiswellen. Er begriff Preise und Wachstum als das Gleiche. Er sah nicht, dass es eine Verzögerung zwischen Preisen und Wachstum gibt – heute wissen Volkswirtschaftler dies.

Der lange Zyklus kann in zwei Teile unterteilt werden: Mengen (Wirtschaftwachstum) und Preise. Es ist dabei wichtig zu wissen, dass die Spitzen und Talsohlen der Mengen etwa sieben bis zehn Jahre vor den entsprechenden Extremen der Preise liegen. Ein zusätzliches Element ist das Schuldenmomentum.

Die ursprüngliche Theorie Kondratieffs kann also in drei Elemente unterteilt werden: Mengen, Preise und Schulden. Damit können wir die Zyklen in Phasen unterteilen. So erlebt man zum Beispiel zwischen der Spitze der Mengen und derjenigen der Preise die sogenannte „Stagflation“ (Stagnation kombiniert mit Inflation). Während der Stagflation verringert sich das Wachstum, und die Inflation beschleunigt sich – so wie zwischen 1973 und 1980. Wenn die Inflation sich dreht, beginnt eine neue Phase.

Die zweite Phase ist falscher Wohlstand und eine Finanzblase. Sie ist gekennzeichnet von fallender Inflation und steigenden Schulden. Während die wahre Wirtschaft in Schwierigkeiten ist, entsteht Papierwohlstand - Beispiele wären die USA in den zwanziger Jahren oder Japan in den achtziger Jahren. Die Leute leihen sich einfach Geld bei den Banken, um Immobilien oder Aktien zu kaufen. Den Unternehmen geht es nicht gut, aber es gibt eine riesige Nachfrage nach (Papier-)Vermögenswerten.

In der dritten Phase endet die Schuldenmacherei mit einem Crash, weil die Banken irgendwann keine Kredite mehr vergeben. Dann ist die Party vorbei. Es entstehen Schuldenprobleme, und damit auch Bankenkrisen. So wie 1929 an der Wall Street oder 1989 in Tokio. Die Vermögenswerte erodieren, und auch die reale Wirtschaft ist in großen Schwierigkeiten.

Wenn man die Spitze der Mengen im Jahr 1973 beobachtet, kann man seitdem drei Schritte beobachten: Stagflation, Papierwohlstand und die letzte Phase, im Falle Japans eine Wirtschaftskrise und im Falle der USA „kreative Zerstörung“. Wenn man in der dritten Phase nicht frühzeitig das Bankenproblem löst, geht man sofort in eine Wirtschaftskrise über. Wenn man also – wie Greenspan es tut – das Bankensystem rechtzeitig rettet, legt man das Fundament für den nächsten Aufschwung. Die dritte Phase ist somit im Wesentlichen eine Periode der Schuldenbereinigung. Sie werden entweder einfach abgeschrieben oder die Unternehmen tauschen Anleihen in Aktien um. Damit fällt die Inflation und die Überschuldung ist behoben. Die macht den Weg frei für neues Wachstum.

Man benötigt für neues Wachstum noch einen dritten Faktor: Eine technologische Revolution. So war es 1835 beispielsweise die Eisenbahn. Diesmal, das heißt ab 1997, war es die Informationsrevolution.

Es gibt sogar noch einen vierten Faktor. Die Kondratieff-Welle bezieht eine Reihe von Industrieländern ein. Bei jeder neuen Welle treten neue Länder dem „Klub“ bei. So wurde Japan 1945 als neues Mitglied begrüßt, und diesmal werden China und Indien mit von der Partie sein.

Das Schöne daran ist, dass der Beitritt Chinas und Indiens die Alterspyramide des Kondratieff-Clubs dramatisch verjüngt. Diese Verjüngung ist ein zusätzlicher Wachstumsfaktor, denn diese Menschen wollen sich anpassen und aufholen.

Die technologische Revolution und die demografische Verjüngung sind die zwei Hauptfaktoren. Die Inflation ist kein Problem mehr.

Seit 1997 befinden wir uns in einem Aufschwung. Nehmen Sie die USA. Von 1990 bis 1996 betrug das durchschnittliche Wachstum 2,2 Prozent jährlich. Das ist wirklich recht mager. In den 80ern lag diese Zahl bei über drei Prozent, in den 70ern bei fast vier, und in den 60ern bei fast fünf Prozent. Es ist also eine echte Wachstumsverlangsamung in den USA festzustellen.

1997 war das Jahr der Wende, was den Zyklus der Industrieländer betrifft. Das ist meine These und die Statistiken bestätigen dies. Seit 1997 lag das Wachstum in den USA bei cirka 4,5 Prozent - trotz Asienkrise und LTCM (Hedgefonds-Krise).

Gibt es eine logische Erklärung für die Kondratieff-Wellen? Oder basiert die Theorie einfach auf empirischer Beobachtung?

Schwer zu sagen. Eine Erklärung ist demografischer Natur. Es dauert etwa 30 Jahre, bis ein Mensch produktiv ist. Das heißt, eine Generation entspricht einem halben Zyklus. Die Menschen leben zwar heute länger, aber es dauert immer noch genau so lange, um einen Menschen zu erziehen und produktiv zu machen. Selbst wenn wir 120 Jahre leben, dauert es immer noch 30 Jahre, bis ein Mensch produktiv ist.

Bislang ist es jedoch nur eine Beobachtung. Technischer Fortschritt scheint sich alle 50 bis 60 Jahre zu entwickeln. Dabei muss man unterscheiden zwischen dem Zeitpunkt der Erfindung und dem Zeitpunkt der Verbreitung.

Wie gelang es dann den USA in den 90ern schwere wirtschaftliche Probleme zu vermeiden, während Japan stagnierte?

Die Situation in den späten 80ern war in Japan und den USA ähnlich. In beiden Ländern gab es Überschuldung und eine Kapitalmarktblase. Greenspan in den USA wusste um die aufkommenden Gefahren, und wie man sie bekämpfen musste. Mieno hingegen, der Chef der japanischen Zentralbank, wusste nichts von Vermögenswertdeflation oder dem Wall Street-Crash von 1929. Er kam dem Bankensystem auch nicht früh genug zu Hilfe. Stattdessen hob er die Zinsen in den frühen 90ern an und gab den Banken damit den Todesstoß. Er machte also alles nur noch schlimmer. Mieno gegen Greenspan, das ist die ganze Story.

Deshalb betone ich auch die Bedeutung von Greenspan in der heutigen Situation. 1989 erwartete ich nämlich einen Crash in Japan, der sich auf die USA und den Rest der Welt ausbreiten würde. Greenspan jedoch „zähmte“ die Welle. Er rettete das amerikanische Bankensystem früh genug. Daher verdient er meiner Meinung nach soviel Bewunderung. Er bewies, dass Wirtschaftskrisen vermeidbar sind.

Was bedeutet ihre Theorie konkret für den Anleger?

Für Investitionen ist die momentane Phase positiv. Wir befinden uns in einem goldenen Zeitalter. Es kann durchaus Rückschläge geben, aber grundsätzlich ist dies für den Anleger eine gute Zeit. Die nächste Phase von „gereiftem Wohlstand“, in fünf Jahren, wird den späten 50ern oder frühen 60ern ähneln. Es wird immer noch gut für Aktien sein, aber nicht mehr so sehr wie heute. Auch die Inflation wird wieder steigen. In fünf Jahren sollten Anleger etwas vorsichtiger werden. Danach wird die Stagflation fürchterlich sein, aber das wird nicht vor 2020 passieren.

Nikolai Kondratieff war ein russischer Ökonom, der Ende der 20er Jahre als Erster die Idee von langfristigen Konjunkturzyklen entwarf. Er war einer der Väter des ersten sowjetischen Fünfjahresplans. Später jedoch wurde er in ein sibirisches Arbeitslager gesteckt, in dem er irgendwann in den frühen 30ern verstarb.

Über den Autor

Morningstar.co.uk Editors  analyse and report on shares, funds, market developments and good investing practice for individual investors and their advisers in the UK.