6. Anlagestrategien für Investmentfonds

Nun ist es Zeit für ein kleines Gedankenexperiment, das die Auswirkungen unterschiedlicher Anlagestrategien mit Investmentfonds an einem Beispiel verdeutlicht. Stellen Sie sich vor, ein schwerreicher Verwandter schenkt jedem Mitglied Ihrer Familie 10.000 Euro. Seine einzige Auflage dabei ist, dass Sie dieses Geschenk in Investmentfonds investieren müssen.

Wie würden Sie vorgehen?

1. Warten Sie mit dem Anlegen des Geldes, bis Sie den Eindruck haben, dass der Fonds wieder recht günstig ist und zu einem neuen Höhenflug ansetzt?

2. Investieren Sie den gesamten Betrag sofort?

3. Legen Sie zunächst nur einen Teil des Geldes an, damit dieser schon arbeiten kann, und investieren Sie den Rest in mehreren Schritten?

Welche Alternative Sie wählen, kann einen erheblichen Einfluss auf die Wertentwicklung haben, die Sie erzielen.

1. Warten auf gute Zeiten: das Markt-Timing

Betrachten wir zunächst das Abwarten, oder wie es oft genannt wird, das Markt-Timing. Dabei investieren die Anleger erst, wenn Sie das Gefühl haben, dass die Zeit dafür richtig ist. Das kann dann sein, wenn der Preis des Fonds fällt oder wenn er steigt oder wenn Vollmond an einem ungeraden Wochentag in einem Monat ist, der mit J beginnt.

Wie Sie wahrscheinlich bemerken, sind wir vom Markt-Timing nicht sehr überzeugt. Es ist sehr schwer, die Zukunft vorherzusagen. Studien von Morningstar in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern zeigen, dass es nicht unbedingt ausreicht, überwiegend die richtige Entscheidung beim Markt-Timing zu treffen.

Bei einer Untersuchung für den amerikanischen Markt ging Morningstar 20 Jahre zurück. Ab diesem Zeitpunkt sollte ein Anleger in jedem Vierteljahr erneut entscheiden, ob er in Aktien (vertreten durch den Aktienindex S&P 500) oder in Zinspapiere (in diesem Fall Schatzbriefe/Treasury Bills) investieren will.

Selbst wenn sich dieser Anleger in der Hälfte der Fälle für die im jeweiligen Quartal bessere Alternative entscheidet, bleibt er nach zwei Jahrzehnten weit hinter der Wertentwicklung einer kontinuierlichen Anlage in Aktien zurück. Um ein besseres Ergebnis als der Aktienindex S&P 500 zu erzielen, muss dieser Anleger in mindestens 65 Prozent der Quartale mit seinem Markt-Timing richtig liegen. Nur in jedem dritten Quartal darf er sich irren.

Warum ist eine solch hohe Trefferquote nötig? In der Vergangenheit haben Aktien im Durchschnitt eine bessere Wertentwicklung erzielt als Zinsanlagen. Eine falsche Markt-Timing-Entscheidung zu treffen, bedeutet, Rendite zu verschenken.

Schlimmer noch: Einen Zeitraum mit einer hohen Wertentwicklung zu verpassen, bedeutet zudem, die Chance zu verlieren, durch den Zinseszins-Effekt aus den Gewinnen noch höhere Gewinne zu erwirtschaften. Die entgangenen Gewinne hätten schließlich jedes Jahr an der weiteren Wertentwicklung teilgenommen.

Sofern Sie uns gegenüber nicht einen Informationsvorsprung besitzen, sollten Sie vermutlich ein Markt-Timing vermeiden.

2. Die Einmalanlage

Wenn Markt-Timing eine Verluststrategie sein kann, was ist dann mit dem Gegenteil: Den gesamten Betrag sofort zu investieren?

Dazu ein Beispiel: Angenommen, Sie entscheiden, die 10.000 Euro sofort und komplett in einen Fonds zu investieren, während Ihre Cousine ihre 10.000 Euro in Raten á 2.000 Euro über die nächsten fünf Monate in denselben Fonds einzahlt. Der Fonds steigt in dieser Zeit kontinuierlich im Wert. Die Tabelle zeigt, was in einem solchen Fall passieren würde.

Fall A: Der Wert des Fonds steigt kontinuierlich

Wertentwicklung des Fonds
Monat Ihr Investment Das Investment Ihrer Cousine
1 55,56 Anteile
á 180 Euro
11,11 Anteile
á 180 Euro
2 - 10,99 Anteile
á 182 Euro
3 - 10,81 Anteile
á 185 Euro
4 - 10,70 Anteile
á 187 Euro
5 - 10,53 Anteile
á 190 Euro
Gesamte Anteile: 55,56 54,14
Wert nach 5 Monaten: 10.556 Euro 10.287 Euro


Nach fünf Monaten lägen Sie also vorne, weil Sie für Ihre 10.000 Euro insgesamt mehr Anteile erhalten haben. Dies hängt damit zusammen, dass der Fondspreis in diesem Zeitraum kontinuierlich gestiegen ist. Aber was passiert, wenn der Fondspreis in der Zeit sehr stark schwankt?

Fall B: Der Wert des Fonds schwankt sehr stark

Wertentwicklung des Fonds
Monat Ihr Investment Das Investment Ihrer Cousine
1 55,56 Anteile
á 180 Euro
11,11 Anteile
á 180 Euro
2 - 16,67 Anteile
á 120 Euro
3 - 10,81 Anteile
á 185 Euro
4 - 14,81 Anteile
á 135 Euro
5 - 10,53 Anteile
á 190 Euro
Gesamte Anteile: 55,56 63,93
Wert nach 5 Monaten: 10.556 Euro 12.147 Euro


In diesem Fall liegt Ihre Cousine sehr deutlich vorne. Sie hat jeden Monat einen festen Euro-Betrag in den Fonds investiert und dadurch mehr Anteile erhalten, wenn der Preis niedrig war, und weniger, wenn der Preis höher war. Am Ende hat sie so deutlich mehr Anteile erworben als Sie. Sie hat auf diese Weise die durchschnittlichen Einstiegskosten verringert.

Solch starke Schwankungen im Fondspreis sind zwar sehr selten, aber dasselbe Prinzip wirkt auch, wenn die Schwankungen schwächer sind. Dieser Durchschnittskosten-Effekt (Cost-Average-Effekt) ist dann zwar nicht so stark, aber er ist trotzdem vorteilhaft für den Anleger.

3. Das schrittweise Investieren (Sparplan)

Das schrittweise Investieren mit einem festen Euro-Betrag in jedem Monat verringert das Risiko beim Einstieg in die Fondsanlage.

Auch wenn der Fondspreis fallen sollte, verliert der Teil des Geldes, den der Anleger noch nicht in den Fonds investiert hat, seinen Wert nicht.

Er kann mit diesen Reserven die Fondsanteile zu einem niedrigeren Preis erwerben. Für das gleiche Geld gibt es dann mehr Fondsanteile.

Die folgende Tabelle verdeutlicht den Effekt der Risikobegrenzung.

Fall C: Der Wert des Fonds sinkt kontinuierlich

Wertentwicklung des Fonds
Monat Ihr Investment Das Investment Ihrer Cousine
1 55,56 Anteile
á 180 Euro
11,11 Anteile
á 180 Euro
2 - 12,50 Anteile
á 160 Euro
3 - 13,79 Anteile
á 145 Euro
4 - 15,38 Anteile
á 130 Euro
5 - 16,67 Anteile
á 120 Euro
Gesamte Anteile: 55,56 69,45
Wert nach 5 Monaten: 6.667 Euro 8.334 Euro


In diesem Beispiel verlieren sie beide Geld, aber Ihre Cousine scheidet durch das schrittweise Investieren besser ab. Auch wenn sich der Fonds erholt, wird sich die Anlage Ihrer Cousine wesentlich besser entwickeln, da sie mehr Fondsanteile besitzt.

Der zweite Grund, warum wir das schrittweise Investieren mögen, ist, dass es zur Disziplin erzieht. Anleger jagen oft den Zahlen der Vergangenheit nach und kaufen Fonds, die eine Phase mit einer starken Wertentwicklung hinter sich haben. Und sie verkaufen den Fonds wieder, wenn sich diese Entwicklung verlangsamt oder umkehrt. Das ist eine Form des Markt-Timings.

Das schrittweise Investieren mit festen Beträgen hält Sie aber vom Markt-Timing ab, weil Sie die ganze Zeit über Fondsanteile kaufen. Selbst wenn Sie nicht daran denken, kaufen Sie Fondsanteile, wenn Sie einen regelmäßigen Sparplan vereinbart haben, der dies automatisch für Sie erledigt.

Ein weiterer Vorteil: Manche Fondsgesellschaften verringern ihre Mindestanlage bei Sparplänen, so dass Sie auch niedrigere Einmalzahlungen leisten können.

Schlussfolgerung

Das Markt-Timing sollte für alle Anleger nicht in Frage kommen (einige versuchen es trotzdem immer wieder). Ob eine Einmalanlage oder das schrittweise Investieren mit festen Beträgen sinnvoller ist, hängt von der Anlagedauer ab und von dem gewünschten Mix aus Chance und Risiko in Ihrem speziellen Fall.

Je kürzer die vorgesehene Anlagedauer ist, umso größer ist die Gefahr, mit einer Einmalanlage Geld zu verlieren. Gleichwohl ist es nicht sinnvoll, zum Beispiel 20.000 Euro über die nächsten 20 Jahre mit Raten von 1000 Euro im Jahr zu verteilen.

Wir schlagen vor, die beiden Strategien miteinander zu kombinieren: Investieren Sie so viel, wie Sie können, sofort, und nehmen Sie sich vor, jeden Monat oder jedes Vierteljahr einen zusätzlichen Betrag einzuzahlen.

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Morningstar Europe Editor  .