Die ESG-Qualitäten der Fondshäuser auf dem Prüfstein

Das Morningstar ESG Commitment Level für Fondshäuser hilft Anlegern zu beurteilen, welche Vermögensverwalter sich das Thema ESG wirklich auf die Fahnen geschrieben haben. Eine Übersicht.

Hortense Bioy, CFA 17.11.2020

Auf der ganzen Welt gewinnen ökologische, soziale und Governance-Überlegungen bei Investitionen zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Anleger überlegen, wie ESG-Strategien in ihren Portfolios eine Rolle spielen können. Im November 2020 haben wir ein weiteres ESG-Research-Tool lanciert: das Morningstar ESG Commitment Level. Zum Start erstellten unsere Manager-Research-Analysten eine Bewertung für 107 Einzelstrategien und 40 Vermögensverwalter. Diese Coverage-Liste wird nach und nach erweitert. Neben der Abwägung des ESG-Prozesses und der ESG-Ressourcen einer Strategie umfasst dieses neue Tool auch die Bewertung der ESG-Qualität der Investmenthäuser. 

Ein kritischer Blick auf das „Fonds-Elternhaus“ 

Anleger, die verstehen wollen, wie ESG-Faktoren in den Fonds-Strategien eingesetzt werden, kommen auch an der Analyse des Vermögensverwalters nicht vorbei. Ähnlich wie beim Compliance oder beim Risikomanagement können ESG-Ressourcen unternehmensweit einheitlich eingesetzt werden. Daher ist es entscheidend, wie ein Unternehmen diese Ressourcen entwickelt und ob diese auf schlüssige Weise zum Einsatz kommen. Wenn es um die Stimmrechtsvertretung geht, kann es etwa von größerer Bedeutung sein, das volle Gewicht einer Organisation bei einer Abstimmung zu einem Thema über alle Investmentvehikel hinweg einzubringen. Und ein Unternehmen kann durch die entsprechende Prioritäten-Setzung im Top-Management das Thema ESG für alle verbindlich vorgeben. Auch der Einsatz von entsprechenden Kontroll-Instrumenten und die Schaffung von Anreizen in der Organisation können die Effektivität von ESG-Strategien stützen. 

Bei der Bewertung des ESG-Engagements eines Asset Managers stehen drei Themenkomplexe im Vordergrund: die ESG-Philosophie und der ESG-Prozess, die mit 40 Prozent in die Note des ESG Commitment Levels für das Fondshaus einfließen, die Ressourcen (30 Prozent) und aktive Eigentümerschaft (30 Prozent). Die Gesamtpunktzahl eines Asset Managers führt zu einer der vier Noten (in absteigender Reihenfolge): „Leader“ (führend), „Advanced“ (fortgeschritten), „Basic“ (Grundstufe) und „Low“ (niedrig).

Von Leadern und Nachzüglern 

Für Leader-Firmen ist ESG oft der Kern der Firmenidentität. Sie blicken auf eine lange Geschichte von ESG-Investitionen zurück, und ESG-Erwägungen sind im gesamten Unternehmen tief verwurzelt und allgegenwärtig - in ihren Investitionsprozessen, Strategien, Abstimmungsprotokollen und in ihrer eigenen Geschäftstätigkeit. Diese Unternehmen sind transparent in ihren ESG-Bemühungen und im ESG-Denken. 

Fortgeschrittene Firmen integrieren ESG bewusst in ihre Anlageprozesse, indem sie robuste Ressourcen und eine formelle Überwachung einsetzen. Sie artikulieren ihre Ansätze in Bezug auf ESG, zeigen aber eine begrenztere Anwendung im gesamten Unternehmen als führende Unternehmen. Dennoch gehören die fortgeschrittenen Firmen zu den besseren ESG-Performern im Branchenvergleich. 

Unternehmen, die nur die Note Basic halten, integrieren ESG auf einem niedrigeren Niveau als Leader- und Advanced-Firmen, oder sie befinden sich möglicherweise in einem früheren Stadium einer Entwicklung zu einem ESG-Player. Diesen Firmen fehlt es in der Regel an einem oder mehreren Aspekten, die für eine effektive ESG-Strategie von zentraler Bedeutung sind. 

Ein Engagementniveau von „Low“ kann auf einige Dinge hinweisen: Ein Unternehmen ist möglicherweise bei der Aufnahme von ESG nicht festgelegt und verwendet daher ESG-Kriterien nicht, oder berücksichtigt ESG nur in begrenztem Umfang oder in variabler Form; oder es leistet möglicherweise schlechte Arbeit bei der Einbeziehung von Nachhaltigkeitsfaktoren in seine Anlageprozesse. 

Ein solides Elternhaus 

Bei der Bestimmung des ESG Commitment Levels eines Vermögensverwalters berücksichtigen wir drei Säulen: Philosophie und Prozess, Ressourcen und aktive Eigentümerschaft. 

Philosophie und Prozess 

Wenn wir die Philosophie und den Prozess eines Unternehmens betrachten, beurteilen wir, wie wichtig ESG für den Charakter des Unternehmens ist und ob es diese „Denke“ auf überzeugende Art unter Beweis stellt. Diese Bewertung kommt u.a. auf folgende Fragen zustande: Ist das Fondshaus beispielsweise Unterzeichner der UN-Prinzipien für verantwortungsbewusstes Investment? Hat es unternehmensweite Ausschlüsse für seine Portfolios festgelegt? Wir beurteilen auch, ob die Selbstdeklaration des Vermögensverwalters als ESG-bewusster Asset Manager tragfähig ist und ob er Rechenschaft über das ablegt, zu dem er sich bekennt. Die Einbeziehung von ESG-Faktoren in seinen Anlageprozesse jenseits einzelner Fonds zeigt den Grad der Integration von ESG-Faktoren. Eine formales Monitoring der Art und Weise, wie die Portfoliomanager ESG-Faktoren in ihre Prozesse integrieren, und die Transparenz gegenüber den Kunden in Bezug auf ESG-Kennzahlen für jede Strategie tragen dazu bei, die Seriosität eines Unternehmen mit Blick auf die glaubwürdige Integration von ESG zu untermauern. 

Ressourcen 

ESG-Investieren ist komplex. Nachhaltiges investieren erfordert spezielle Kenntnisse oder Fertigkeiten; zu dieser Komplexität kommt die neue und sich verändernde Natur des Bereichs hinzu. Beispielsweise gibt es sehr unterschiedliche Präferenzen auf Seiten der Anleger, die Definitionen, was ESG ist, können nebulös und die regulatorischen und politischen Überlegungen schnelllebig sein. Ressourcen sind daher entscheidend. Bei ihrer Bewertung achten wir darauf, ob ein Asset Manager über einen angemessenen Stab an Mitarbeitern verfügt, die über einen Zugang zu Daten und Systemen haben. Unternehmen haben die Wahl, wie sie ihre ESG-Mitarbeiter organisieren: Werden sie ein separates Team von Spezialisten aufbauen, oder entwickeln sie eine Spezialisierung innerhalb des Investmentteams? Noch wichtiger ist eine gute Ausbildung der ESG-Experten und/oder Erfahrung mit der Komplexität von ESG-Investitionen haben. Datensätze von Drittanbietern liefern dringend benötigte Informationen und Zusammenhänge, aber die Entwicklung proprietärer ESG-Datenauswertungen fördert das Verständnis eines Fondshauses für ESG und kann seine Analysen von denen der Konkurrenz abheben.  

Aktive Eigentümerschaft 

Wenn es darum geht, ESG-Initiativen gegenüber den Portfolio-Unternehmen voranzutreiben, verfügt der Vermögensverwalter über ein mächtiges Instrument: sein Stimmrecht als Eigenkapitalgeber. Viele Aktionäre bekennen sich seit langem zu Good Governance und haben ihr Abstimmungsverhalten anhand solcher Prioritäten ausgerichtet. Anders sieht es dagegen sehr oft bei Umwelt- und Sozialbelangen aus. Für viele Fondshäuser waren und sind diese Aspekte als ursächliche Motive für ihr Abstimmungsverhalten neu oder noch nicht relevant. Wir prüfen daher, wie die Richtlinien für die Stimmabgabe in Umwelt- und Sozialfragen aussehen und untersuchen die Erfolgsbilanz von Vermögensverwaltern bei der Abstimmung für ESG-Resolutionen. Engagement ist eine weitere Form des aktiven Eigentums, eine Form, die sowohl Aktien- als auch Anleiheninhaber ausüben können. Das Engagement erstreckt sich über ein breites Spektrum - von einmaliger, einseitiger Kommunikation (z.B. ein Brief an den CEO), bis hin zu mehrfachen Interaktionen mit mehreren Personen und klar formulierten Erwartungen. Firmen am letzten Ende des Spektrums schneiden beim Engagement besser ab. 

Fazit 

Das Interesse der Investoren an nachhaltigen Investments nimmt zu; die Präferenzen der Anleger ist für viele Vermögensverwalter der Treiber gewesen, sich mit dem Thema ESG zu befassen. Einige Investmentfirmen fangen gerade erst an, ESG-Kriterien in Erwägung zu ziehen, und es bleibt abzuwarten, ob ihre Bemühungen dauerhaft oder überzeugend sein werden. Andere sind bereits weiter fortgeschritten und haben gut gemeinte Ansätze und weisen dem ESG-Bereich Ressourcen zu. Doch ihre Bilanz kann dennoch bestenfalls gemischt sein. Wieder andere Asset Manager geben sich vollkommen unbeeindruckt von Thema Nachhaltigkeit und konzentrieren sich auf konventionelle Strategien. Andere Häuser wiederum sind schon lange ESG-Spezialisten. Es bleibt für Anleger eine Menge zu tun, und wir hoffen, dass wir mit dem Morningstar ESG Commitment Level für Fondshäuser für ein wenig mehr Transparenz sorgen können.

Hier gelangen Sie zum Übersichtsartikel zum Morningstar ESG Commitment Level.

Hier gelangen Sie zum Artikel, der das ESG Commitment für Fondsstrategien erläutert.

Hier gelangen Sie zum Methoden-Papier (in englischer Sprache)

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Über den Autor

Hortense Bioy, CFA

Hortense Bioy, CFA  is director of passive fund research in Europe.

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