Wenn Sie mit der Nutzung dieser Website fortfahren, stimmen Sie dem Einsatz von Cookies auf Ihrem Gerät zu. Lesen Sie hier mehr über unsere Cookie Policy und welche Arten von Cookies wir verwenden.

Bill Gross: ‚Anleiheninvestoren werden für Risiken nicht entschädigt.‘

Der Fondsmanager des weltweit größten Anleihenfonds im Interview über US-Staatsanleihen und bessere Alternativen.

Eric Jacobson 15.04.2011

Morningstar: Sie haben in den letzten Monaten häufig Ihre Sorgen in Bezug auf die makroökonomische Situation in den USA geäußert. Könnten Sie uns erklären, worin diese begründet sind?

Bill Gross: Das Makrobild passt gut zu unserer Einschätzung von US-Staatsanleihen, die vom US-Haushaltdefizit direkt betroffen sind. Das momentane Defizit in Höhe von $ 1,5 Billionen trägt auf Jahresbasis 10% des BIP zur Staatsverschuldung bei, was erheblich ist.

Andererseits kauft die US-Notenbank davon den Großteil auf, was die Renditen niedrig hält. Der Einfluss ist schwer zu quantifizieren. Die Fed hat dies selbst untersucht und schätzt, dass ihr Einfluss zwischen 50-100 Basispunkten liegt. Das bedeutet, dass zehnjährige US-Staatsanleihen nicht mit 3,5%, sondern eher mit 4-4,5% rentieren sollten, wenn es die geldpolitischen Maßnahmen und die Emission von Staatsanleihen nicht gäbe.

Zusätzlich gibt es wichtige internationale Käufer. Z.B. China und andere Zentralbanken, denen es nicht auf die Rendite ankommt, sondern die versuchen, in ihren Ländern das Wachstum der Arbeitsplätze zu unterstützen. Zudem kauft China massiv Dollar, um eine Aufwertung des Yuan zu verhindern.

Unserer Ansicht nach sind die Renditen angesichts dieser künstlichen Käufe am Markt, die von Seiten der Fed Ende Juni verschwinden könnten, anfällig für eine Korrektur. Wir wissen nicht, in welcher Höhe. Doch auf jeden Fall meinen wir, dass Anleiheninvestoren nicht angemessen für die Risiken, die sie momentan auf sich nehmen, entlohnt werden.

Was würde passieren, wenn die Käufe aus Asien zurückgehen? Wie schnell könnte das passieren?

Letztendlich sollte sich der Markt Gedanken darüber machen, dass die Nachfrage aus China und anderen asiatischen Märkten allmählich zurückgeht. Tatsächlich hat China in den letzten 12 Monaten relativ wenige US-Staatsanleihen gekauft, was auch für Japan und einige andere Staaten der Fall war. Die Befürchtung, dass China sein Geld in Zukunft mehr für die interne Entwicklung und weniger für den Kauf von US-Staatsanleihen verwendet, ist begründet.  

Die Chinesen dürften wissen, dass sie die Renditen künstlich niedrig halten und dass die Kurse der US-Staatsanleihen in ihrem Besitz anfällig für eine Korrektur sind. Damit haben wir eine Situation ähnlich wie bei der US-Notenbank, dass China seine Käufe verlangsamen oder stoppen könnte. Zudem sind in den nächsten Jahren auch Verkäufe denkbar.

Bisher waren wir durch die Nachfrage der US-Notenbank und anderer Zentralbanken in einer günstigen Situation, aber beide zeigen eine geringere Neigung, damit in Zukunft fortzufahren. Die Konsequenz wären höhere Real- und Nominalzinsen  – abhängig von der Inflation, die selbst im Steigen begriffen ist.         

Inwieweit wirkt sich das auf ihre heutigen Anlageentscheidungen aus? Oder ist dies etwas, was Sie für die kommenden Jahren beobachten?

Wir befinden uns da in einer Beobachtungsphase, da wir keinen direkten Draht zu den Chinesen haben und diese ihre Absichten selten diskutieren. Wir gehen aber davon aus, dass sich die Situation  in den nächsten drei bis fünf Jahren weiterhin in eine negative Richtung verändert. Allerdings ist sie derzeit kein bestimmender Faktor.

Aktuell sind wir aber der Ansicht, dass Anleihenanleger bei einem Leitzins in den USA von 0,25% im Vergleich zur Historie nicht angemessen für die eingegangenen Risiken entschädigt werden. In der Vergangenheit erhielt ein Sparer in den entwickelten Märkten eine Verzinsung von 1% über der Inflationsrate, wenn er sein Geld zur Bank trug. Somit gab es einen Anreiz zum Sparen.

Heutzutage werden Sparer bei einer Inflationsrate von 2-2,5% (mit steigendem Trend) quasi i.H.v. 2% bestohlen. Das ist eine massive Trendumkehr. Ähnliches gilt für zweijährige oder fünfjährige Staatsanleihen, wo zwar die Zinsen höher sind, aber das Risiko ebenfalls. Daher zieht Pimco es vor, in Kanada, Mexiko, Brasilien oder Deutschland zu investieren. All diese Länder weisen eine geringere Verschuldung und niedrigere Defizite als die USA auf, während die Renditen gleichzeitig höher sind. Auf einem globalisierten Markt und ohne die Kreditqualität der USA anzuzweifeln – die USA sind  weiterhin ein AAA-Schuldner und ein Zahlungsausfall ist undenkbar – gibt es einfach attraktivere Alternativen bei Staatsanleihen.

Das Videointerview führte Eric Jacobson, Anleihenspezialist bei Morningstar, am 11. April 2011 anlässlich eines Besuches bei Pimco. Wir veröffentlichen die deutsche Übersetzung der Abschrift in Auszügen.

Über den Autor

Eric Jacobson  Eric Jacobson is Morningstar's director of fixed-income research and an editorial director for mutual fund content.