Substanz in Europa? Bei Pharma-Aktien ja!

Die soliden Dividendenrenditen sprechen für Bayer und Co. Anleger sollten irrlichternde Versorger nicht länger als defensives Investment ansehen.

Ali Masarwah 02.11.2012

Wo gibt es noch Substanz zu akzeptablen Preisen am heimischen Aktienmarkt? Die Frage treibt viele Investoren um, zumal die risikoaversen, die sich in den vergangenen Monaten vom Markt ferngehalten und somit die fulminante Sommer-Rally verpasst haben. Machen wir uns nichts vor: Die Neuigkeiten von einer neuerlichen Umschuldung Griechenlands, die sich verschlechternde Lage in Spanien, Italien und Portugal sowie die Aussicht einer weltweiten konjunkturellen Eintrübung sind nichts für schwache Nerven! Und die ungute Melange aus Schuldenkrise und Konjunkturdelle werden auch in den nächsten Quartalen (oder Jahren?) die Schlagzeilen der Finanzgazetten beherrschen.

Deshalb lohnt es sich heute mehr denn je, tiefer in die fundamentalen Daten einzelner Branchen und Unternehmen einzusteigen und diese auf ihre Renditeperspektiven abzuklopfen. Zunächst machen wir den Versuch einer Standortbestimmung. Wo stehen wir heute?

Europäische Aktien sind heute per se nicht mehr billig. Die untere Übersicht zeigt, dass sich die meisten Branchen nahe ihres fairen Werts befinden, ausgedrückt in der Morningstar Kennziffer „Fair Value“. Das Kurs-Fair-Value-Verhältnis (KFVV) oszilliert um die neutrale Marke von 1, wobei Konsumaktien mit 1,08 die höchsten Bewertungen im Schnitt aufweisen und Rohstoff-Aktien mit einem KFVV von 0,84 am günstigsten sind (lesen Sie mehr zu unserer Bewertungsmethodik für Aktien hier).

GRAFIK: Value in Europa? In der Breite nur noch sehr vereinzelt zu finden

Unterhalb des Einheitsbreis der großen Durchschnitte lohnt sich der Blick auf die Details; die bewertungstechnisch unspektakuläre Pharma/Health Care-Sparte, die mit einem KFVV von 0,98 nahe ihres fairen Werts notiert, bietet attraktive Möglichkeiten. Nach wie vor sind die Dividendenrenditen europäischer Pharma-Firmen mit knapp 4% sehr ordentlich, was defensiv orientierte, einkommenshungrige Investoren erfreut. Zudem ist der Ausblick für Dividendenzahlungen bis 2017 hervorragend.

Auslaufende Patente werden als Risiko überschätzt

Unsere Aktienanalysten haben wiederholt darauf hingewiesen, dass der Verlust von Patenten als Negativfaktor bei europäischen Pharma-Unternehmen von Investoren überschätzt wird. Ablaufende Rechte auf Medikamenten-Patente werden die Ertragslage der Branche zwar bis in das Jahr 2013 hinein belasten. Allerdings hängt die Fähigkeit der meisten Konzerne ab, das Dividenden-Niveau zu halten bzw. zu erhöhen, nur in seltenen Fällen gerade davon ab.

Unser Analyst Damien Conover sieht solide Dividenden-Perspektiven für die meisten Pharmakonzerne bis 2017. Die untere Grafik zeigt die Ausschüttungsquote am Nettogewinn bei den wichtigsten Pharma-Firmen, einmal mit, einmal ohne Einbeziehung der erwarteten Umsätze durch neue Medikamente in der Entwicklungs-Pipeline.

GRAFIK: Wie nachhaltig sind die Dividenden? Ein Blick auf die Ausschüttungsquoten

Unser Pharma-Analyst sieht eine Ausschüttungsquote von 50% als tragfähig an. Unternehmen wie Bayer und Novartis sind hiervon noch weit entfernt. Vor allem Bayer zeichnet sich durch sehr sichere Cashflows aus, und die heutige Ausschüttungsquote von 31% bietet noch viel Spielraum nach oben. Auch Novartis dürfte in der Lage sein, die Ausschüttungen in den kommenden 5 Jahren zu erhöhen, auch wenn die Dynamik der Dividendenerhöhungen durch die verhaltene Ertragslage gedämpft werden dürfte.

Eine negative Ausnahme könnte AstraZeneca darstellen. Hier dürften die negativen Ertragsperspektiven zumindest für eine Stagnation der Dividenden auf dem heutigen Niveau sorgen. Bis 2017 würde dies allerdings bedeuten, dass 65% der Erträge (heute 46%) ausgeschüttet werden müssten, was eine schwere Belastung der Cashflows darstellt. Dass das Management von AstraZeneca bereits das geplante Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von 4,5 Milliarden US-Dollar auf Eis gelegt hat, deutet an, dass sich die Prioritäten für den Kapitaleinsatz verschoben haben. 

Vorsicht ist bei der irrlichternden Versorger-Branche geboten

Eine Branche, die lange als defensive Nische am Aktienmarkt galt, hat sich allerdings vom Paulus zum Saulus gewandelt. Die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen haben Versorgern europaweit schwer zugesetzt. Das ist natürlich nicht spurlos an den Kursen vorbeigegangen, wie die untere Grafik zeigt: Der STOXX-Versorger-Subindex hinkt dem breiten europäischen Aktienmarkt deutlich hinterher.

GRAFIK: Versorger hinken dem breiten Aktienmarkt hinterher

Investoren sollten sich also nicht nur von Bewertungen leiten lassen – wir erinnern uns, dass Versorger/Energie-Unternehmen heute relativ günstig bewertet sind (siehe die oberste Grafik in diesem Artikel). Besonders die breit aufgestellten Konglomerate sind in den vergangen vier Jahren unter die Räder gekommen – Aktionären von RWE und Eon mussten dies leidvoll erfahren.

Wer heute defensive Eigenschaften bei Versorgern sucht, muss tief schürfen. Unsere Analysten sehen bei drei Unternehmen die „traditionellen“ Versorger-Qualitäten gewahrt: bei der spanischen Red Eléctrica de Espana, Natrional Grid und SSE aus Großbritannien ist die Welt noch einigermaßen in Ordnung – regulatorische und politische Turbulenzen haben die Geschäftsmodelle hier noch weitgehend verschont.

 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich