Warum politische Börsen längere Beine haben könnten

„Fiskalische Klippe wäre für USA schwer zu verkraften“. Eine Konjunkturhavarie in den USA hätte Folgen für Anleger weltweit.    

Ali Masarwah 09.11.2012

Die Aktienmärkte in den USA – und mit ihnen auch die globalen Börsen - sind nach dem deutlichen Wahlsieg von Barack Obama auf Tauchstation gegangen. Am Mittwoch und Donnerstag gaben die Kurse deutlich nach, und auch am Freitagvormittag dominierten in Europa allerorts die Minuszeichen. „Obama-Effekt verpufft“, titelte ein Online-Dienst. Wir erläutern die Implikationen der US-Wahl im Frage-Antwort-Format. 

Handelt es sich bei der Marktreaktion um die sprichwörtlichen politischen Börsen, die ja bekanntlich kurze Beine haben und die Anleger tunlichst ignorieren sollten?

Auf den ersten Blick ja: Auch wenn die Gräben zwischen Demokraten und Republikanern in den USA tief sind, sind Zweifel berechtigt, ob unter dem gemäßigten Republikaner Mitt Romney ein grundlegender Paradigmenwechsel in der US-Politik eingetreten wäre. Auch wenn Obama die Finanzindustrie stärker an die Kandare nehmen dürfte, geht der Trend ohnehin in Richtung stärkere Regulierung. Dagegen hätte sich auch der Hochfinanzfreund Romney schwerlich erfolgreich stemmen können. Nach dieser Deutung könnten die Märkte nach einer kurzen nervösen Phase bald wieder in normale Bahnen gelenkt werden.

Gibt es eine zweite Deutung der Reaktion der Finanzmärkte auf die Wahl?

Ja. Es spricht einiges dafür, dass das Wahlergebnis gravierendere Folgen haben könnte, als es viele vermuten. In den USA geht man nach dem Abklingen des Wahlkampfgetöses nunmehr wieder zur Tagesordnung über. Und diese hat einen überaus gefährlichen Punkt auf der Agenda: die sogenannte fiskalische Klippe („fiscal cliff“).

Gemeint ist der ungute Mix aus umfangreichen Ausgabenkürzungen des Staates und Steuererhöhungen, die zeitgleich ab Januar 2013 greifen werden. Sollten sich Republikaner und Demokraten nicht über das nächste Budget einigen, drohen nicht nur die Steuern für die wohlhabenden Amerikaner zu steigen, sondern auch die Steuererleichterungen und Finanzhilfen an Firmen und bedürftige Amerikaner auszulaufen.

Seit dem 6. November ist klar, dass die politischen Verhältnisse, die auf die fiskalische Klippe zuführen, dieselben geblieben sind: Die Republikaner kontrollieren auch 2013 das US-Repräsentantenhaus, der eigentlichen budgetverantwortlichen Stelle im US-Regierungssystem; die Demokraten stellen nach wie vor den US-Präsidenten und die Mehrheit in der zweiten Parlamentskammer, dem Senat, ohne die im US-System der „checks and balances“ nichts geht.

Was passiert, wenn die „Klippe“ tatsächlich kommt?

Die Folgen wären dramatisch für die US-Konjunktur. Die Rating-Agentur Fitch hat berechnet, dass statt eines erwarteten BIP-Wachstums von 2,3% die US-Wirtschaft im kommenden Jahr nur um 0,3% wachsen würde. „Ein derartiges Kürzungs- und Steuererhöhungsprogramm wäre auf 3 Jahre gestreckt durchaus machbar, nicht aber in nur einem Jahr - die Folgen wären verheerend“, sagt Morningstar Chefvolkswirt Ben Johnson. Er taxiert den Umfang des Konsolidierungspakets auf 700 Milliarden US-Dollar. Der Binnenkonsum, der rund 70% des Bruttoinlandesprodukts in den USA ausmacht, droht abgewürgt zu werden.

Ist das Ganze nicht nur eine Propaganda-Show der politischen Parteien, an deren Ende ein politischer Kompromiss steht?

Natürlich sind auch die Profilierungsversuche der Republikaner und Demokraten Teil des politischen Geschäfts in den USA. Aber angesichts der Polarisierung der US-Gesellschaft ist das Zusteuern auf die „Klippe“ auch Ausdruck der unterschiedlichen Programme von Republikanern und Demokraten. Der Disput ist insofern bitterer Ernst.

Gab es in der Vergangenheit Fälle, in denen eine politische Blockade zwischen dem Kongress und dem Präsidenten auch Folgen für die Realwirtschaft hatte?

Ja. Manchmal ging es glimpflich aus, manchmal nicht. In der Vergangenheit wurden die US-Bundesbehörden wiederholt von politischen Auseinandersetzungen lahmgelegt. 1981 wurden wegen eines Budgetvetos des damaligen Präsidenten Ronald Reagan 400.000 Bundesbedienstete im Anschluss an ihre Mittagspause nach Hause geschickt. Am Nachmittag desselben Tages kam es zu einer Einigung, und am nächsten Morgen konnten die Mitarbeiter wieder ihren Dienst wie gewohnt antreten. So weit, so harmlos. Deutlich härter ging es 1995 und 1996 zur Sache. In einem Streit, der in vielerlei Hinsicht an die heutige Auseinandersetzung erinnert, blockierten sich ein US-Präsident (Bill Clinton) und ein republikanisches Repräsentantenhaus (unter Führung von Newt Gingrich) derart konsequent, dass zwischen November 1995 und April 1996 wiederholt verschiedene Teile der bundesstaatlichen Verwaltung Zwangspausen einlegen mussten. Die seinerzeitige Administration taxierte die Kosten der ersten, nur sechstägigen Behördenpause übrigens auf 800 Millionen US-Dollar! Die gesamten Kosten für die US-Wirtschaft waren entsprechend deutlich höher.

Welche Folgen hätte die fiskalische Klippe für Aktien-Anleger?

Wahrscheinich äußerst unschöne. Die Wirkungsweise der ungebremsten „fiscal cliff“ wäre am ehesten mit exogenen Schocks wie die Ölkrise der 1970er Jahre vergleichbar, wie unser Fonds-Research-Direktor Scott Burns jüngst kommentierte. Weil die Konjunktur schlagartig abgewürgt und eben nicht gleitend in eine normale Rezession geriete, könnten die Aktienmärkte ebenfalls schockartig korrigieren.

Von der fiskalischen Klippe wären in erster Linie die US-Aktienmärkte betroffen, oder?

Ja und nein. Unmittelbar betroffen wären in erster Linie US-Unternehmen. Einerseits. Die Experten vom BlackRock Investment Institute raten Anlegern in ihrem „Fiscal-Cliff-Szenario“ deshalb, stärker auf europäische Aktien und Schwellenländertitel zu setzen und dividendenstarke Aktien aufzustocken. Angesichts der relativ niedrigen Volatilität seien auch Absicherungsstrategien mit Optionen denkbar, die derzeit „aus dem Geld“ seien. BlackRock sieht US-Aktien höher bewertet als globale Aktien, sodass die Gefahr für diese Titel größer einzuschätzen sei. Die Aktienanalysten bei Morningstar haben jüngst dividendenstarke Pharmatitel als relativ attraktives Segment im europäischen Aktienuniversum ausgemacht (lesen Sie hier weiter).

Andererseits ist es höchst unwahrscheinlich, dass die globalen Märkte von einem Absturz der US-Wirtschaft unverschont bleiben. Nicht nur große Konzerne sind heute international vernetzt, sondern auch der europäische Mittelstand. Wer sein Portfolio „klippensicher“ aufstellen will, sollte deshalb defensiv agieren. „Diversifizieren ist dabei das A und O, heute mehr denn je“, hebt Morningstar-Experte Scott Burns hervor.

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich