„Anleger bleiben auch 2012 vorsichtig“
Ein Interview mit ComStage-Chef Thomas Meyer zu Drewer.
Bis die Euro-Schuldenkrise nicht überwunden ist, werden Anleger eher vorsichtig agieren. Insofern glaube ich, dass auch 2012 eher etwas verhalten sein wird, vor allem in den nächsten Monaten. Aber man sollte sich noch einmal vor Augen halten, was 2011 passiert ist: Fukushima, die Verschärfung der Euro-Krise einerseits und andererseits die Regulierungsdebatte, die die ETF-Branche begleitet hat. Dafür ist das Jahr noch ordentlich gelaufen. Perspektivisch glaube ich, dass in den nächsten fünf Jahren der ETF-Markt im Schnitt um 20 Prozent wachsen wird. Es geht also weiter voran.
Was hat den ETF-Markt 2011 geprägt? Haben eher die Marktrisiken oder die Debatte um die Sicherheit von ETFs für Zurückhaltung bei Anlegern gesorgt?
Dämpfend hat sich eindeutig vor allem das Marktgeschehen ausgewirkt. Institutionelle Anleger kennen die Risiken von ETFs schon lange, die haben sich nicht erst in diesem Jahr über die Kontrahentenrisiken von Swap-ETFs informiert. Und wenn wir über Marktereignisse sprechen, kann man nicht genug die Rolle der Euro-Schuldenkrise betonen, die auch Investoren außerhalb Europas abgeschreckt hat. Dazu muss man sich vor Augen führen, dass für globale Anleger Europa meistens nur eine Beimischung ist. Das erklärt im Übrigen auch die Zuflüsse in den Dax-ETFs. Deutschland ist vielleicht der einzige Lichtblick in Europa. Zudem waren die Nachrichten aus den Emerging Markets nicht gut: Rückgang des Wachstums in China, steigende Inflationsraten. Es gab im vergangenen Jahr genug Gründe für Investoren, sich zurückzuhalten.
Aber dass Swap-ETFs gerade im zweiten Halbjahr im Vertrieb keinen guten Lauf hatten und über das Jahr gesehen die Anbieter voll replizierender ETFs einen Vorteil hatten, war doch nicht nur auf Asset-Allocation-Entscheidungen züruckzuführen.
Das habe ich auch nicht behauptet. Natürlich gibt es nicht nur eine gültige Deutung von Absatzzahlen, das ist ja keine objektive Wissenschaft. Und wenn es keine eindeutige Zuordnung von Ursache und Wirkung gibt, dann suchen die Medien nach einem Thema. Ich bleibe dabei, dass die Asset-Allocation-Entscheidungen von Investoren die dominante Rolle gespielt haben, aber ich kann natürlich nicht ausschließen, dass Darstellungen in den Medien und auch einzelne Marketingkampagne einen Einfluss auf das Kaufverhalten institutioneller Investoren hatte.
Was ich erstaunlich finde ist, dass der ETF-Markt auch heute nur zwischen 2,5 bis 3 Prozent des gesamten Fondsvolumens in Europa ausmacht und wir dennoch jetzt schon über die Konsolidierung in der Branche sprechen. Wäre diese Diskussion nicht eher an der Tagesordnung gewesen, wenn die Branche einen Anteil von 10 oder 15% des Marktes hat? In den USA werden rund ein Drittel der Assets passiv verwaltet, und auch dort wächst die ETF-Industrie noch.
Zunächst sind die USA nicht mit Europa vergleichbar, schon gar nicht mit Deutschland. In den USA gibt es eine langjährige Aktienkultur, die wir nicht haben. Deutsche Investoren sind oft Rentenaffin und sehr konservativ. Aber ich finde es legitim, dass wir heute über grundsätzliche Fragen über Risiken und Transparenz führen. Die ETF-Branche wächst, und dass sich in so einer Situation die Aufsicht genauer Produkte anschaut und die Risiken prüft, begrüßen wir. Aber ich bin überzeugt, dass ETFs gute Produkte sind, auch für den Privatanleger. Wenn es Bestrebungen geben sollte, Privatanleger per Gesetz von ETFs fernzuhalten, dann wäre das bedauerlich und ein großer Fehler.
Warum ist das so? Warum diese Sensitivität gegenüber ETFs? Bei einem Marktanteil von unter 3% am gesamten Fondsmarkt?
Ich könnte mir vorstellen, dass es viele Faktoren gibt, warum sich Aufsichtsbehörden ETFs näher anschauen. Die Beinah-Pleite von Bear Stearns und danach Lehman haben die Sensibilität Richtung Finanzprodukten erhöht. Was zu Anfang nur ETFs zu betreffen schien, hat sich inzwischen durchaus in eine andere Richtung entwickelt.
In welche?
Wir sprechen heute nicht mehr nur von Risiken Swap basierter ETFs, sondern auch über die Risiken, die Wertpapierleihe mit sich bringt und Swap-Risiken im Allgemeinen. Und das sind keine Besonderheiten von ETFs, sondern Praktiken, die die gesamte Fondsbranche nutzt. Jetzt wird die Diskussion etwas anders geführt.
Sachlicher?
Na ja, jetzt treten in einem Lager Ängste auf, die vorher nicht da waren, als es nur um ETFs ging. Wenn man selbst ins Visier kommt, dann ist man offenbar aufgeschlossener gegenüber ETFs ...
Haben Sie also wahrgenommen, dass sich der BVI oder auch die europäische Fondsvereinigung Efama in der Diskussion um Swap- und andere derivativen Risiken in Fonds anders, engagierter verhält?
Ich denke schon. Seitdem klar ist, dass für die Regulatoren auch das Thema Wertpapierleihe eine prominente Rolle spielt, hat sich bei manchem aktiven Fondshaus offenbar plötzlich die Einstellung etwas verändert.
Die Fondsbranche rückt zusammen, und man nimmt ETFs nicht als Gegenspieler wahr?
Ja, durchaus, aber das kann auch daran liegen, dass viele ETF-Anbieter in einem aktiven Haus eingebettet sind, die die Dynamik der Ereignisse vielleicht etwas unterschätzt haben.
Kommen wir zu den Perspektiven der ETF-Industrie. Dass 2011 für die europäische ETF-Industrie nicht ganz schlecht gelaufen ist, liegt an den hohen Zuflüssen in Dax-ETFs. Ohne die Zuflüsse in den beiden ETFs von iShares und db X-Trackers wäre der Markt wesentlich geschrumpft, um 17 Milliarden Euro.
Das ist kein Wunder. Meine These ist, dass sich das Anlegerverhalten in den letzten Jahren verändert hat. Die Halteperioden sind deutlich zurückgegangen, Trendfolger und andere Handelsmodelle haben zugenommen, die wiederum ETFs einsetzen. Das ist das Eine. Aber warum sollte man die Dax-ETFs eigentlich aus der Rechnung herausnehmen, wie Sie es tun? Für viele internationale Anleger ist Europa gleichzusetzen mit Deutschland, weil sie dort die beste Performance erwarten. Das ist in der Diskussion des vergangenen Jahres über ETFs übrigens auch untergegangen: Am Ende ist es immer die Performance, die zählt!
Wird die Deutschland-Story nicht überfrachtet? Wie tragfähig ist sie, wenn überall das Wachstum einbricht, die Euro-Krise weiter schwelt. Mit anderen Worten: Woraus speist sich das Wachstum der ETF-Industrie in Zukunft?
Moment, nicht alle Anleger laufen in die eine Richtung. Es gibt eine unzählige Menge an Anlegern, die unterschiedliche Asset-Allocation-Entscheidungen treffen. Wir als Industrie müssen die Bausteine dafür bereitstellen. Das bringt mich zu der oft gestellten Frage: Gibt es zu viele oder zu wenige ETFs? Wenn ich einen silberfarbenen Kleinwagen fahre, dann stören mich die großen bunten Autos um mich herum, weil sie die Straßen verstopfen. Aber in 3 Jahren will ich vielleicht ein anderes Auto, und dann kann die Auswahl nicht groß genug sein. Die Märkte haben sich verändert – hohe Volatilität und schnelle Marktbewegungen sind typisch - und dieses Marktumfeld schafft entsprechende Bedürfnisse. Wer selbst keine Marktentscheidung mit ETFs treffen oder umsetzen möchte, der sollte sich überlegen, sein Geld einem Vermögensverwalter, Honorarberater oder ETF-Dachfonds anzuvertrauen.
Aber es muss sich rentieren. Und wie rentabel ist das ETF-Geschäft für die Anbieter, wenn nur kleine Nischenmärkte gespielt werden? Wenn die großen Investment-Stories nicht mehr ziehen und auch bei Bond-ETFs die Tripple-A-Produkte ausgehen, dann stellt sich die Frage, ob der Branche nicht das Brot-und-Butter-Geschäft der Standard-Indizes abhanden kommt.
Die Standardindizes sind das Brot-und-Buter-Geschäft, und sie werden das auch bleiben. Die ETF-Branche wird auch deshalb wachsen, weil das für Anlagen freie Vermögen steigt. Und ETFs haben auch auf der operationalen Seite Kostenvorteile. Wie sieht das Umfeld im Asset Management heute aus? Überall werden die Margen geringer. Werden aktive Asset Manager künftig alles abdecken? Vor 20 Jahre haben alle aktiven Fondsanbieter alles angeboten. Das hat sich nach dem Platzen der Dot-Com-Blase und der Finanzkrise verändert. Und: Die Belastung durch Kosten wird gerade in einem Niedrigzinsumfeld spürbar. Anleger stört es oft nicht, wenn sie einen Fonds halten, der 160 Prozent zulegt, auch wenn der entsprechende Index um 200 Prozent zugelegt hat. Aber heute ist die Inflationsrate höher ist als die Verzinsung von zehnjährigen Bundesanleihen! Das Kostenbewusstsein ist bei Anlegern gestiegen. Und das hat Konsequenzen für ihr Anlageverhalten. ETFs werden sukzessive populärer werden.
Und wie sehen Sie die Perspektiven der ComStage? In Europa verwalten Sie 5,5 Milliarden Euro, haben einen Marktanteil von rund 2,6% und haben damit leicht an Marktanteilen verloren. Wo sehen Sie die Gesellschaft künftig?
Es wird in den nächsten Jahren in der ETF-Branche darauf ankommen, in welche Vertriebsstruktur die Anbieter eingebunden sind. Wir sind in die Struktur unseres Mutterhauses Commerzbank eingebunden und sind damit gut aufgestellt. 2011 war schwierig und auch für uns unbefriedigend. Aber letztendlich konnten wir uns der Marktentwicklung nicht entziehen. Es geht uns auch nicht nur darum, von Rekord zu Rekord zu eilen, sondern nachhaltig zu wachsen, und da sind wir bei der zweitgrößten deutschen Bank gut aufgehoben. Dass wir als Spätstarter im ETF-Markt noch ein gutes Stück des Weges vor uns haben, will ich aber auch nicht verhehlen.
Auffällig ist dennoch, dass der Comstage ETF Dax 2011 nicht von Zuflüssen wie bei anderen Häusern profitiert hat. Warum eigentlich nicht?
Das war unbefriedigend, aber, wie gesagt, als Spätstarter hat man es nicht immer leicht, und außerdem war das Geschäft 2011 nun einmal vom Handel, von der Taktik, getrieben. Die Commerzbank selbst ist einer der führenden Market Maker im ETF-Geschäft in Europa, und hat hohe Umsätze auch in unserem Dax-ETF gesehen. Wie andere Market Maker übrigens auch!






