Becks, Budweiser und Heineken an der Börse

Auf den Kurszetteln von Amsterdam und Brüssel finden sich die größten Brauereikonzerne. Sie waren allerdings kein Ausgleich für die abstürzenden Banken.

Alexander Ehmann 01.08.2008
Investoren wissen die liberale Grundeinstellung der Holländer zu schätzen. Im Oktober 2007 kam es zur größten weltweiten Bankenübernahme. Die niederländische ABN Amro wurde von einem Bankenkonsortium aus der Royal Bank of Scotland, der spanischen Santander und dem belgischen Allfinanzdienstleister Fortis übernommen. Damit ließen sich die Niederlande ihr drittgrößtes Unternehmen wegkaufen, was in Deutschland oder Frankreich massive Proteste ausgelöst hätte. Was bietet der Kurszettel der Amsterdamer Börse noch?

Holland: Defensive Energietitel verlieren trotz Öl-Hausse

Der AEX Index repräsentiert die 21 größten holländischen Unternehmen. In den Niederlanden dominieren Finanzwerte wie die ING, Fortis oder die Versicherung Aegon mit einem Viertel den Aktienmarkt. Fortis platzieren derzeit eine Kapitalerhöhung von mehr als 8 Mrd. Euro. Der Vorstandschef musste seinen Hut nehmen, weil er vorher beteuerte, dass Fortis nach der Übernahme von ABN Amro keine Erhöhung des Eigenkapitals brauche. Der Kursverlauf der Fortis-Aktie ist ähnlich desaströs wie bei anderen Banken.

Konjunktursensible Werte wie der Stahlriese Arcelor Mittal oder die Chemiekonzerne Akzo Nobel und DSM bilden mit 23% die zweitgrößte Branche an der Amsterdamer Börse.

Der Ölmulti Royal Dutch Shell ist mit 17% der schwerste Wert im AEX. Das starke Gewicht dieses Titels macht aktives Management mit Blick auf die Benchmark AEX zu einem schwierigen Unterfangen. Aktienfondsmanager dürfen maximal 10% in einen Titel investieren. Mit ETFs und Futures kann man zwar das Gewicht der Aktie in Richtung 17% bewegen, es bleibt aber stets eine relative Untergewichtung zum Index. Trotz haussierender Rohölpreise verlor die Shell Aktie seit Jahresanfang 20%.

Zu den defensiven Werten im AEX zählen der Nahrungsmittelhersteller Unilever (Lux Seife oder Ben & Jerries Eis) oder der Brauereikonzern Heineken. Aber auch diese Aktien spüren steigende Rohstoff- und Logistikkosten und eine sich global abschwächende Konsumnachfrage. Versorger oder Gesundheitswerte sucht man im AEX vergeblich.

2007 waren die Niederlande mit einem KGV von 10,5 der günstigste Markt in der Eurozone und unterboten damit sogar Italien, das traditionell ein günstiges KGV aufweist. Auf den AEX gibt es zwei ETFs, die über die Euronext gekauft werden können. Der StreetTracks AEX Index und der ishares AEX kosten beide 0,3% Verwaltungsvergütung pro Jahr. Eine Order an die Euronext kostet bei einem Online-Broker mindestens 50 Euro, bei einem DAX-ETF werden über Xetra dagegen nur rund 10 Euro fällig. Der Weg über die Euronext Börse ist teuer für deutsche ETF-Investoren.

Belgien: Börse mit sehr hohem Bankenanteil

Der Bel 20 Index hat mit 243 Mrd. Euro eine niedrigere Marktkapitalisierung als der AEX mit 408 Mrd. Euro. Der belgische Markt besteht im Großen und Ganzen aus drei Branchen: 44% sind Finanzwerte wie KBC, Dexia oder Fortis. 19% macht der Versorger GDF Suez aus. Nicht-zyklische Konsumgüter wie der Bierbrauer Inbev oder der Einzelhändler Colruyt kommen auf 18%.

Die starke Konzentration der Finanzdienstleister zeigte Spuren: Die Subprime- Krise ließ den Bel 20 seit Juli 2007 um ein Drittel nachgeben. Auch die als defensiv geltenden Konsumwerte wie der globale Brauereikonzern Inbev konnten die Verluste der Banken nicht eindämmen. Die Brauereigruppe Inbev versucht, in den USA Anheuser Busch (Budweiser) zu übernehmen. Die Aktie steht schon seit Oktober 2007 auf den Verkaufslisten der Händler. Inbev entstand 2004 aus der Fusion der weltweit zweitgrößten belgischen Brauerei Interbrew und dem brasilianischen Getränkehersteller AmBev.

Mit der Supermarkt-Kette Delhaize waren Investoren indirekt in den Vereinigten Staaten engagiert. Zu den Belgiern gehört die US-Lebensmittelkette Food Lion. Der Börsenwert von Delhaize hat sich fast halbiert. Delhaize kommt im Bel20 auf ein Gewicht von fast 5%.
Ein hohes Gewicht von 18% hat zudem der französische Versorger GDF Suez, der aus der Fusion mit Electrabel hervorgegangen ist. Im Juli 2008 fusionierten Suez erneut mit dem französischen Versorger Gas de France. Der neue französisch-belgische Versorger GDF Suez hat im Euro Stoxx 50 eine Gewichtung von 3% und gehört damit zu den Schwergewichten.

Belgien war 2007 mit einem KGV von 12 teurer als die Niederlande. Lyxor bietet über die Euronext einen ETF auf den Bel 20 an, für den eine jährliche Verwaltungsgebühr von 0,5% anfällt.

ING (L) Invest Dutch Equity

Das Anlageziel des ING (L) Invest Dutch Equity liest sich einfach: Marktneutral bis leichte Outperformance und ein Ziel-Tracking-Error von 2%. Beim Tracking Error gilt: Je höher, desto mehr weicht der Fonds von seiner Benchmark ab. 2% entsprechen keiner hohen Abweichung. Das bestätigen auch die Performancewerte: Über drei Jahre erreicht der Fonds eine Rendite von 6% jährlich, während der AEX auf 7% pro Jahr kommt. Im Fünf-Jahreszeitraum betrug die Fondsperformance 10% pro Jahr, der Index erzielte ein jährliches Plus von 12%.

Insgesamt besteht der Fonds aus rund 35 Titeln. Die größten Einzelpositionen im Fonds sind Royal Dutch Shell (10%), Arcelor Mittal (10%) und die ING (8%). Um sich der Benchmark-Performance anzunähern, setzt Managerin Wendy Veelenturf auch ETFs auf den AEX ein, die im Durchschnitt 10% des Portfolios ausmachen. Mit Index Futures verstärkt sie nochmals das Index-Exposure. Ziel ist, möglichst nahe an die Benchmark AEX zu kommen, die von 18% Arcelor Mittal und 17% Royal Dutch Shell bestimmt wird. Das alles hat mehr vom Puzzeln als vom Stock Picking.

Der größte indexfremde Titel ist die Consulting-Firma Fugro, die sich auf die Bewertung von Wasser, Böden und Rohstoffen spezialisiert hat. Die indexfremden Werte spielen kaum eine Rolle, sie kommen zusammen auf 5% des Fonds.

Fortis L Equity Netherlands

Ein Fonds mit ähnlich indexnaher Performance ist der Fortis L Equity Netherlands. Manager Holger Weeda klebt, was die Sektorengewichtung betrifft, nicht an der Benchmark. Banken, Industriematerialien und zyklische Konsumgüter wie den Elektrohersteller Philips gewichtet er unter.

Derzeit findet er KPN interessant, das niederländische Pendant zur Deutschen Telekom. Technologie und Telekommunikation machen im Fonds 15% aus, was dem doppelten Indexanteil entspricht. Der Fonds hält zwischen 35 und 40 Positionen. Die indexfremden Titel sind Small- und Mid-Caps. Als Mid-Caps gelten bei Morningstar Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung zwischen 960 Mio. und 6 Mrd. Euro, Small-Caps bewegen sich zwischen 220 Mio. und 960 Mio. Euro. Potential für eine Outperformance wäre bei einem Anlageuniversum von 150 Aktien vorhanden. Über drei und fünf Jahre liegt der Fonds aber hinter seiner Benchmark.

Wenn das Management keine Anlagemöglichkeiten am Markt sieht, findet sich auch mal eine niederländische Staatsanleihen im Portfolio. Holger Weeda hat die Leitung des Fonds erst im Juni 2008 übernommen. Seit zweieinhalb Jahren zeichnet er sich auch für den in Deutschland nicht zum Vertrieb zugelassenen ABN AMRO Netherlands Fund verantwortlich, der über drei und fünf Jahre die gleiche Performance wie der Index erzielte und somit besser war als der Fortis Fonds. Es bleibt abzuwarten, ob der Fortis Fonds und der ABN AMRO Fonds nicht aufgrund gleichen Anlageziels zusammengeführt werden.

Die Amsterdamer Börse wird von drei Aktien dominiert. Als Alternative zu den aktiv gemanagten Fonds bieten sich deshalb die günstigeren Indexfonds an. Der Netherlands Index Equity Fund kostet 0,6% an Managementgebühr pro Jahr, während beim ING Fonds und Fortis Fonds entsprechend 1,3% und 1,25% pro Jahr anfallen.

Der SSgA Netherlands bildet allerdings den MSCI Netherlands ab. In diesem Index sind Shell, Arcelor Mittal, Fortis und Unibail-Rodamco nicht enthalten, was sich in der vom AEX abweichenden Performance widerspiegelt: Über ein Jahr verlor der MSCI Netherlands 24%, während der AEX nur 19% abgab.

KBC Equities Fund Belgium und KBC Equities Fund Flanders

Der KBC Equities Fund Belgium investiert im gesamten Königreich, während sich der KBC Equities Fund Flanders auf Unternehmen aus der flämischen Region konzentriert. Die beiden Regionen Flandern und Wallonien unterscheiden sich sprachlich, kulturell und wirtschaftlich. Während Wallonien noch immer mit den Folgen des industriellen Strukturwandels zu kämpfen hat, geht es Flandern besser.

Unternehmen aus Flandern sind der Brauereiriese Inbev, die Bankengruppe KBC oder der Dessoushersteller Van de Velde. In Flandern dominiert der Dienstleistungssektor: Banken, Konsumgüter und Healthcare sind die größten Sektoren im KBC Equities Fund Flanders. Insgesamt ist der Fonds gut über alle Branchen diversifiziert, mit einer Ausnahme: es befindet sich kein einziger Versorger im Portfolio. Im BEL 20 macht Suez zwar 18% aus, ist aber kein flämisches Unternehmen.

Im KBC Equities Funds Belgium ist Suez dagegen mit 9% die zweitgrößte Position. Der größte Titel im Belgienfonds ist mit fast 11% die belgisch-niederländische Finanzgruppe Fortis, gefolgt von der Dexia und der KBC Bank selbst.

Nach der Morningstar Aktien Stylebox bewegen sich beide Fonds im Mid-Cap-Bereich. Während mit dem KBC Equities Fund Belgium in den letzten drei Jahren nichts zu holen war (0,08% pro Jahr), konnten Anleger mit dem Flandern-Fonds im selben Zeitraum 9% verdienen. In der Vergangenheit zählte der Flandern Fonds in der Kategorie Aktien Belgien überwiegend zum besten Viertel, der Belgien Fonds dagegen war häufig im letzten Viertel anzutreffen. Der Flandern Fonds hat mit 26% nur die Hälfte an Finanzwerten wie der Belgien Fonds. Die hohen Verluste der Banken im letzten und im laufenden Jahr haben die Rendite des Belgien-Fonds komplett aufgezehrt. In der Hausse der vergangenen Jahre erzielten beide Fonds Renditen zwischen 20% und 40% pro Kalenderjahr.

Brauchen Deutsche Anleger holländische oder belgische Aktien?

Im AEX fehlen Versorger und Gesundheitswerte gänzlich. Im Bel 20 findet man keine Energiewerte oder größere Technologiewerte. Auch Bieraktien konnten den Verfall der Börsenkurse nicht aufhalten.

Die Schwergewichte Royal Dutch Shell, Arcelor Mittal, Fortis und GDF Suez sollten auch in europäischen Kernportfolios enthalten sein. Am größten europäischen Ölkonzern oder dem mit Abstand größten globalen Stahlkocher kommen Manager europäischer Standardwertefonds kaum vorbei.

An der Amsterdamer und Brüsseler Börse notierte Aktien addieren sich im Euro Stoxx 50 zusammen auf 12%, im Stoxx 600 (inklusive UK) machen holländische und belgische Unternehmen 9% aus. Anleger mit einem Europafonds sollten sich fragen, ob sie den Anteil von Benelux Aktien noch erhöhen wollen.

Mit dem Morningstar Instant X-Ray Tool können sich Investoren Länderanteile und die 10 größten Positionen anzeigen lassen. Dazu müssen lediglich die einzelnen Fonds mit den jeweiligen Gewichten angegeben werden. Das kostenlose Tool finden Sie hier.
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Alexander Ehmann