Draghi, EZB und Nord Stream 1 - nix mit Sommerpause

Nun ist es also entschieden: um 50 Basispunkte hebt die EZB die Zinsen und beendet damit die Negativzinsen. In Rom zeichnet sich derweil ein Machtwechsel ab und Russland liefert wieder Gas durch Nord Stream 1. Ein kurzer Rückblick auf einen ereignisreichen Tag. 

Antje Schiffler 22.07.2022
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Colosseo_Italia

An so einem Tag weiß man ja gar nicht, wo man anfangen soll. Versuchen wir's mal rückwärts-chronologisch.

Um 14:15 Uhr wusste der Markt mit Sicherheit, was er sich ohnehin offenbar schon gedacht hatte: Um 50 Basispunkte geht es nach oben mit den drei Leitzinsen, teilte die EZB mit. Damit passt das Institut den Zinsschritt an die Inflationsdynamik an und geht einen Schritt weiter, als auf der vorigen Ratssitzung angekündigt (25 Basispunkte).

Gleichzeitig ist auch die Ära der Negativzinsen beendet. Der DAX sackte daraufhin nur leicht um ca. 1% ab, erholte sich aber ebensoschnell wieder, um dann erneut nachzugeben. Der Euro wertete gegenüber dem US-Dollar ebenfalls auf - kurzzeitig. 

 

 

„Angesichts der hohen Inflation hat die Notenbank beschlossen, die Normalisierung der Geldpolitik zu beschleunigen und die Leitzinsen um 0,5% angehoben. Dass der Zinsschritt doppelt so stark ausfällt wie bei der Sitzung im Juni angekündigt, ist ein Beleg für die Schwere der aktuellen Inflationsdynamik. Und indem die Hüter des Euro weit über ihre eigenen Prognosen hinausgehen, signalisieren sie den Marktteilnehmern, dass sie sich der Eindämmung der Inflation verpflichtet fühlen", so Wolfgang Bauer, Fondsmanager bei M&G Investments. 

 

TPI: Drei neue Buchstaben im EZB-Vokabular

Außerdem erweitert die Zentralbank ihren Instrumentenkasten. So hat der EZB-Rat das "Instrument zur Absicherung der Transmission" (Transmission Protection Instrument – TPI) genehmigt. Damit soll hochverschuldeten Staaten innerhalb des Euroraums geholfen werden. Denn Spreads der einzelnen Euro-Mitgliedsstaaten waren zuletzt deutlich auseinandergelaufen. TPI soll es der EZB erlauben, die Anleihen einzelner Länder zu kaufen. 

"Das TPI wird das Instrumentarium des EZB-Rats ergänzen und kann aktiviert werden, um ungerechtfertigten, ungeordneten Marktdynamiken entgegenzuwirken, die eine ernsthafte Bedrohung für die Transmission der Geldpolitik im Euroraum darstellen. Der Umfang von Ankäufen im Rahmen des TPI hängt von der Schwere der Risiken für die geldpolitische Transmission ab. Die Ankäufe sind nicht von vornherein beschränkt", so der Wortlaut aus Frankfurt. 

 

Italienische Regierungskoalition tritt zurück

„Das Scheitern der italienischen Regierungskoalition und der Rücktritt des italienischen Regierungschefs Mario Draghi haben zu einer abrupten Ausweitung der Renditespannen zwischen italienischen und deutschen Bundesanleihen geführt, was sich als Hindernis für eine reibungslose Übertragung der Geldpolitik erweisen könnte", bemerkt Dave Chappell, Portfolio Manager bei Columbia Threadneedle Investments.

Er fährt fort: "Auf wiederholte Nachfragen während der Pressekonferenz wollte Präsidentin Lagarde jedoch nicht verraten, ob eine Verschärfung der finanziellen Bedingungen, die durch eine selbstzerstörerische Innenpolitik verursacht wird, die Anwendung des neuen Transmissionsschutzinstruments rechtfertigen würde. Zum jetzigen Zeitpunkt glauben wir nicht, dass dies der Fall ist, da es keine Ansteckungsgefahr für andere Peripherierenditen gibt.“      

 

Draghi geht

Und damit sind wir am Morgen dieses ereignisreichen Tages. Italiens Staatspräsident hat dem Rücktrittsgesuch von Präsident Mario Draghi nach einem schlechten Abstimmungsergebnis im Parlament zugestimmt. 

Draghi hatte am Mittwoch eine Vertrauensabstimmung im Parlament zwar gewonnen, doch musste ohne seine Koalitionspartner auskommen. Die Fünf-Sterne-Bewegung, die rechte Lega und die Forza Italia des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi waren der Abstimmung fern geblieben und unterstützten Draghi damit nicht. 

Auf die Verschärfung der politischen Krise in Italien eröffnete die Mailänder Börse am Donnerstag mit einem starken Rückgang von -2%, wie meine Kollegin Sara Silano berichtet. Der BTP-Bund-Spread lag bei knapp 230 Punkten. Der DAX eröffnete ebenfalls tiefer. 

Zu den größten Rückgängen zählen Finanztitel, wobei Poste Italiane PST mehr als 5% verlor, Unicredit UCG 4,57%, Unipol US 3,80% und Intesa Sanpaolo ISP 3,71% (Quelle: Borsa Italiana, Stand 9:30 Uhr).

 

Tropfen auf dem kalten Stein? Ein wenig Gas für Europa

Dabei hatte der Tag so ganz, ganz früh am Morgen überraschend gut angefangen: Um 6 Uhr meldete die Pipeline-Betreibergesellschaft von Nord Stream 1 die Wiederaufnahme der russischen Gaslieferungen nach der Wartung. Ob, in welchem Umfang und wie lange das so weitergeht, ist natürlich fraglich. Die Nervosität bleibt in jedem Fall. 

 

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Über den Autor

Antje Schiffler  ist Redakteurin bei Morningstar in Frankfurt.