‚Der Anleger, der in eine 130/30 Strategie investiert, kauft sozusagen 160 Prozent des Investmentprozesses.'

Wir sprachen mit Fondsmanager Jeremy Lefkowitz über den Invesco US 130/30 Equity Fund.

Alexander Ehmann 05.12.2008


Sehr geehrter Hr. Lefkowitz, könnten Sie uns bitte Ihren Investmentansatz erklären?

Im Mittelpunkt unseres Investmentprozesses steht die modellgestützte Einzelwertauswahl. Wir glauben, dass es mit Hilfe von Fundamentalanalysen und Erkenntnissen der Behavioural Finance möglich ist, relative Renditen von Aktieninvestments vorauszusagen

Wir setzen auf eine systematische Einzeltitelauswahl aus einem breiten Anlageuniversum. Der Einzelwertprozess soll attraktive und unattraktive Aktien gleichermaßen identifizieren und zwar durch eine objektive Prognose der relativen Performance jedes Einzelwerts mit Hilfe unseres Aktienselektionsmodells. Unser Modell basiert auf den Konzepten Gewinnrevisionen, Relative Stärke, Managementverhalten und Bewertung. Zudem erfolgt eine Eingrenzung unerwünschter Schwerpunkte im Rahmen des Portfolioaufbaus und Risikomanagements bezüglich Größe, Stil oder Marktkapitalisierung relativ zur Benchmark. Umgesetzt durch eine Optimierungstechnik, die auf eine maximale erwartete Rendite bei strikter Risikokontrolle zielt.

Basierend auf den Ergebnissen unserer Analyse stellen wir integrierte Portfolios mit auf Branchenebene sich gegenseitig ausgleichenden Long- und Short-Positionen zusammen. Diesen Prozess wenden wir in unseren Long-Only- und Market-Neutral-Strategien bei institutionellen Kunden bereits seit etwa 25 Jahren bzw. über 16 Jahren erfolgreich an.

Skizzieren Sie bitte kurz, was die Vorzüge einer Long-Short-Strategie gegenüber der Long-Only-Strategie sind.

Die zentralen Vorzüge einer Long-Short-Strategie liegen unserer Ansicht nach in einem erhöhten Alpha-Potenzial verglichen mit traditionellen Long-Only-Strategien sowie in der erhöhten Flexibilität bei der Umsetzung von Research-Erkenntnissen, was zu einem verbesserten Informationstransfer vom Aktienauswahlmodell in das Portfolio führen soll. Einen zentralen Vorteil sehen wir in dem effizienteren Kapitaleinsatz. Der Anleger, der in eine 130/30 Strategie investiert, kauft sozusagen 160 Prozent des Investmentprozesses. Die Fokussierung auf das (Markt- oder Benchmark-) Beta wird beibehalten, vergleichbar mit traditionellen Long-Only-Strategien. Dies führt typischerweise zu einer höheren Information Ratio für diese Strategie.

Welche Instrumente verwenden Sie zum Leerverkauf? Gehen Sie dabei mit Einzelpositionen short oder setzen Sie auf Indexfutures?

Da die UCITS III-Vorgaben direkte Leerverkäufe untersagen, werden für die Umsetzung Swaps benötigt. Bei unserer UCITS-Strategie verwenden wir jeweils Swaps für die 30% an ausgewählten einzelnen Long-Positionen und die 30% an ausgewählten Short-Positionen. Indexfutures werden nicht verwendet.

Hat sich die „Short-Strategie“ in der aktuellen Baisse bezahlt gemacht?

Unsere Long- und Short-Positionen sowie unser Portfolioaufbau basieren auf einem disziplinierten Aktienauswahlmodell. Wir stellen integrierte Portfolios mit auf Branchenebene betragsgleichen Long- und Short-Positionen zusammen. Da wir auch keinen getrennten Portfolioaufbau vornehmen, bevorzugen wir eine gemeinsame Darstellung der Wertentwicklung von Long- und Short-Positionen. Allerdings zeigt unser Attributionssystem, dass die von uns geshorteten Aktien tatsächlich schlechter als der Markt abgeschnitten haben und damit in einem sehr schwierigen dritten Quartal einen Wertzuwachs erzielt haben. Damit wir jedoch eine insgesamt positive Performance erzielen, muss das Long-Portfolio, das 130% des Portfolios darstellt, besser abschneiden als der Markt.

Inwieweit hat das Leerverkaufsverbot für bestimmte Aktien Ihre Strategie beeinflusst?

Wir passen die Fondszusammensetzung monatlich an. Die letzte Anpassung fand kurz vor der Einführung des Leerverkaufverbots statt, so dass die direkten Auswirkungen dieses Verbots begrenzt waren. Wie erforderlich, warteten wir mit der nächsten Portfolioanpassung bis zur Aufhebung dieses Verbots. Der insgesamt starke Anstieg der Marktvolatiliät führte zu deutlich höheren Transaktionskosten sowie einer größeren Anzahl nur schwer leihbarer Aktien insbesondere im Finanzsektor.

Welche Risiken gibt es bei einer Long/Short-Strategie?

Die typischerweise bei Long-Short-Portfolios auftretenden Risiken hängen vor allem mit den Leerverkäufen zusammen. Bei Short-Positionen können die Verluste theoretisch ins Unermessliche steigen. Beim Portfolioaufbau achten wir daher besonders auf 1) die Möglichkeit von Wertpapierleihen und 2) die Liquidität (Vermeidung von Liquiditätsengpässen bei Shorts). Diese Risiken werden von unseren Teams im Portfolioaufbauprozess wie auch im Trading kontinuierlich überwacht und unterliegen disziplinierten Risikokontrollen. Dabei wird jede einzelne Situation separat bewertet.

Welche Branchen haben Ihrer Meinung nach mittelfristig Potential und bei welchen Aktien setzen Sie auf weiter sinkende Kurse?

Wir managen ein breit diversifiziertes Portfolio ohne signifikante Branchenwetten. Das maximale relative Branchenexposure im Verhältnis zum Referenzindex beträgt bei der Anpassung +/-2%. Das Gros der Zusatzerträge soll durch die Aktienauswahl erzielt werden.

Wie schätzen Sie den US-Aktienmarkt für die nächsten zwölf bis 24 Monate ein?

Unser Aktienmarktausblick für das kommende Jahr ist positiv. Obwohl wir mit einer anhaltenden Marktvolatilität rechnen, sollte der Trend dennoch nach oben zeigen. Unser optimistischer Ausblick wird von vier Faktoren unterstützt: 1) einer expansiven Geldpolitik. Die US-Notenbank verfolgt eine lockere Geldpolitik und ist entschlossen, dem Finanzsystem mit kräftigen Liquiditätsspritzen unter die Arme zu greifen. 2) einer expansiven Fiskalpolitik. Obwohl derart umfangreiche staatliche Interventionen auf längere Sicht problematische Folgen haben können, tragen sie auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten dazu bei, die Wirtschaft und aller Erfahrung nach auch den Aktienmarkt anzukurbeln. 3) einer expansiven Steuerpolitik. Aufgrund der hohen Bedeutung steuerpolitischer Parameter für die Vermögensbildung (und die damit verbundenen Produktivitäts- und Beschäftigungsgewinne) sowie das Wirtschaftswachstum insgesamt haben sich die Märkte in den letzten 100 Jahren generell besser entwickelt, wenn Steuern, insbesondere Kapitalertragssteuern, gesenkt wurden, als wenn sie angehoben wurden. Mit breit angelegten Steuersenkungen ist derzeit nicht zu rechnen (obwohl der künftige US-Präsident niedrigere Steuern für Kleinunternehmen erwägt). In jedem Fall werden die durch den starken Rückgang der Rohstoffpreise gesunkenen Energie- und Lebensmittelpreise auf kurze Sicht wie eine temporäre Steuersenkung wirken. 4) einer scharfen Kurskorrektur an den Aktienmärkten, die zu attraktiven Wertzuwachschancen für Investoren führt.

Herr Lefkowitz, vielen Dank für das Interview.

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Alexander Ehmann