Nervöse Märkte machen Aktienbewertungen attraktiver

Globale Morningstar Übersicht zeigt, dass vor allem Qualitätstitel günstig sind. Bei den Sektoren finden sich Unterbewertungen bei Energie-, Rohstoff- und Finanzaktien. Die Highlights unserer quantitativen Marktübersicht.

Ali Masarwah 13.07.2015
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Die Krise in Griechenland und der Kurssturz an den Börsen in China und Ostasien haben im zweiten Quartal weltweit bei Anlegern für Nervosität gesorgt und die Märkte in Bewegung gebracht. Die Bewertungen von Aktien waren per Ende Juni entsprechend um einiges günstiger als noch zum Vorquartals-Ultimo. Dies geht aus unserer Übersicht zum Ende des ersten Halbjahres hervor, die rund 38.000 Aktien weltweit umfasst.* Viele Aktien notierten per 30. Juni im Schnitt unter ihrem fairen Wert; sie weisen einen Kurs-/Fair-Value-Wert von unter 1,0 auf. 

Zur Erinnerung: Unsere Aktienanalyse hat das Ziel, den inneren Wert eines Unternehmens zu ermitteln und dessen Fähigkeit einzuschätzen, sowohl kurz- als auch langfristig Cashflows zu generieren. Unsere Aussagen zur Attraktivität einer Aktie basieren auf dem gehandelten Aktienkurs in Bezug auf unsere Schätzungen des intrinsischen Wertes des Unternehmens. Wenn eine Aktie signifikant unter ihrem inneren Wert handelt, geben wir eine Kaufempfehlung. Wird eine Aktie deutlich über unseren Schätzungen gehandelt, empfehlen wir sie zu verkaufen.

Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem fairen Wert einer Aktie

Die Frage, ob ein Unternehmen über- oder unterbewertet ist, beantworten wir mit der Kennziffer Kurs-Fair-Value Verhältnis (KFVV), die den aktuellen Kurs ins Verhältnis zu dem von uns geschätzten fairen Wert (Fair Value) setzt. Ein KFVV von über 1,0 signalisiert, dass ein Unternehmen überbewertet ist. Ein Wert von exakt 1,0 drückt aus, dass es auf dem aktuellen Kursniveau fair bewertet ist, ein Wert von weniger als 1,0 deutet auf eine Unterbewertung (lesen Sie mehr zu unseren Aktienbewertungen hier).

Kommen wir zunächst zum Gesamtmarkt. Gegenüber dem März-Ultimo sind die Bewertungen insgesamt deutlich zurückgegangen. Das untersuchte Aktien-Universum wies per Ende Juni im Schnitt einen KFVV von 0,95 auf nach 1,05 in der Vorquartalsbetrachtung. Zuletzt waren die globalen Aktienmärkte im Oktober 2014 und im Juni 2013 signifikant unter die Marke von 1,0 gesunken, wie aus der unteren Grafik hervorgeht.

Grafik: Aktien sind im zweiten Quartal günstiger geworden

Interessant ist dabei, dass vor allem Unternehmen mit signifikanten Wettbewerbsvorteilen, ausgedrückt im Wide Moat Rating, günstiger sind als der Durchschnitt. Diese Unternehmen wiesen per Ende Juni einen KFVV von 0,92 auf. Dagegen waren Unternehmen mit einem Narrow Moat Rating mit einem KFVV von 0,96 einen Tick teurer, ebenso wie Unternehmen ohne Wettbewerbsvorteile (lesen Sie hier mehr zu unserem Moat-Rating).

Grafik: Unternehmen mit einem Wide Moat Rating

 

Ein Blick auf das Aktienuniversum nach Sektoren aufgeteilt zeigt, dass Energie- und Rohstoffaktien mit einem KFVV von je 0,89 am günstigsten bewertet waren, gefolgt von Finanztiteln (0,91), zyklischen Konsumwerten und Immobilienunternehmen (je 0,95).

Am höchsten bewertet sind derzeit Telekommunikationsunternehmen mit einem KFVV von 1,03). Dies ist zugleich die einzige Branche, die zum Stichtag über ihrem fairen Wert notierte.

Grafik: Aktienbewertung nach Sektor zum 30. Juni

Nach Regionen unterteilt weisen Aktien aus den Emerging Markets die höchsten Abschläge auf ihren fairen Wert auf. Vor allem Frontier-Märkte sind derzeit sehr stark unterbewertet, etwa Aktien aus Bangladesch, Irak, Katar, Saudi Arabien, Pakistan, Nigeria, Kolumbien und Vietnam. Sie notieren derzeit zwischen 15,6% bis 6,6% unter ihrem fairen Wert, wie aus der unteren Tabelle hervorgeht.

Unter den Industrieländern sind vor allem die Märkte in Australien, Spanien, Grossbritannien, Schweiz und Kanada günstig bewertet.

Indes finden sich die höchsten Aufschläge auf den fairen Wert bei Unternehmen aus China, Irland, Japan, Portugal und Deutschland. Diese Märkte notieren im Schnitt 9,3% bis 2,5% über ihrem fairen Wert.

Grafik: Bewertung nach Regionen

Investoren sollten allerdings beachten, dass sich unsere Fair-Value-Schätzungen von den „Kurszielen“ unterscheiden, die von Investmentbanken veröffentlicht werden. Diese so genannten Sell Side Analysen haben oft den Anspruch, den Kurs einer Aktie auf Sicht von sechs oder zwölf Monaten zu prognostizieren. Wir erwarten zwar auch, dass sich die Kurse von Aktien ihrem fairen Wert annähern; allerdings treffen wir keine Aussage darüber, wann der angemessene Preis erreicht wird. Manche Aktien konvergieren sehr schnell mit ihrem Fair Value, während es in anderen Fällen auch drei Jahre oder mehr werden können. Geduld ist schliesslich der entscheidende Faktor für eine erfolgreiche Aktienanlage.

* Lesen Sie mehr zur Methodologie unseres quantitativen Aktien-Ratings hier.

 

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Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah war von 2011 bis Frühjahr 2021 als Chefredakteur für die deutschsprachigen Anleger Websites von Morningstar verantwortlich