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Sind Sie eine Aktie oder eine Anleihe?

Welche Rolle dies für die langfristige Vermögensplanung spielt.

Nanette Byrnes, 18.11.2010

Sind Sie eine Aktie oder eine Anleihe? Die Antwort auf diese Frage gilt bei Wissenschaftlern und Praktikern in der Finanzwelt zunehmend als ein entscheidendes Kriterium für eine erfolgreiche Asset Allocation und Finanzplanung. 

Eine  ‚Anleihe‘ sind Sie dann, wenn sie einen stabilen Arbeitsplatz besitzen, der von den Bewegungen am Aktienmarkt unabhängig ist, und wenn Sie noch viele Arbeitsjahre vor sich haben. Wenn Sie dagegen in einem volatilen und schwer berechenbaren Umfeld tätig sind, sind Sie eher eine ‚Aktie‘. 

Diese Aktien-/Anleihenanalogie ist eine Möglichkeit, um das Humankapital und die beruflichen Aussichten eines Investors in dessen Anlageplanung zu integrieren. In diesem Kontext entspricht das Humankapital dem Barwert der langfristigen Arbeitseinkünfte. Zusammen mit dem Finanzkapital (den Ersparnissen) ergibt dies das gesamte Vermögen einer Person. Experten meinen nun, dass viele Investoren das Humankapital bei der Finanzplanung nicht ausreichend berücksichtigen.

Ein Teil des Humankapitals resultiert einfach aus dem Alter einer Person. Junge Investoren haben typischerweise viele Arbeitsjahre vor sich und damit viel Humankapital. Sie verfügen aber meist nur begrenzt über Finanzkapital. Bei jemandem, der kurz vor dem Ruhestand steht, ist es i.d.R. umgekehrt, da das Humankapital aufgebraucht wurde, aber idealerweise genügend Finanzkapital zur Verfügung steht, um die restlichen Lebensjahre zu bestreiten. Darüber hinaus sind auch die Charakteristika eines Berufes oder eines Arbeitsplatzes entscheidend für das Humankapital.

Der Anleihen-Typ

1)    Die Jungen

Ein Zwanzigjähriger könnte sich eher wie eine Wachstumsaktie fühlen – voller Potenzial, fähig zu unerwarteten Leistungssprüngen, launisch – doch tatsächlich entspricht er eher einer Anleihe. Ibbotson Associates, eine Tochter von Morningstar, die Humankapital in die Asset-Allocation-Entscheidung einbezieht, meint: je jünger, desto mehr gleicht eine Person einer Anleihe. Vergleichbar mit der regelmäßigen Kuponzahlung einer Anleihe verdient eine arbeitende Person ein monatliches Einkommen, aus dem sie Ersparnisse bilden kann. Als Ausgleich für die starke Bedeutung des Humankapitals sollten jüngere Anleger daher ihr Finanzkapital in aggressivere Anlagen investieren. Sie sollten auch besser mit der Volatilität solcher Investments zurechtkommen, da sie genug Zeit haben, um Verluste auszusitzen. Dies wird bereits in der bisherigen Beratungspraxis so gehandhabt (Stichwort Anlagehorizont), doch spielt die persönliche Risikotoleranz eine geringere Rolle, wenn man mit dem Humankapital argumentiert. 

2) Anleger mit stabilen Arbeitsplätzen

Anleger, deren Arbeitsplätze konjunkturunabhängig sind (etwa Bedienstete des öffentlichen Sektors), besitzen Anleihencharakteristika. Wer dagegen an der Wall Street arbeitet, ist aktienähnlicher. Moshe A. Milevsky, Finanzprofessor an der York University Schulich School of Business in Toronto, investiert als Mittvierziger zu 100% in Aktien. Der Autor des Buches ‚Are you a Stock or a Bond?‘ begründet dies nicht mit seiner hohen Risikobereitschaft, sondern sieht sich aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit als ‘Anleihe’ – trotz seines Alters.

Wie sehr sind Sie einer Anleihe ähnlich?

Wenn sich ein Verfassungsrichter an einem Ende des Spektrums befindet und ein Derivatehändler am anderen, wo liegen Sie selbst? Im Wall Street Journal ruft Milevsky Anleger dazu auf, ihr persönliches ‚Beta‘ zu ergründen, d.h. inwieweit ihr Arbeitsplatz (und damit auch ihr Einkommen) den Einflüssen des Aktienmarkts unterliegt.

Auch wer sich eher als Anleihe sieht, sollte genauer überlegen: Bin ich eher der hochverzinsliche Typ mit entsprechendem Ausfallrisiko oder gleiche ich einer soliden Staatsanleihe, die niedrige Zinsen zahlt. Anleger mit volatilen Arbeitseinkünften sollten dies durch ein konservativeres Vorgehen bei der Finanzanlage ausgleichen.

Welche Rolle Versicherungen spielen
Ibbotson und Milevsky weisen darauf hin, dass das Humankapital gefährdet ist, nicht zuletzt durch Tod, Erwerbsunfähigkeit oder längere Krankheit. In Bezug auf das Humankapital ist eine Lebensversicherung dann am wichtigsten, wenn die Sterbewahrscheinlichkeit am niedrigsten ist, d.h. in jungen Jahren. Das erscheint zunächst kontraintuitiv: Erstens denkt man in diesem Alter nicht an den Tod und zweitens ist das Einkommen oft noch so niedrig, dass man wenig Nutzen in einer Absicherung gegen dessen Verlust erkennt. Aus der Perspektive des Humankapitals stellt sich dies ganz anders dar: Junge Leute haben noch viele unrealisierte Einkünfte vor sich, die sich auf hohe Beträge summieren können. Hier lohnt sich eine Versicherung. Mit steigendem Alter sinkt der Nutzen einer Versicherung. Wer sich aber für eine Versicherung entscheidet, sollte daran denken, dass sie quasi den Anleihenanteil am Gesamtvermögen erhöht.

Milevsky plädiert für einen ganzheitlichen Ansatz bei der Finanzplanung, der nicht nur Marktrisiken berücksichtigt: ‚Wenn die Diversifizierung auf Finanzebene in Krisenzeiten versagt, sollte man bei der Risikostreuung auch das Humankapital einbeziehen.‘

Nanette Byrnes ist Autorin für www.Portfolioist.com, einer Webseite, die sich der langfristigen Anlageplanung widmet. Davor war sie lange Jahre für die Zeitschrift ‚BusinessWeek‘ tätig. Wir veröffentlichen ihren Artikel in Auszügen.