Aktien spiegeln nicht die Wirtschaft wider

Das klassische Argument für eine Anlage in den Schwellenmärkten ist, dass diese mehr Wachstumspotenzial besitzen als die entwickelten Märkte. Dies ist irreführend, sowohl im Hinblick auf die Emerging Markets als auch bezüglich der etablierten Länder.

Aktien spiegeln nicht die Wirtschaft wider Das klassische Argument für eine Anlage in den Schwellenmärkten ist, dass diese mehr Wachstumspotenzial besitzen als die entwickelten Märkte. Dies ist irreführend, sowohl im Hinblick auf die Emerging Markets als auch bezüglich der etablierten Länder. Mark Mobius, ein führender Schwellenmarkt-Fondsmanager und eloquenter Vertreter der konventionellen Methodik, verwendete dieses Argument unlängst bei einem Pressegespräch. So führte er beispielhaft an, dass das erwartete durchschnittliche Wirtschaftswachstum in China von 1991-2003 etwa 7,7 Prozent jährlich betragen dürfte. Angesichts einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen könnte dies zweifellos einen großen Einfluss auf die Weltwirtschaft haben. Es hat auch bereits die Lebensumstände zahlreicher Menschen tiefgreifend verändert.

Der Effekt auf die chinesischen Börsen ist jedoch weit weniger eindeutig. Auch wenn dieser Kapitalmarkt sicherlich langfristig wachsen wird: Es steht keinesfalls fest, dass dies im selben Ausmaß geschehen wird, wie das Wachstum des BIP oder jenes anderer Länder.

Man darf nicht vergessen, dass China bereits die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, wenn man die Berechnung auf Basis der Kaufkraftparität anstellt. Dennoch machen chinesische Aktien weniger als fünf Prozent des MSCI Far East ex Japan-Index aus.

Selbst nach konventioneller Berechnung ist die Marktkapitalisierung des chinesischen Aktienmarkts nicht so groß wie man vielleicht vermuten würde. So ist der Marktumfang etwas geringer als jener Großbritanniens, wobei ein gewichtiger Teil, die sogenannten „A-shares“ nur inländischen Anlegern offen stehen. Yujun Zhang, Vorsitzender der Börse von Shenzhen gibt an, dass der Gesamtwert der chinesischen Börsen nur 4,7 Prozent des Wertes der New Yorker Börse entspricht.

Gleiches wie für China gilt auch für den Westen. Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Wirtschaftwachstum und Börsenperformance.

Niedrigeres Wachstum

So lag etwa die durchschnittliche Rendite per annum für amerikanische Aktien in den 90er Jahren bei 14,5 Prozent, verglichen mit dem langfristigen historischen Durchschnitt von 6,5 Prozent. Dies obwohl das jährliche BIP-Wachstum der USA in den 90er Jahren niedriger lag als in jedem Jahrzehnt seit den 30er Jahren.

Es gibt einige technische Unterscheidungen, die solche Diskrepanzen zum Teil erklären können. So besteht etwa die Volkswirtschaft nicht nur aus Aktiengesellschaften, sondern auch aus Familienunternehmen und Staatsbetrieben.

Hinzu kommt, dass große Aktiengesellschaften zwar in einem bestimmten Land notiert sind, ihre Gewinne jedoch zum Teil oder sogar überwiegend in anderen Ländern erwirtschaften.

Diese Faktoren sind jedoch nicht ausreichend, um den Unterschied zwischen Wirtschaft und Finanzen zu erklären. Man muss einfach feststellen, dass es nicht das Gleiche ist, ob man in ein deutsches Unternehmen investiert oder in die deutsche Wirtschaft. Das ist angesichts der chronischen Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft im Sinne der Anleger auch gut so.

Es gibt alle möglichen Gründe, warum Anleger in europäische Aktien oder solche aus den Schwellenmärkten investieren sollten. Aber das wirtschaftliche Wachstumspotenzial bietet kaum einen Anhaltspunkt für zukünftige Renditen.
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Morningstar.co.uk Editors  analyse and report on shares, funds, market developments and good investing practice for individual investors and their advisers in the UK.