Mischen possible? Teil I: Was Anleger über Mischfonds wissen sollten

Nur die wenigsten flexiblen Mischfonds überzeugen im langfristigen Performance-Test.

Ali Masarwah 16.11.2011

Aktienfonds sind heute out. Mega-out. Wie die aktuelle Mittelfluss-Statistik von Moringstar zeigt, haben Anleger in Europa im Oktober erneut Aktienprodukte in großem Stil verkauft. Sie gaben Fondsanteile im Wert von 10,2 Milliarden Euro zurück, in den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden europaweit netto über 52 Milliarden Euro aus Aktienfonds abgezogen. 

Allerdings sollte die Aktienfondsphobie weder mit Käuferstreik, noch mit totaler Risikoaversion gleichgesetzt werden. Die Absatzzahlen für das laufende Jahr zeigen vielmehr auch, dass Mischfonds gefragt sind. Mit 6,5 Milliarden Euro an Zuflüssen ist diese Fondsgruppe die in Europa am meisten nachgefragte. Dabei wurden gut 6,7 Milliarden Euro in flexibel investierende Mischfonds investiert. 

Anleger nehmen Risiken in Kauf - zumindest über (Fonds-)Bande

Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Zum einen haben die Anleger offenbar aus den bitteren Lektionen der Jahre 2002 und 2008 die Konsequenz gezogen, dass sie die Entscheidung über den richtigen Asset-Mix den Fondsmanagern überlassen sollten. Man setzt also nicht mehr alles auf die Aktienkarte, sondern erwartet vom Vermögensverwalter, die Risiken nach unten zu begrenzen und in Aufwärtsphasen einen Schnaps Rendite auszuschenken. Zudem sind Anleger in Mischfonds durchaus bereit, Risiken zu nehmen. Wie die Morningstar-Absatzdaten zeigen, werden in Europa Mischfonds bevorzugt, die eine Aktienquote von null bis 100 % fahren können.

Entsprechend warten die Fondsanbieter in diesen Tagen mit Begriffen wie „vermögensverwaltende" beziehungsweise „risikokontrollierte Fonds“ auf, Begriffe, die Wohlgefühl und Sicherheit verströmen sollen. Je nach Marktphase sollen diese Fonds zwischen risikoreichen und risikoarmen Assets umschichten. Im Extremfall können Ucits-Fonds sogar die Investitionsquote in Aktien in einer Spanne von minus 100 bis 200 Prozent variieren.

Angesichts der hohen Erwartungen der Anleger und der spiegelbildlichen Performance-Versprechen der Vermögensverwalter haben wir einen kleinen Plausibilitätscheck unternommen. Wir wollten wissen, ob flexible Mischfonds tatsächlich das halten, was sie versprechen. Haben es die flexibel in Aktien, Renten und Cash investierenden Fonds geschafft, Mehrwert zu erwirtschaften? Wie gut sind die Profis beim Timing, der so genannten taktischen Asset Allocation? Gerade die aktuell hochvolatile Phase stellt höchste Anforderungen an die Vermögensverwalter.

In der Morningstar-Kategorie der flexiblen Euro-Mischfonds finden sich 615 Produkte, die sowohl in Wertpapiere direkt als auch in Aktien- und Rentenfonds investieren. (Wir unterscheiden prinzipiell nicht zwischen Dach- und Mischfonds, da die den Investments zugrunde liegenden Asset-Klassen identisch sind).

Nur die erfahrenen Fondslenker wurden berücksichtigt

Im ersten Schritt haben wir in unserem Test nur solche Fonds berücksichtigt, die seit Anfang April 2003 am Markt sind. Das sind gerade einmal 90 Fonds. Außen vor bleiben die vielen Fondskreationen der Ucits III-Ära. Wir meinen, dass dies ein legitimes Vorgehen ist. Neue Anlageinstrumente und –techniken sollten nicht mit der Fähigkeit des Fondsmanagers verwechselt werden, Mehrwert zu schaffen. Die Newcomer müssen sich also erst einmal ihre Performance-Sporen verdienen. (Wer für mehr Nachsicht mit den vielen neuen Fondskonzepten plädiert, sollte sich in Erinnerung rufen, dass es hier um das Geld der Anleger geht und nicht darum, der Auflagepolitik der Fondsanbieter gerecht zu werden.)

Warum haben wir uns für die Zeit zwischen 2003 und heute entschieden? Wir wollten die Fonds finden, die sowohl die Herausforderungen der Baisse meistern als auch die Chancen der Hausse nutzen konnten. Die Zeit zwischen April 2003 und Herbst 2011 bietet genug Anschauungsmaterial. Folgende Marktphasen haben wir für unseren Fonds-Check identifiziert:

April 2003 bis Ende 2007: Die Liquiditätshausse in Reinform: Die Zeit des billigen Geldes nach dem Platzen der Dot-Com-Blase treibt die internationalen Aktienmärkte in Richtung alte Rekordhochs. Der Dax steigt bis Ende 2007 wieder auf 8.000 Punkte. Der gut vierjährige Trend liefert den Stoff, aus dem Outperformer-Heldengeschichten gemacht sind. Zumindest bei solchen Fonds, die rechtzeitig beim Aufwärtstrend dabei waren.

Anfang 2008 bis März 2009: Die Liquiditätsparty erhält bereits im Mitte 2007 einen ersten Dämpfer. Mit dem Platzen der Immobilienblase in den USA und dem Anfang der Liquiditätsklemme geht es seit dem Sommer 2007 volatiler zu. Allerdings halten sich die Märkte noch eine Weile. Ab Januar 2008 wird dann endgültig das Lied von der Baisse gespielt. Vom Herbst 2008 bis zum Frühjahr 2009 geht es dann so richtig zur Sache. Allerdings kam der Crash weder markttechnisch noch makroökonomisch überraschend. Gelegenheiten gab es für die Asset-Allocation-Profis genug, vor dem Herbst 2008 den "risk-off"-Knopf zu drücken. Wie vielen gelang das?

April 2009 bis Juli 2011: Die rasante Erholung an den Märkten ab April 2009 nimmt die Wirtschaftserholung nach Verabschiedung der massiven Konjunkturprogramme weltweit vorweg. Viele Auguren sind von der Robustheit des Aufschwungs ab Ende 2009 - vor allem in Deutschland -  überrascht. Die zwischenzeitlichen Korrekturen 2009, 2010 und 2011 könnten für Verwirrung gesorgt haben. Auch bei den Vermögensverwaltern?

August 2011 bis heute: Die eskalierende Schuldenkrise in Euroland sorgt für Turbulenzen und Kursverlusten. Die Ungewissheit über die Zukunft der Eurozone dauert an, die Aktienkorrektur ebenfalls. Wir haben für unsere Auswertung per 31. Oktober den Schnitt gemacht. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass sich die Abwärtsbewegung der vergangenen Monate zu einer handfesten Baisse ausweitet.

Nur die wenigsten Fonds überzeugen - vor allem 2011 nicht 

Das Ergebnis unserer Analyse: Gegenüber einer 50:50-Aktien-Renten-Benchmark haben flexible Mischfonds in nahezu jeder der vier Marktphasen seit 2003 den Kürzeren gezogen. Im gesamten Zeitraum zwischen 2003 und 2011 legten die 89 Fonds im Schnitt um gut 4% pro Jahr zu, 1,5%-Punkte weniger als die Benchmark (siehe in der Tabelle unten den Quadranten oben links). Mit einer Volatilität von 9% wurde diese (Under-)Performance zudem mit einem höheren Risiko erkauft als das der Benchmark (6,80%). In der gesamten Zeit konnte nur 21 der 89 Fonds (nicht risikoadjustiert) eine bessere Performance erzielen als der Index. Das ergibt eine magere Outperformance-Quote von 23,6%.

Auch die spannende Frage, wie sich die flexiblen Fonds in der laufenden Korrektur geschlagen haben, liefert eine ernüchternde Antwort. In den drei Monaten ab August 2011 haben Mischfonds im Schnitt 4,4 % nachgegeben gegenüber nur minus 1,09 Prozent beim Index. Die Fonds sind also mehrheitlich in den laufenden Aktienabschwung hineingerauscht. Zwischen August und Oktober konnten nur 18,9% der Fonds besser abschneiden als die starre Benchmark.

Wir konnten nur in einer der vier Marktphasen einen Lichtschimmer ausmachen: Nur während der lang anhaltenden Hausse zwischen 2003 und Ende 2007 konnten flexible Mischfonds im Schnitt besser abzuscheiden als ihre Messlatte. Allerdings war der Lichtschimmer nicht besonders hell: auch in dieser Phase war das Fonds-Risiko deutlich höher als das der Benchmark, wie aus dem Quadranten unten links unserer Tabelle hervorgeht.

4 Marktphasen, 4 Rendite-Risikoquadranten: flexible Mischfonds im Test

  01.04.2003   01.01.2008
  31.10.2011   31.03.2009
  Rendite p.a. Volatilität   Rendite p.a. Volatilität
Index* 5,45 6,78 Index -16,31 9,78
Fonds** 3,96 9,00 Fonds -16,55 10,80
           
           
  01.04.2003   01.04.2009
  31.12.2007   31.07.2011
  Rendite p.a. Volatilität   Rendite p.a Volatilität
Index 8,66 4,58 Index 13,47 6,49
Fonds 9,93 7,43 Fonds 7,66 7,39

 * Index: 50% Barclays Capital Euro Agg. und 50% FTSE World; Performance und Vola in Prozent, ** Von April 2003 bis Dezember 2007 umfasste die Auswahl 92 Fonds, von Januar 2008 bis März 91 Fonds, für die Zeit danach besteht die Auswahl aus 90 Produkten.

Wer will, kann sich als Do-it-yourself-Allocator versuchen

Was sagt uns dieses ernüchternde Ergebnis? Es ist eigentlich keine Überraschung. Wir haben bereits häufig die Ansicht geäußert, dass die Diversifikation der Anlegergelder meistens mehr bringt als das häufige Umschichten im Rahmen einer taktischen Asset Allocation (lesen Sie mehr dazu hier). Auch die Wissenschaft gibt sich über die Fähigkeiten der Fondsmanager beim Timing skeptisch. "Wir wissen aus der Forschung, dass die Mehrheit der Fondsmanager bei der Einzeltitelauswahl, dem Stockpicking, nicht besser abschneidet als der Index, aus denen sie die Aktien auswählen. Warum sollen sie dann erfolgreicher sein, wenn es um die Auswahl der richtigen Märkte, Währungen oder Regionen geht? Das ist doch noch schwieriger", sagt etwa Professor Martin Weber von der Uni Mannheim. Die Schlussfolgerung des Finanzwissenschaftlers: "Alles spricht für einen passiven Investment-Ansatz, auch bei der Asset Allocation (lesen Sie das Interview über taktische Asset Allocation hier).

Auch wer nicht die Ansicht teilt, dass die Ergebnisse auch der guten Fonds am Markt nur auf Zufall beruhen, muss konstatieren, dass die Erfolgsaussichten, Mischfonds zu vertrauen, als zweifelhaft bezeichnet werden müssen. Auch wer einem der langjährig am Markt befindlichen Fonds sein Geld anvertraut, hat nur eine etwa 20-prozentige Chance, ein hoch performantes Produkt zu erwischen. Vielleicht trauen sich mit diesem Wissen ausgestattet mehr Anleger zu, ihr Anlageglück in die eigene Hand zu nehmen?

Doch bevor wir Anleger dazu ermuntern, zum Do-it-yourself-(ETF-)Anleger zu mutieren und Abschied zu nehmen vom Konzept des aktiven Managements, wollen wir einen genaueren Blick auf die Ergebnisse unserer Auswertung werfen. Lassen sich an den Performance-Mustern Schlussfolgerungen ziehen, die den Anleger doch zu erfolgreichen Fonds am Markt führt? Wir werden uns in Teil II unserer Mischfondsserie in der kommenden Woche zunächst die besten Fonds, das erste Quartil der flexiblen Mischfonds, genauer ansehen, um etwaige langfristige Performance-Muster  zu finden. Lesen Sie mehr dazu in Teil II unserer Auswertung (klicken Sie hier).

 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich