Wenn das Reich der Mitte zu sehr schwächelt

Der bisher immense Nachfrageschub aus China wird sich abschwächen. Das wird Spuren bei Rohstoffpreisen hinterlassen. 

Durch das hohe Wirtschaftswachstum ist Chinas Anteil am globalen Welthandel immens gestiegen. In den letzten zehn Jahren lag die jährliche Steigerung des realen Bruttosozialprodukts zwischen 9% bis 14%. Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass so ein Wachstum auf lange Sicht unmöglich ist. Unserer Meinung nach ist China jetzt an einem Wendepunkt angelangt.

Die schwache globale Wirtschaft hat das exportorientierte China getroffen. Fehlende Exporte konnten nicht durch eine steigende Binnennachfrage ersetzt werden. Ein Teil des fehlenden Exports konnte zwar durch Sachinvestitionen kompensiert werden, aber es scheint, dass diese Möglichkeit nunmehr auch erschöpft ist. Im Fünfjahresplan ist offiziell festgehalten, dass China auf dem Weg ist, eine binnengesteuerte Volkswirtschaft zu werden. Damit wird klar, dass die Nachfrage nach Rohstoffen nachlassen wird.

Signale für eine Kehrtwende

Die Sachinvestitionen waren ein wichtiger Teil des Booms der chinesischen Wirtschaft: Zwischen den Jahren 2000 und 2011 erhöhte sich der Anteil an Sachinvestitionen am BIP von 20% auf 50%. Dieser Trend nahm den Druck, die binnenwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln. Die letzten Quartalsdaten deuten zwar auf ein ordentliches Niveau bei Sachinvestitionen, aber andere Indikatoren wie die Stahl- und Zementproduktion sind eindeutig negativ. Die Stahl- und Zementproduktion ist im im Jahresvergleich um 50% gesunken. 

Die Investitionen in die Infrastruktur in China werden sinken. Das Land hat ein Straßennetz geschafften, das mit dem der USA konkurrieren kann. Dazu kommen Millionen von schicken Büro- und Wohnkomplexen, die zu einem Preis verkauft werden, die sich ein durchschnittlicher Chinese nicht leisten kann. Es gibt viel Leerstand und das Phänomen der ‚Geisterstädte‘ ist keine Seltenheit. Eine Vergrößerung des Angebots ohne die entsprechende Nachfrage kann nicht lange gutgehen. Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China wird daher wohl eher aus geringeren Sachinvestitionen stammen als aus einer Verringerung des Konsums.

Die Rolle Chinas im Rohstoffgeschäft

Durch sein immenses Wirtschaftswachstum wurde China der größte Nachfrager nach Rohstoffen weltweit. Daneben verfügt China über die höchste Bevölkerungszahl der Welt, was natürlich eine immense Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten und Energie zur Folge hat. Im Bereich der Industriemetalle war die Nachfrage ‚politisch‘ gesteuert. Die Reputation des Landes wurde durch enorme Wachstumsprogramme erhöht, das in den letzten zehn Jahren Unmengen an Kupfer und Stahl verschlungen hat. Ein Nachfrageknick ist hier zu erwarten, da der Investitionszyklus verlangsamt wird.

Mögliche Opfer und mögliche Investmentstrategien

China konnte seine Nachfrage nach Stahl nicht komplett selber abdecken. Es produziert zwar den Großteil selbst, braucht dazu aber Eisenerz, das eingeführt werden muss. Sollte die Nachfrage des wichtigsten Konsumierens und Importeurs einbrechen, werden das die brasilianischen Unternehmen wie Vale und Rio Tinto deutlich zu spüren bekommen. Auch das australische Unternehmen BHP Billition wird davon betroffen sein.

Kupfer könnte das nächste Opfer einer schwächeren Nachfrage aus China sein. Die Entwicklung des Bausektors in China wird mitbestimmen, wie sich der Preis für Kupfer entwickelt.

Wer diese Sichtweise teilt, sollte aufgrund einiger Bedenken nicht unbedingt in einen China-ETF oder China-Indexfonds investieren. Diese Vehikel bilden nicht die gesamte Wirtschaft ab, da sie die größten Unternehmen des Landes abbilden. Beispielsweise ist der iShares FTSE China 25 ETF zwar sehr liquide, aber 60% des Index vereinen die Top-10-Positionen auf sich. Der Finanzsektor macht 54% des Index aus und Materialwerte vereinen nur 12% des Index auf sich. Breiter aufgestellt ist der SPDR S&P China ETF . Dieser ETF investiert in fast 180 Unternehmen und der Finanzsektor macht nur 30% aus. 

Übrigens: Was für China-ETFs gilt, zählt ebenfalls für  Asien-Indizes und für die so genannten Bric-Indizes bzw -ETFs. Hier stehen Anleger vor ähnlichen Problemen. Einer der größten BRIC ETF ist der iShares MSCI BRIC Index, der die größte Gewichtung in China hält. 20% des Index vereinen alleine vier staatlich verwaltete Banken aus China. Die Aktienmärkte vieler Schwellenländer sind entweder direkt oder indirekt von der Entwicklung der Rohstoffpreise abhängig. Wir empfehlen daher, dass Anleger die "Rohstoffphantasie" außen vor zu lassen, wenn sie mit einem Investment in die großen Schwellenländer erwägen: Länderindizes als Proxi für Rohstoffmärkte zu nutzen, dürfte für die nächste Zeit keine gute Idee sein.
Über den Autor

Abraham Bailin, ETF Analyst  Abraham Bailin, ETF Analyst