TR, PR oder doch GR? Warum Anleger die Kürzel hinter Indizes beachten sollten

Die meisten Anleger ignorieren die kleinen aber feinen Unterschiede zwischen verschiedenen Varianten eines Index. Was hinter den Kürzeln steht und wann es auf das Kleingedruckte ankommt.

Ali Masarwah 15.11.2013

Wir bekommen häufig die Frage gestellt, warum Indizes mit Abkürzungen wie „TR“, „PR“, „NR“ oder „GR“ versehen werden. Sind das irrelevante technische Details, oder sind diese Buchstabenkombinationen für Anleger bedeutsam? Eindeutig Letzteres ist der Fall, weshalb wir uns heute mit den verschiedenen Varianten ein und desselben Index – denn nichts anderes besagen diese Abkürzungen – beschäftigen werden.*

Kurz gesagt beziehen sich die Bezeichnungen auf die Berechnung der Wertentwicklung des jeweiligen Index. Die Wertentwicklung von Indizes wird aus unterschiedlichen Gründen nach verschiedenen Methoden berechnet.

„TR“ ist ein anderes Wort für DAX 30

Einer der häufigsten Wege, die Wertentwicklung eines Index zu verfolgen, ist der Blick auf den Gesamtertrag in einem bestimmten Zeitraum. Im Englischen ist das der so genannte Total Return. Diese Methode, die bei Morningstar mit „TR“ abgekürzt wird, beinhaltet alle Ertragsquellen der Wertpapiere im Index. Darin sind Kursgewinne oder -verluste aus den Veränderungen des Aktien- oder Bond-Kurses enthalten, aber auch Dividenden und Zinserträge aus den Wertpapieren im Index. Ein Bespiel dafür ist der DAX 30.

„PR“-Indizes dominieren in der globalen Benchmark-Welt

Kommen wir nun zu einer zweiten Berechnungsart von Indizes. Oft stößt man auf das Kürzel „PR“. Es steht für die Berechnungsmethode, die ausschließlich auf Änderungen der Preise bzw. Kurse der zugrundeliegenden Wertpapiere, abhebt. Der Price Return-Ansatz wird bei Morningstar mit „PR“ abgekürzt. Die PR-Methode ignoriert alle Zinserträge oder Dividenden, die durch Bestandteile des Index erzeugt werden. Der Blick liegt somit rein auf den Kursbewegungen innerhalb eines bestimmten Marktbereichs. 

Auch wenn dieser Ansatz für Anleger aus Deutschland, die den DAX kennen, exotisch klingen mag, verhält es sich genau gegenteilig. Der DAX ist international gesehen der Exot. Schon in der Schweiz und in Österreich ticken die Index-Uhren anders. Der SMI und der ATX werden ohne Dividenden-Reinvestition berechnet. Es gibt zwar auch TR-Varianten, aber selbst versierten Anlegern aus der Schweiz dürfte der dividendenadustierte SMIC deutlich weniger geläufig sein als der SMI. Auch der Leitindex für Standardwerte aus der Eurozone, der Euro STOXX 50, ist ein Beispiel für einen PR-Index.

Für wen eignen sich die verschiedenen Indexvarianten?

Und welcher Ansatz ist der bessere? In einigen Fällen wird der TR-Ansatz dem PR-Ansatz vorgezogen, da dieser besser darstellt, was Investoren an Erträgen zufließt, wenn sie im Besitz eines Aktien- oder Index-Fonds oder eines ETFs sind. Allerdings sollten Anleger, denen der Gesamtertrag wichtig ist, sicherstellen, dass sie einen thesaurierenden Fonds bzw. ETF halten. Aufgrund der zeitlichen Verzögerung zwischen Ausschüttung des Fonds und Wiederanlage der Eträge dürfte es dem Investor in einem ausschüttenden Fonds bzw. ETF kaum möglich sein, den TR zu "treffen".  

Allerdings wollen nicht alle Investoren die Dividenden und Zinserträge reinvestieren. Bei manchen helfen die Dividenden- und Zinszahlungen aus ihren Portfolios, den Lebensunterhalt zu bestreiten, weshalb sie diese Erträge nicht reinvestieren können. Für diese Investoren stellt der Total-Return-Ansatz die Leistung eines Index überzeichnet dar.

Tatsache ist allerdings, dass die Erträge aus Dividenden und Zinsen in der Vergangenheit die Gesamtrendite von Investoren stärker angetrieben haben, als das manch einer vermuten könnte. Ein aktuelles Beispiel. Betrachten wir die Entwicklung des S&P 500 im Jahr 2011. Die Kursentwicklung verlief in diesem Jahr im Wesentlichen flach. Der Index startete das Jahr bei 1.257 Punkten und beendete es auf exakt dem identischen Niveau.

Aufgrund der Dividendenzahlungen der im Index enthaltenen Werte lag aber der Total Return des Index bei 2,1%. Das bedeutet, dass alle Anleger, die einen der vielen Investmentfonds und ETFs halten, die den S&P 500 nachbilden, einen Gesamtertrag von rund 2% gesehen haben. Keine besonders hohe Rendite, aber deutlich besser als es der „PR“ vermuten lässt.

Nach Forschungsergebnissen von Ibbotson Associates hat der S&P 500 seit 1926 (einschließlich seiner Vorläufer) im Durchschnitt 9,98% pro Jahr zugelegt (bis zum 30. September 2013). Allerdings entfielen nur 5,72% auf die Aktienkursentwicklung, der Rest auf die Erträge. In den letzten Jahren hat der Kapitalzuwachs aus Erträgen eine noch größere Rolle beim Total Return gespielt. Während des letzten Jahrzehnts hat der Index eine durchschnittliche Rendite von 7,57% pro Jahr erzielt, davon entfielen 5,38% des Kapitalzuwachses auf Erträge (per 24. Oktober 2013).

Am Ende des Tages ist es reine Geschmackssache, ob man den PR- oder die TR-Variante eines Index bevorzugt. Wichtig ist dabei allerdings, Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen. Die gängigen Performance-Berechnungsmethoden für Fonds unterstellen immer eine Re-Investition der Zinsen und Dividenden. Fonds sind also quasi TR-Geschöpfe. Wird die Leistung eines Fonds gegen eine Price-Return-Variante der Fonds-Benchmark gemessen, verzerrt das seine Leistung. Ein derartiges Vorgehen dürfte heute allerdings kaum noch vorkommen, da es global verbindliche Performance-Darstellungs-Standards für die Fondsbranche gibt. Häufiger dürfte das Vereinnahmen der Dividenden durch Zertifikate-Anbieter sein, deren Produkte sich an Preis-Indizes orientieren.   

Komplikationen bei ausländischen Aktienindizes

Doch kommen wir zu den Indexkürzeln zurück. Eine Komplikation, die sich bei der Berechnung der Indizes ergibt, die ausländische Aktien abbilden, ist die Besteuerung der Dividenden im Ausland. Einige Länder halten Steuern auf Dividenden von Unternehmen zurück, die in ihren Rechtsraum fallen. Diese sogenannte Quellensteuer ist als eine Vorauszahlung auf etwaige Ertragssteuern des Steuerschuldners oder als Abgeltungssteuer konzipiert, was zu einer Vereinfachung führt, da man sich in dem Land nicht steuerlich registrieren lassen muss. Die ausländische Steuer kann unter bestimmten Umständen auf die Steuerschuld angerechnet werden. Mit einigen ausländischen Staaten besteht ein sogenanntes Doppelbesteuerungsabkommen, das dies regelt.

Das bedeutet jedoch für die Investoren, die im Besitz von Fonds und ETFs sind, die diese ausländischen Aktien halten, dass sie wahrscheinlich nicht in den vollen Genuss der Gewinne kommen, die diese Unternehmen ausschütten. Aus diesem Grund verwenden einige Indizes, die mit ausländischen Wertpapieren abgebildet werden, einen Netto-Dividenden-Ansatz, der die Wiederanlage der Nettodividendenzahlungen oder der Nettozinserträge nach Abzug von durchschnittlichen Quellensteuern berücksichtigt.

Der „Net Return“-Ansatz bzw. „Total Return Net“-Ansatz wird bei Morningstar mit „NR“ abgekürzt. Der Indexanbieter MSCI mit seinen vielen und intensiv genutzten Aktienindizes nutzt den NR-Ansatz. Doch es geht auch anders. Es gibt auch Indexvarianten, in denen die Quellensteuer nicht berücksichtigt wird. Indizes, die die Bruttodividenden als Grundlage verwenden, setzen die Wiederanlage der Dividenden ohne Abzug von Steuern voraus. Dieser Bruttorenditeansatz oder Gross Return-Ansatz wird bei Morningstar mit „GR“ abgekürzt. Der DAX 30 ist ein Beispiel für die Indexberechnungsmethode mit Bruttorenditeansatz. 

Weil ETF-Anbieter nicht vollumfänglich Quellensteuern für ihre Euro STOXX 50 ETFs zahlen, sind sie in der Lage, sich als Alpha-Jäger zu präsentieren. Der „NR“ macht es möglich.

Insgesamt sind „GR“-Indizes allerdings wenig verbreitet, was vermutlich der Grund für eine weit verbreitete Spielerei in der ETF-Industrie geworden ist. Da viele ETF-Anbieter überall im Euroraum vertreten sind, fungieren sie in den Euroländern als so genannte Steuerinländer. Sie sind deshalb in der Lage, über diesen Status einen Teil der Quellensteuern, die bei den Dividendenzahlungen der im Euro STOXX 50 vertretenen Unternehmen anfallen, bei den lokalen Behörden zurückzufordern. Nur dadurch sind meisten ETFs auf den Euro STOXX 50 in der Lage, den „PR“-Index komfortabel zu übertreffen. Eine derartige Outperformance wäre bei der „GR“-Variante des Standardwerte-Index der Eurozone indes nicht möglich.  

* Es handelt sich bei diesem Beitrag um eine stark überarbeitete Version eines Artikels, der auf morningstar.com erschienen ist. Hier gelangen Sie zu dem Artikel Spelling out Different Index-Calculation Methods

 

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich