Biotechnologie unter der Lupe

Biotechnologie ist wahrscheinlich einer der Sektoren mit dem größten Wachstumspotential für die kommenden Jahre. Er ist jedoch auch einer der riskantesten Bereiche, wegen seiner hohen Volatilität und der starken Abhängigkeit von Behördenentscheidungen.

Fernando Luque 11.09.2001
Für private Anleger ist es fast unmöglich, einzelne Biotechunternehmen genauer zu analysieren. Also ermöglichen Biotechfonds solchen Investoren Zugang zu einem diversifizierten Portfolio von Firmen in diesem Sektor. Diese Fonds werden manchmal sogar von Managern verwaltet, die bereits selbst Erfahrungen in der Biotechindustrie gesammelt haben.

Anleger, die sich für diesen Sektor interessieren, sollten dessen momentan zahlreiche Schwierigkeiten nicht außer Acht lassen. Ein bekanntes Beispiel ist der Skandal um das Anti-Cholesterinmedikament Lipobay, das zu einem Kursturz der Aktie des Herstellers Bayer führte.

In den USA hat Präsident Bush die staatliche Förderung der Stammzellenforschung nur unter sehr strengen Auflagen genehmigt. Er kündigte sein Veto gegen jede Gesetzesinitiative zur Erlaubnis von Embryonenherstellung zum einzigen Zwecke der Stammzellenproduktion.

Biotechaktien haben starke Verluste hinnehmen müssen. Der Sektor durchlief 1999 und Anfang 2000 einen beispiellosen Boom – das Jahr, in dem das Humangenom entschlüsselt wurde und der Nasdaq-Biotechindex sich verdoppelte. Seit dem Höchststand im vergangenen März jedoch erlitt der Sektor einen starken Einbruch.

Attraktiver Sektor

Trotz seiner negativen Wertentwicklung der letzten Monate übt der Biotechsektor weiterhin eine starke Anziehungskraft auf die Anleger aus. Viele sind sich im Klaren darüber, dass dieser Bereich große Wachstumschancen hat. Im Gegensatz zu anderen Wachstumssparten bietet der Biotechbereich darüber hinaus die Chance auf erhebliche Gewinne in kurzer Zeit. In vielen Fällen sind die Produkte im Endstadium der Entwicklung oder stehen sogar bereits zum Verkauf.

Zudem beruhen die hohen Erwartungen an die Branche auf einer erwiesen hohen Nachfrageentwicklung. Dazu gehören die alternde Bevölkerung sowie der steigende Bedarf an Medikamenten gegen bislang unheilbare Krankheiten, wie z.B Alzheimer, Aids und bestimmte Krebsformen.

Hinzu kommt, dass die großen Pharmakonzerne ein elementare Interesse an Biotechprodukten haben. Sie benötigen im Zuge auslaufender Patente ständig neue Medikamente, so dass Biotechfirmen ihr Geschäft ideal ergänzen.

Hohes Risiko

An Biotechnologie interessierte Anleger sollten sich auch der Risiken dieses Sektors bewusst sein. Wie bei allen Anlagen gilt auch hier: Je größer das Potenzial, desto höher das Risiko. Konkret sind folgende Risiken zu beachten:

-Hohe Volatilität. Seit Jahresanfang bis Mitte August zeigte der MSCI Biotechnology Index eine durchschnittliche tägliche Abweichung von zwei Prozent (d.h. im Durchschnitt gewann oder verlor der Index an jedem Börsentag zwei Prozent). Vergleichsweise stabil verhielt sich der MSCI Pharmaceutical Index mit einem Wert von 0,8 Prozent.

-Wettbewerbsrisiko. Zwischen den einzelnen Laboratorien herrscht ein erbitterter Konkurrenzkampf, bei dem es nicht selten ums nackte Überleben geht.

-Behördenrisiko. Besonders wichtig ist hier die amerikanische FDA (oberste Behörde für das Nahrungs- und Medikamentenwesen). FDA-Genehmigungen sind für die Entwicklung und den Vertrieb von Medikamenten in den USA unverzichtbar. Eine Ablehnung oder Verzögerung seitens der FDA geht daher fast immer mit einem rapiden Kursverfall der betroffenen Aktie einher.

-Politisches Risiko. Die restriktive Politik der Bush-Regierung im Bereich der Stammzellenforschung ist das vielleicht beste Beispiel dafür.

-Finanzielles Risiko. Die Entdeckung neuer Medikamente erfordert sehr viel Zeit und Geld. Michael Nawrath, Fondsmanager des CS Equity Fund Global (Lux) Biotech schätzt, dass es heute „zwischen zehn und zwölf Jahre dauert, bis ein Medikament die Marktreife erreicht, bei durchschnittlichen Kosten von 800 Mio. Dollar.“

Fondsanlagen

Für die ganz überwiegende Mehrheit der Anleger ist die sinnvollste Art der Partizipation in diesem Sektor eine Anlage in einem Biotechfonds. Es ist nicht nur sehr riskant, in eine einzelne Firma zu investieren, man müsste darüber hinaus auch ein ausgemachter Finanz- und Medizinexperte sein, um die Geschäftsmodelle zu verstehen. Investmentfonds kombinieren die Vorteile von Risikostreuung und professioneller Verwaltung.

Nun ist selbstverständlich nicht jeder Biotechfonds aus dem gleichen Holz geschnitzt. Während die Mehrzahl der Fonds hauptsächlich in US-Gesellschaften investiert, gibt es auch einige Fonds mit hohen europäischen Gewichtungen. Es gibt auch Fonds mit Fokus auf großen Unternehmen, ebenso wie solche mit Schwerpunkt auf kleineren Firmen. Nicht zuletzt mischen viele Fonds ihren Portfolios große Pharmawerte wie Johnson & Johnson, Merck, Novartis, Pfizer und Roche bei. Für Biotechnologiefonds jeder Art gilt jedoch das Gleiche wie für alle Branchenfonds: Sie sollten immer nur einen kleinen Teil eines Portfolios ausmachen.
Über den Autor Fernando Luque

Fernando Luque  es el Senior Financial Editor de www.morningstar.es