„Wir tun alles, um Verluste zu vermeiden“

Ein Interview mit Luca Pesarini, Fondsmanager des Mischfonds Ethna-AKTIV E, über Renditejagd und Risikomanagement.

Ali Masarwah 26.03.2012

Herr Pesarini, aus dem März-Bericht des Ethna-AKTIV E geht hervor, dass Sie die Aktienquote auf 17% erhöht haben. Das verwundert, weil der Ethna-AKTIV E in den vergangenen Jahren sehr defensiv aufgestellt war. Warum dieser Sinneswandel?

Da gibt es keinen Sinneswandel. Wir haben die Aktienquote punktuell erhöht, weil der Trend zu Aktien in den vergangenen drei Monaten gewaltig war. Diesen Trend haben wir, offen gesagt, unterschätzt – wir waren zur Jahreswende eindeutig zu negativ für den Aktienmarkt eingestellt. Die extrem niedrigen Zinsen und die Flutung der Märkte mit Liquidität (gemeint sind die beiden LTRO-Programme der Europäischen Zentralbank seit Ende 2011, Anm. d. Redaktion) waren eine ultimative Aufforderung der Staaten an die Anleger, Risiken zu nehmen, wenn Erträge erzielt werden sollen. Die Maßnahmen nehmen den Sparern jede Möglichkeit, Zinserträge risikolos zu vereinnahmen.

Dann halten wir fest: Luca Pesarini folgt dem Druck der europäischen Regierungen.

Nein, das tue ich nicht. Diese Erhöhung der Aktienquote war nur eine punktuelle Sache - wir haben uns etwas in den Aktienmarkt hineinbewegt, haben ein bisschen gekauft und wieder verkauft. Wenn wir taktisch in den Markt gehen, dann machen wir das über Futures. Mit Einzel-Investments zu traden, wäre zu teuer. Aber nachdem der DAX auf über 7.000 Punkte gestiegen ist, haben wir die Aktienquote wieder auf 6% reduziert. Dieser rasante Anstieg der Märkte ist nicht nachhaltig. Inzwischen liegt die Kasse-Quote beim Ethna-AKTIV E wieder bei 29%. Ehrlich gesagt sind wir zurzeit etwas unschlüssig und deshalb vorsichtig.

Was macht Sie vorsichtig?

Die fundamentale Lage der Wirtschaft, vor allem in den USA und Europa, ist katastrophal. Es wird unglaublich viel Geld ins System gepumpt, ohne Rücksicht auf Verluste. Damit verschärft man aber die Probleme im Ergebnis. In den USA und teilweise auch in Europa sieht man die Gefahr einer Deflation größer als die einer Inflation. Das sehe ich anders. Im Fall der USA mag die inflationäre Politik ja noch verständlich sein: Wenn die Deflation kommt, drückt das auf die Löhne und das wiederum bringt höhere Ausfallraten bei den Häuslebauerkrediten. Das ist das Schlimmste, was die Amerikaner zu befürchten haben. Aber ich bin skeptisch über die Erfolgsaussichten, vor allem in Europa. Bei so viel Geld im Kreislauf wird viel Geld zwangsläufig falsch allokiert. Und am Ende des Tages wird die Rechnung doppelt und dreifach bezahlt. Viele tun heute so, als ob die Liquiditätsschwemme kein Risiko für die Realwirtschaft darstellt. Das ist sträflich, denn in vier, fünf sechs Jahren werden die Probleme von heute nicht mehr zu ignorieren sein: Das Wachstum ist extrem niedrig, die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch, die Ausbildung ist schlecht, Arbeitsplätze gehen verloren, und die Alterspyramide verschiebt sich immer weiter. Europa hat gewaltige Probleme.

Worauf richten Sie sich heute ein? Dass Sie opportunistisch und punktuell Trades aufsetzen, ist das eine. Aber Unschlüssigkeit kann sich ein Vermögensverwalter doch eigentlich nicht leisten.

Unschlüssig ist nicht gleich inaktiv. Sie können unsere Unschlüssigkeit auch als Ratlosigkeit bezeichnen. In derartigen Situationen – und die gab es in den letzten Zehn Jahren oft - konzentrieren wir uns jedenfalls darauf, alles zu tun, um Verluste zu vermeiden. Die Märkte sind unberechenbar. 2011 haben wir im Ethna-AKTIV E einen Verlust gemacht. Damit sind wir nicht zufrieden. In diesem Jahr wollen wir die Volatilität niedrig halten und versuchen, ein vernünftiges Resultat zu liefern. Das wird sich einerseits aus Staatsanleihen ableiten, die mit null rentieren. Auf der anderen Seite haben die Aktienmärkte eine Vola von 30%. Unsere Vola-Vorgabe liegt bei 4 bis 6%. Wenn wir in dieser Bandbreite 5 oder 6% Rendite schaffen, bin ich zufrieden. Es sei denn, die Aktienmärkte legen exorbitant stark zu. Wenn der DAX 2012 um 40% steigt, dann sieht man mit einem Mischfonds, der 5% macht, nicht gut aus.

Der Ethna-AKTIV E hat sich trotz des Minus von 1,9 % im vergangenen Jahr noch relativ gut gehalten. Anders sieht dagegen die Bilanz bei Ihrem offensiveren Mischfonds, dem Ethna-GLOBAL Dynamisch, aus. Der liegt ziemlich weit hinten in seiner Peer Group. Dort müssen Sie doch deutlich höhere Risiken eingehen.

Ich habe ja Verständnis dafür, dass die Welt der Peer-Group-Vergleiche für Sie wichtig ist. Für uns ist das nicht relevant. Ich beobachte die Konkurrenz nicht. Ich weiß, dass viele Manager von Mischfonds Risiken nehmen und damit heute Erfolg haben. Das ist schön für die Kollegen und ich freue mich für sie. Mein Auftrag dagegen lautet: mit risikoarmen Investments Performance zu machen.

Es mag ja sein, dass für Sie Quartilsbetrachtungen zweitrangig sind. Aber Sie haben nun einmal Mischfonds, und die müssen Risiken nehmen. Mich würde interessieren, welche Renditequellen aus Ihrer Sicht ein akzeptables Risikoprofil haben.

Wir versuchen alles Mögliche. Die Rendite muss nicht nur von der Aktienseite kommen. Wir haben Anleihen aller möglichen Art. Auch bei Währungen sind wir sehr aktiv. Für unsere Verhältnisse haben wir ein großes Exposure im US-Dollar von 10%, norwegische Kronen machen 8% aus, und dann haben wir noch Unternehmensanleihen. Die Aktienquote ist im Ethna-GLOBAL Dynamisch mit zwischen 30 und 40% relativ niedrig. Wir halten Aktien wie Deutsche Telekom, RWE, BASF und Software AG. Das sind hauptsächlich Dividenden-Stories, damit kann man an sich keinen Blumentopf gewinnen. Wir warten erst einmal die Dividendenzahlung in den nächsten Wochen ab, und dann werden wir entscheiden, wie wir uns auf der Aktienseite aufstellen. Wahrscheinlich werden wir bei einer weiteren Markterholung auch etwas mehr zyklisches Risiko eingehen, Daimler oder BASF gefallen mir gut. Wir werden in jedem Fall Deutschland-lastig bleiben, weil wir der Meinung sind, dass sich Deutschland in Europa noch am besten hält. Aber grundsätzlich gilt die Maxime: keine High-Beta-Stocks. Es wäre ja auch nicht in Ordnung, im Ethna-AKTIV E extrem defensiv zu agieren und dann in unseren anderen Fonds das Risiko hochzufahren …

Wie werden Sie den Ethna-AKTIV E aufstellen, falls es in den kommenden Wochen an den Aktienmärkten weiter aufwärts gehen sollte?

Wir werden uns weiter stark auf Anleihen konzentrieren und über verschiedene Währungen, Länder und Ratings streuen. In einzelnen Fällen kaufen wir auch vernünftige Anleihen, die unterhalb des Investment-Grade-Bereichs liegen. Wenn sich eine Erholung der Konjunktur andeuten sollte, dann werden wir die Aktienquote in Richtung 10% aufstocken. Ansonsten bleiben wir defensiv aufgestellt. Das heißt: viel Kasse, viele Staatsanleihen. Für mich ist 2012 ein transitorisches Jahr, eine Phase des Übergangs. Ich habe kein Problem damit, abzuwarten. Mögen andere ins Risiko gehen und sich als die Größten feiern lassen, schön für sie, aber mein Auftrag ist ein anderer.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich