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In eigener Sache: Unsere Antwort auf die Kritik an Ratingagenturen

Über die Unabhängigkeit von Ratings und ob wir eine europäische Ratingagentur brauchen.

Die großen US-Ratingagenturen stehen wegen ihres Verhaltens in der Euro-Schuldenkrise in der Kritik, die offiziellen Rettungspläne für die hochverschuldeten Peripheriestaaten zu torpedieren. Viele Politiker versprechen sich von einer europäischen Ratingagentur Abhilfe. Morningstar ist vor allem für Fondsratings bekannt und bietet erst seit geraumer Zeit Kreditratings an, doch stehen wir vor denselben heiß diskutierten Fragen wie andere Ratinganbieter. Darauf möchten wir antworten. Lesen Sie dazu ein Interview, das Werner Hedrich, Länderchef bei Morningstar Deutschland und Österreich, mit der Süddeutschen Zeitung am 6. Juli 2011 führte.

SZ: Wann kann man davon ausgehen, dass ein Rating wirklich unabhängig ist?

Hedrich: Das Problem ist oft, dass Ratings durch den Emittenten bezahlt werden. So lange aber Länder-, Kredit- oder Fondsratings von den Emittenten bezahlt werden, besteht ein klarer Interessenkonflikt. Besser ist es, wenn die Investoren für die Research-Dienstleistung und das Wissen der Analysten bezahlen und nicht die zu bewertenden Länder, Unternehmen oder Fonds. Wenn dann wie in der Bankenkrise neben Noten auch noch die Beratung angeboten wird, wie man die Note verbessert, dann wird die Situation vollkommen undurchsichtig.

SZ: Wie kann das verbessert werden? 

Hedrich: Der europäische Regulierer ESMA – die Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde – muss hier in meinen Augen deutlich strikter vorgehen. Auch müssen die Ratingagenturen selbst für mehr Transparenz sorgen.

SZ: Wie zum Beispiel?

Hedrich: Einerseits sollte die Beratungsdienstleistung, wie man ein Ratingverbessern kann, nicht zum Geschäftsmodell einer Ratingagentur gehören. Wenn man Investmentbanken sozusagen Nachhilfe gibt, wie man eine strukturierte Anleihe zu verpacken hat, damit ein gutes Rating rauskommt, dann ist das Fundament eines unabhängigen Ratingprozesses in Gefahr. Wichtig finden wir auch, dass es positive wie negative Noten gibt, die egal bei welchem Ausgang des Ratings auch publiziert werden. Andererseits sollten der Ratingprozess und die Methodologie transparent sein. Gleichzeitig gilt freilich, dass das Rating eine subjektive Meinungsäußerung ist.

SZ: Reicht das bereits aus oder muss Ihrer Ansicht nach noch mehr passieren? 

Hedrich: Der Gesetzgeber sollte durch die Bankenregulierung und Anlagevorschriften die Dominanz von Ratings einschränken. Heute stehen die Ratings von S&P, Moody’s und Fitch als harte Vorgaben in der Regulierung. Wenn etwa ein Staat sein Investment Grade Rating verliert, dann sind Pensionskassen, Banken und Versicherungen mehr oder weniger gezwungen, ihre Schuldtitel sofort abzustoßen und gleichzeitig keine Neuemissionen dieser schwächeren Schuldner mehr zu zeichnen. Dies führt zu einem Angebotsüberhang bei gleichzeitiger drastischer Verknappung der Nachfrage nach diesen Titeln. Warum entschärft man diese Vorgaben nicht und wendet sie weicher an? Die EZB könnte zum Beispiel in systemischen Stressphasen an den Kapitalmärkten Empfehlungen geben, wie bestimmte Papiere für eine eingeschränkte Zeit bilanziell behandelt werden. Das würde der Spekulation – wie beispielsweise jetzt mit Anleihen Griechenlands, Portugals, Irlands, Spaniens und Italiens – den Boden entziehen, weil mögliche Dominoeffekte weniger wahrscheinlich werden.

SZ: Brauchen wir eine europäische Ratingagentur, wie es gerade diskutiert wird? Wenn ja, was würde sich durch eine solche Institution ändern?

Hedrich: Wir bei Morningstar glauben, dass gute und unabhängige Ratings keine Frage der Herkunft sind. Die Argumentation von USA versus Europa ergibt für uns keinen Sinn. Viel wichtiger ist es, dass unabhängige Ratings privatwirtschaftlich organisiert sind. Nur so lässt sich ein Interessenkonflikt vermeiden, wenn eine staatliche, paneuropäische Ratingagentur über eigene Mitgliedsländer urteilt. Ein gutes Beispiel dafür ist, wie das Politiker-Trio Schröder, Eichel und Fischer die Stabilitätskriterien aushebelte, um keinen blauen Brief aus Brüssel zu bekommen. Auch der Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB scheint mir mehr politisch als ökonomisch motiviert gewesen zu sein. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass Investoren die Ratings einer europäischen Ratingagentur nicht ernst nehmen würden.

SZ: Warum aber gibt es dann im Moment Stimmen für eine solche europäische Ratingagentur?

Hedrich: Mein Gefühl ist, dass die Politik von ihren finanzpolitischen Versäumnissen ablenken möchte. Die Regulierung der Ratingagenturen durch eine europäische Instanz wie die ESMA ist eine gute Idee. Das europäische Regelwerk ist übrigens auch solide gebaut, es müsste nur konsequent angewendet werden. Die Diskussion geht ein wenig in die Richtung, dass man eine neue Zeitung gründen sollte, weil in der alten Kritisches steht. Aber glauben Sie ernsthaft, dass eine neu gegründete Zeitung auf unabhängige Berichterstattung verzichten würde?

Dieses Interview erschien ursprünglich am 6. Juli 2011 in der Süddeutschen Zeitung und wurde von Friederike Nagel geführt.

Über den Autor

Morningstar Europe Editor  .