Plädoyer für benchmarkfreies Anleihenmanagement

Die Beschlüsse der EU-Regierungschefs werden Einfluss auf Investoren haben.

Werner Hedrich 02.11.2010

Der EU-Gipfel letzter Woche macht die Welt der Anleiheninvestments interessanter. Künftig werden Investoren die Ausfallwahrscheinlichkeit von Schuldnern der Eurozone wieder stärker ins Kalkül einbeziehen. Damit eröffnet sich die Länderauswahl innerhalb von Eurozone-Staatsanleihefonds als signifikante Performancequelle. Wer makroökonomische Trends solide analysieren kann und einen aktiven Ansatz im Bondmanagement verfolgt, der kann hier seinen benchmarknahen Wettbewerbern und ETFs um einiges voraus sein. Wir haben auch schon Fonds analysiert, die 2008 Griechenland, Irland und Portugal komplett verkauft haben.

Nach der Einigung am Freitag letzter Woche steht ein Insolvenzverfahren für Staaten auf der europäischen Tagesordnung. Dies bedeutet nichts anderes, als dass überschuldete Staaten künftig die Möglichkeit haben, die Zinszahlungen (Kupons) auszusetzen, die Rückzahlung der Anleihe – also deren Fälligkeit – nach hinten zu verschieben oder den Nennwert (Rückzahlungswert einer Anleihe) zu reduzieren. Die Investoren von Staatsanleihen der Eurozone müssen nun diese Instrumentarien der Umschuldung in ihre Investmententscheidungen einbeziehen. Dies wird die Renditedifferenzen innerhalb der Eurozone auseinanderlaufen lassen. Der Markt wird über den Zins das Korrektiv innerhalb der politisch gewollten Eurozone werden. Fraglich ist, wie eine gemeinsame Geldpolitik darauf reagiert. Die Diskussion um Sanktionen wie den Entzug der Stimmrechte oder Strafzahlungen bei Verstoß gegen den Stabilitätspakt sind nur ein Nebenschauplatz. Die Möglichkeit eines ‚Chapter 11 Verfahrens für Staaten‘ wird die Märkte und damit den Zins schneller reagieren lassen als die Regierungschefs der Eurozone.

Eine Hürde ist unbestreitbar, dass für den Aufbau eines europäischen IWF mit entsprechendem Insolvenzverfahren die europäische Verfassung geändert werden muss. Hier müssen die europäischen Staaten Vorkehrungen bis Ende 2012 treffen. Denn 2013 läuft der europäische Schutzschirm aus. Bis dahin muss das Verfahren stehen. Die Märkte werden schon früher reagieren. Eine Chance für aktiv agierende Anleihenmanager.  

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Werner Hedrich