Konjunkturdaten drängen Unternehmenszahlen in eine Nebenrolle

Gute Konjunkturdaten und Spekulationen auf neue Hilfsmaßnehmen der Notebanken wirkten sich trotz Eintrübung der Unternehmenszahlen positiv auf Unternehmensanleihen aus. Der Morningstar Bond-Bericht. 

Dave Sekera 24.10.2012

Positive Konjunkturdaten aus den USA und neue Hoffnungen auf weitere Hilfen der Notenbanken – für die internationalen Aktien- und Anleihemärkte war das vergangene Woche ein guter Treibstoff. Doch noch vor dem Wochenende trübte sich die Stimmung wieder ein: Schwache Unternehmenszahlen schlugen den Marktteilnehmern auf den Magen. Dank des guten Starts lässt sich auf Wochensicht dennoch eine positive Bilanz ziehen. Denn im Schnitt verengten sich die Spreads der im Morningstar Corporate Bond Index vertretenen Unternehmensanleihen um 10 Basispunkte auf +133 und näherten sich damit einem Niveau, das sie seit 2007 nicht mehr erreicht hatten.

In den vergangenen Tagen wurde eine Reihe von Konjunkturdaten veröffentlicht, die unerwartet gut ausfielen und einige risikofreudige Investoren dazu veranlassten, über schwache Unternehmensbilanzen wie die von Intel (INTC, „AA“), Google (GOOG, „AA“), Coca-Cola (KO, „AA-„), und IBM (IBM, „AA-„) hinwegzusehen – zumal die Ergebnisse von J.P. Morgan Chase (JPM, „A“) und Wells Fargo (WFC, „A+“) zeigten, dass es im Kerngeschäft der Banken weiter aufwärts geht. Zudem erwiesen sich die US-Verbraucher überraschend spendabel, und die um saisonale Faktoren bereinigten Umsätze des amerikanischen Einzelhandels stiegen im September im Vergleich zum Vormonat um 1,1%. Analysten hatten im Schnitt nur mit einem Anstieg um 0,8% gerechnet. Auch auf den zweiten Blick enttäuschten die Zahlen nicht: Selbst, wenn man die Autoverkäufe herausrechnete, blieb unter dem Strich ein Plus von 1,1%, und auch hier waren die Experten mit ihrer Prognose von 0,7% zu skeptisch gewesen. Die Kernrate (ohne die Bereiche Auto, Treibstoff und Baumaterialien) erhöhte sich um 0,9%, während 0,4% erwartet worden waren. Auch der US-Immobilienmarkt überraschte positiv: Die Zahl der Baubeginne im September stieg mit plus 15,0% im Vergleich zum Vormonat wesentlich stärker als prognostiziert auf 872.000 Einheiten. Sowohl Einfamilien- als auch Mehrfamilien-Häuser waren gefragt. Die Daten der US-Regierung fangen damit an, zu der Entwicklung des Index der National Association of Home Builders aufzuschließen, denn der Index des Branchenverbands war bereits in den vergangenen Monaten angezogen.

Doch die Optimisten bekamen noch mehr Unterstützung: Auch die US-Industrieproduktion (plus 0,4% im Monatsvergleich statt wie erwartet plus 0,2%), der Philly-Fed-Index (ein Anstieg auf 5,7 statt auf 1,0 Punkte) und die Inflationsdaten (Verbraucherpreise in der Kernrate stiegen um nur 0,15%) fielen gut aus. Zwar erhöhten sich die Verbraucherpreise in der Kernrate im September stärker als in den beiden Monaten zuvor, doch auf Dreimonats-Sicht liegt die annualisierte Rate bei lediglich 1,2% und ist damit so niedrig wie seit Dezember 2010 nicht mehr. Im Vergleich zum Vorjahr beträgt die Kerninflation damit 2,0%.


Spekulationen auf weitere Hilfsmaßnahmen der Notenbanken

Neben den Konjunkturdaten aus den USA gab es aber noch weitere Nachrichten, die an den Märkten gut aufgenommen wurden: Sowohl Meldungen zu Spanien als auch aus China schürten die Hoffnung, dass die Notenbanken bald wieder aktiv werden könnten. In China waren aktuelle Konjunkturdaten der Auslöser für derartige Erwartungen. Die Inflationsrate rutschte im September auf 1,9% von 2,0% im August, und die Produzentenpreise sanken im Vergleich zum Vorjahr um 3,6%. Auch das mit Spannung erwartete Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal fiel nicht aus der Reihe: Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich zum siebten Mal in Folge, und zwar auf 7,4%, verglichen mit 7,6% im zweiten Quartal.  Es gab zwar auch andere Daten, die darauf hindeuteten, dass das BIP nicht mehr so schnell zurückgehen wird wie zuletzt (beispielsweise die Einzelhandelsumsätze), doch setzte sich am Markt die Einschätzung durch, dass die relativ schwachen BIP-Daten und die Inflationsdaten der chinesischen Notenbank genügend Spielraum für Hilfsmaßnahmen geben. 

In Europa stand Spanien im Vordergrund. Moody's hatte das Rating „Baa3” für das Land bekräftigt, wenngleich mit negativem Ausblick. Da zuvor bereits S&P Spanien auf „BBB-“ mit negativem Ausblick abgestuft hatte, hatten viele Marktteilnehmer befürchtet, dass Moody's das Rating auf Ramschniveau heruntersetzen würde. Die Entscheidung von Moody's führte daher zu einem regelrechten Run auf spanische Staatsanleihen. Die Rendite zehnjähriger Titel sank nach der Mitteilung der Ratingagentur auf 5,5%, den niedrigsten Stand seit April. Das Risiko, dass Spanien auf Junk herabstuft wird, ist damit erst einmal gebannt. Somit ist der Weg frei für einen offiziellen Hilfsantrag, der die Grundlage für die Unterstützung der Europäischen Zentralbank (EZB) darstellt. Die Aktien- und Anleihemärkte Europas reagierten deswegen mit deutlichen Kursgewinnen. Auch Moody's rechnet damit, dass Spanien das Anleihekaufprogramm der EZB in Gang setzen wird, so dass die Notenbank am Markt kurzlaufende Staatsanleihen Spaniens einsammeln kann. Das Timing des Hilfsantrags ist noch unklar. Wir gehen allerdings davon aus, dass Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy die Ergebnisse der Regionalwahlen in Spanien abwarten wird, um seine Parteigenossen von möglichen negativen Auswirkungen eines solchen Schrittes zu beschützen. Aber auch wenn es Gründe für die positive Reaktion vieler Marktteilnehmer gab: Die strukturellen Probleme Spaniens bleiben bestehen und aus fundamentaler Sicht geht es weiter bergab, da die langfristigen Probleme nicht gelöst wurden. Und schließlich kehrte auch am Markt schon wieder etwas Ernüchterung ein: Zuletzt stiegen die Renditen für zehnjährige Anleihen wieder.


Das Angebot an Neuemissionen nimmt wieder zu

Weil so viele Unternehmen in diesen Tagen ihre Quartalsergebnisse vorlegen, hatten wir eigentlich mit einer ruhigeren Woche gerechnet. Doch die starke Nachfrage der Investoren und die Kursgewinne am Anleihemarkt führten zu einer sehr aktiven Woche. Auch zeigten aktuelle Daten des Analysehauses Lipper, dass Fonds auf Anleihen im Investment-Grade-Bereich zuletzt Zuflüsse in Höhe von 2,4 Milliarden Dollar verbuchen konnten. Allein am Dienstag vergangener Woche wurden neue Anleihen im Volumen von insgesamt 19 Milliarden Dollar auf den Markt gebracht – ein Spitzenwert in diesem Jahr. Zu den Emittenten gehörte der amerikanische Hausbauer Lennar (LEN, „BB“) mit einer zehnjährigen Anleihe mit einem Volumen von 350 Millionen Dollar zu 4,75% beziehungsweise einem Aufschlag von 293 Basispunkten zu den US-Staatsanleihen – einem wesentlich geringeren Spread als der durchschnittliche „BB“-Titel aufweist.

Die Spekulationen auf Maßnahmen der Notenbanken könnten auch in den kommenden Tagen die Kurse treiben. Zudem haben die Investoren noch zahlreiche Quartalsberichte und Konjunkturdaten zu analysieren. Beispielsweise stehen aus den USA die Neubauverkäufe auf der Agenda, die Auftragseingänge langlebiger Güter am Donnerstag und das Bruttoinlandsprodukt am Freitag. Am Mittwochabend teilt die US-Notenbank das Ergebnis ihrer aktuellen Zinssitzung mit – ein Zinsschritt oder weitere Hilfsmaßnahmen dürften aber diesmal nicht verkündet werden. In Europa wird es zum Wochenschluss etwas ruhiger, was Konjunkturdaten angeht. Die Daten zum Verbrauchervertrauen in der Eurozone, zum ifo-Geschäftsklimaindex und den Einkaufsmanagerindizes liegen zur Wochenmitte bereits vor. Doch langweilig wird es trotzdem nicht, schließlich gewähren noch unzählige Unternehmen Einblick in ihre Bücher.

Über den Autor

Dave Sekera  DO NOT USE