Anlegen im Zeichen des Klimawandels

Tragweite des Klimawandels für die Anlagepolitik noch nicht erkannt.

Natalia Wolfstetter | 16-12-09 | Artikel schicken

Der Klimawandel schreitet weiter voran. Durch den Menschen verursachte Treibhausgasemissionen führen zu steigenden Temperaturen, mehr extremen Wetterereignissen und einem steigenden Meeresspiegel. Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich anerkannt und wurde auch von Gunther Tiersch, Meteorologe beim ZDF, auf der Morningstar Investment Konferenz sehr anschaulich geschildert.

Die Finanzkrise hat den Klimawandel teilweise aus der öffentlichen Diskussion verdrängt. Dennoch haben wir das Thema bei unserer Investment-Konferenz, die im November in Frankfurt stattfand, wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Klimawandel als Investmentthema findet bisher vor allem in Form spezialisierter (Branchen)fonds statt. Noch bevor 2007 zunehmend so genannte Klimafonds auf den Markt kamen, hatten sich verschiedene Investmentprodukte des Themas angenommen. Der Schwerpunkt lag meist auf Umwelttechnologien oder erneuerbaren Energien. Auch für die meisten Nachhaltigkeitsstrategien sind ökologische Überlegungen ein Kernbestandteil.

Die enormen Umwälzungen, die der Klimawandel mit sich bringen wird, sprechen aber dafür, das Thema nicht nur auf Sektor- oder Nachhaltigkeitsfonds zu beschränken. In der Anlagepraxis – in Finanzanalyse und Asset Allocation – ist dies bisher allerdings noch kaum angekommen. Dies beobachtet auch der Kapitalmarkt-Stratege Philipp Vorndran. Dabei dürften die wirtschaftlichen Auswirkungen sehr weitreichend sein, unabhängig davon, ob es gelingt, den Klimawandel zu bremsen oder nicht.

Geringste Verursacher stehen vor größten Schäden

Vorndran nannte auf der Konferenz Beispiele für positiv und negativ betroffene Branchen: Die erneuerbaren Energien, der Bau- und Infrastruktursektor (energiesparendes Bauen, Schutzvorrichtungen) oder die Chemiebranche (Pflanzenschutz) werden eher zu den begünstigten Bereichen gezählt. Der hohe CO2-Emissionen verursachende Versorgungs- und Transportsektor oder auch der Tourismus stehen vor einschneidenden Änderungen. Anhand des Tourismus lassen sich auch einige der regionalen Effekte veranschaulichen. Profitieren dürften Länder aus nördlichen Breitengraden, während die heutigen Schwerpunktgebiete des Tourismus (Mittelmeeranrainer) aufgrund von Wassermangel und extremer Hitze deutlich verlieren könnten. Ähnliches gilt für die Landwirtschaft. Natürlich sind die Nettoeffekte schwer abzuschätzen. In Russland beispielsweise rechnet man mit steigenden landwirtschaftlichen Erträgen. Dem stehen aber die Gefahren für Infrastruktur und Landwirtschaft gegenüber, die durch auftauende Permafrostböden zu Tage treten. Generell steht zu befürchten, dass die Schwellenländer relativ stark betroffen sein werden. Viele davon sind geographisch ohnehin benachteiligt, besonders abhängig von sensiblen Sektoren (Tourismus, Agrar) und haben nicht die finanziellen Ressourcen, um z.B. mit Naturkatastrophen oder steigenden Kosten für die Wasserversorgung fertig zu werden. Damit könnte der Klimawandel das Wachstum in solchen Ländern abwürgen und diejenigen besonders bestrafen, die dazu kaum beigetragen haben.

Finanzmärkte vor neuen Umwälzungen

Auch auf Finanzmärkte und –branche kommt einiges zu. Die Kapitalmärkte werden einerseits viele der Mittel aufbringen müssen, mit denen Investitionen für Klimaschutz und Anpassungen an klimatische Veränderungen finanziert werden. Andererseits werden sich die Geschäftsmodelle von Banken und Versicherungen ändern. Viele der Risiken, die der Klimawandel mit sich bringt, werden nicht mehr versicherbar sein, zumal die Finanzkrise den Weiterverkauf von Risiken über strukturierte Wertpapiere in Verruf gebracht hat. Dadurch werden Unternehmen und Privatleute viele Risiken alleine schultern müssen und Banken weniger Kredite vergeben. Die Folge sind steigende Kapitalkosten und geringere Wachstumsaussichten. All dies würde ein schlechteres Umfeld für risikoreiche Anlagen wie Aktien bedeuten. Wie beschrieben muss dabei nach Land, Sektor und Unternehmen differenziert werden, aber die erwartete höhere Volatilität und die steigenden Korrelationen bei Klimarisiken werden dem Aktienmarkt generell das Leben nicht einfacher machen. Auch Anleihen werden durch die Kombination von stagnierendem Wachstum und höheren Staatsausgaben unter Druck stehen, während die Inflation anziehen könnte (indem die Verursacher von CO2-Emissionen zunehmend dafür zur Kasse gebeten werden oder wenn z.B. die Infrastrukturkosten steigen oder durch Ernteausfälle die Lebensmittelpreise anziehen).

Konsequenzen für die Anlagepolitik

Die skizzierten Auswirkungen sind langfristig und zwischen Ursache und Wirkung verstreicht viel Zeit. Bei so viel Unsicherheit über das globale und regionale Ausmaß des Klimawandels (und nicht zuletzt die politischen Antworten darauf) fällt es schwer, daraus konkrete Schlussfolgerungen für die Anlagepolitik abzuleiten. Man kann natürlich auf begünstigte und weniger begünstigte Branchen oder Regionen abstellen. Dabei muss man abschätzen, wie hoch die Gefährdung durch Klimaschäden ist, wie viele Treibhausgase sie ausstoßen und inwieweit sie dazu in der Lage sind, sich an klimatische Veränderungen anzupassen (z.B. durch die Entwicklung CO2-armer Technologien).

Anleger müssen aber auch ganz allgemein ihre langfristigen Wachstums-, Risiko- und Inflationserwartungen im Hinblick auf den Klimawandel überprüfen.

Schnelle Erfolge?

Während die Klimakonferenz nur noch begrenzten Optimismus weckt, gibt es doch Maßnahmen, mit denen sich relativ zeitnah und kostengünstig etwas für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen erreichen lässt. Thiemo Lang, Fondsmanager des SAM Sustainable Climate, verwies auf energiesparendes Bauen und eine bessere Gebäudedämmung als wichtige Anlagethemen in seinem Portfolio.

Umstrittene Kernenergie

Atomkraft hat den Vorteil, eine relativ CO2-arme Energiegewinnung zu ermöglichen, wirft aber die bekannten Sicherheitsprobleme auf und steht unter Verdacht, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu behindern. Thiemo Lang bezweifelt zudem die Wirtschaftlichkeit neuer Kernkraftwerke angesichts ihrer hohen Baukosten. Als Beispiel nannte er einen amerikanischen Energieversorger, der die Hälfte der eigenen Marktkapitalisierung für ein neues Kraftwerk aufbringen müsste.

Bei den Verbrauchern ansetzen

Philipp Vorndran plädierte auf der Konferenz dafür, stärker beim Verbraucher anzusetzen und für jeden Menschen ein Klimakonto einzurichten, das den CO2-Ausstoß erfasst und abrechnet. Ein Beispiel dafür ist die Kilometergebühr, die in den Niederlanden anstelle der Kfz-Steuer eingeführt werden soll. Allerdings ist die Ablehnung in der holländischen Bevölkerung hoch, da viele befürchten, in Zukunft mehr zahlen zu müssen.

Beim Geld hört der Spaß (bzw. Klimaschutz) schnell auf, auch wenn es langfristig recht teuer werden könnte. Der 2006 erschienene Stern-Report über die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung beziffert die Kosten zur Bekämpfung des Klimawandels auf 1% des BIP pro Jahr, wenn frühzeitig reagiert wird. Die Kosten des Nichtstuns werden dagegen auf 5% geschätzt.
Natalia Wolfstetter ist Fondsanalystin bei Morningstar Deutschland. Sie würde gerne Ihre Anmerkungen hören, kann jedoch keine Anlageempfehlungen aussprechen. Nehmen Sie hier Kontakt auf.