Aktiv versus Passiv: Die endlose Fehde zweier feindlicher Brüder

Derweil der Erdrutsch in den USA weitergeht, halten in Europa aktiv verwaltete Fonds 2017 zumindest die Stellung. Perspektivisch spricht jedoch auch hierzulande alles für den Trend hin zu Indexfonds.

Ali Masarwah 27.01.2018

Die passive Herausforderung bleibt bestehen, aber dennoch bleibt zunächst festzuhalten, dass die vielen Meldungen über den Tod des aktiven Fondsmanagements im vergangenen Jahr doch arg übertrieben waren. Auch die "Aktiven" wurden 2017 mir vielen Mittelzuflüssen bedacht, und die steigenden Märkte haben das verwaltete Fondsvermögen in Europa auf einen Höchststand getrieben.

Aber was heute ist, muss nicht auch die Realität von morgen sein: Blickt man auf die Absatzbilanz durch die „Aktiv versus Passiv“-Brille im vergangenen Jahr, dann haben sich am europäischen Fondsmarkt zwei konträre Trends manifestiert. (Nein, kein Widerspruch, bitte weiterlesen!). Einerseits haben aktiv verwaltete Fonds nicht erneut ein Armageddon wie 2016 hinnehmen müssen, als Aktienfonds Abflüsse von über 73 Milliarden Euro hinnehmen mussten, derweil passive Aktienfonds Zuflüsse von knapp 30 Milliarden verbuchen konnten. 2017 sammelten aktiv verwaltete Aktienfonds sogar knapp 63 Milliarden Euro netto ein. Der von vielen erwartete, neuerliche Dammbruch ist also ausgeblieben. Wie gesagt, einerseits.

Andererseits wächst die Indexfondsbranche unaufhaltsam weiter. Das wird gerade am Beispiel des Aktienfonds-Segments deutlich. Hier gingen passiven Anlagefonds und ETFs 2017 Nettoneugelder in Höhe von gut 104 Milliarden Euro zu. Damit fiel das Neugeschäft der passiven Aktienfonds in Europa zum vierten Mal in Folge besser aus als das der aktiv gemanagten Pendants. Seit wir im Jahr 2007 anfingen, Fondsabsatzdaten auf Industrieebene in Europa zu erheben, haben Aktienindexfonds in acht von elf Jahren absolut gesehen höhere Zuflüsse als aktiv verwaltete Aktienfonds verzeichnet. Der Marktanteil der Index-Aktienfonds lag zum Jahresende 2017 bei 26,2% des gesamten europäischen Aktienfondsmarktes nach 24,8% im Vorjahr.

Marktanteil der passiven Fonds in Europa liegt bei 16 Prozent

Die Zurückdrängung des aktiven Managements blieb also auch 2017 ein wichtiges Merkmal des Fondsmarktes. Auch wenn nur im Aktienfondssegment die Absatzzahlen der passiven Fonds absolut gesehen über denen der aktiven liegt, so verzeichnen Indexfonds überall höhere Zuwachsraten. Die kombinierten Zuflüsse in offene Indexfonds und Exchange Traded Funds erreichten 2017 gut 162 Mrd. Euro, was einer organischen Wachstumsrate von 14,7% entspricht. Aktiv gemanagte Fonds verzeichneten dagegen Zuflüsse in Höhe von 526,4 Mrd. Euro. Das entspricht „nur“ einer Wachstumsrate von 8,5%.

Ohne Hinzurechnung von Geldmarktfonds steigerten passive Fonds ihren Marktanteil von 15,2% per Ende 2016 auf 16,0 % zum 31. Dezember 2017. Sogar im Rentenfondssegment, das fest in der Domäne der aktiven Manager bleibt, wuchsen Indexfonds organisch um 17,4%, gut vier Punkte mehr als bei der aktiven Konkurrenz. (Dennoch sollte man hier die Kirche im Dorf lassen: Indexfonds haben im Bond-Segment heuer nur einen Marktanteil von etwas über 12% nach 11,8% Ende 2016.)

In den USA setzt sich der Umbau des Fondsmarkts fort

Vollkommen anders sieht das Bild in den USA aus. Hier fand die massive Erosion der aktiven Industrie ihre Fortsetzung. Aus aktiv verwalteten Langfristfonds wurden knapp sieben Mrd. US-Dollar abgezogen, derweil passive Fonds Zuflüsse von gut 690 Mrd. Dollar verbuchten. Alleine Vanguard verzeichnete Netto-Neumittel von gut 345 Milliarden US-Dollar, iShares ging 203 Milliarden Dollar zu, und State Street sammelte netto knapp 34 Milliarden Dollar ein. Da konnte nur PIMCO USA einigermaßen mithalten -- vor allem Dank der PIMCO Income Strategie sammelte die Allianz-Tochter in den USA nett knapp 34 Milliarden Dollar ein. 

2017 mussten in den USA aktiv verwaltete Fonds zum dritten Jahr in Folge Abflüsse hinnehmen, während die Zuflüsse bei den „Passiven“ erneut zugenommen haben. Per Ende 2017 sank der Marktanteil aktiv verwalteter Fonds gegenüber dem Vorjahres-Ultimo von 65,9% auf 63,2%. Besonders dramatisch verlief das vergangene Jahr für die Obergruppe der US-Aktienfonds, die knapp 44% des gesamten US-Fondsmarkts ausmacht. Aus aktiven Fonds dieser Gruppe zogen US-Anleger 2017 knapp 198 Mrd Dollar netto ab, derweil passive US-Aktienfonds Zuflüsse von gut 222 Milliarden Dollar netto erzielten. Damit steckt inzwischen fast jeder zweite Dollar dieser Kategorie in passiven Fonds.

Fazit

Im Aktiv-Passiv-Wettstreit ist auch das vergangene Jahr an die Passiven gegangen. In Europa ist zwar eine Fortsetzung des Erdrutsches von 2016 ausgeblieben, aber Indexfonds haben erneut ihren Marktanteil spürbar gesteigert. In den USA findet derweil die Abstimmung der Anleger nach wie vor mit den Füßen statt: Den Aktiven laufen die Kunden davon, die Passiven gewinnen massiv an Zulauf.

Jenseits der alljährlich anstehenden Erbsenzählerei steht zu vermuten, dass das Wachstum der Indexfonds in Europa in den nächsten Jahren an Tempo gewinnen wird. Diese Prognose ist angesichts der regulatorischen Rahmenbedingungen (Stichwort: Mifid II), die vor allem den Vertrieb über Banken stark verändern werden, nicht gewagt. Die Beispiele Großbritanniens, der Niederlande und das der Schweiz stehen hier Pate. In diesen Ländern wurde der Provisionsvertrieb bereits stark zurückgedrängt infolge regulatorischer Veränderungen, die deutlich vor Mifid II in der EU gegriffen haben.

Die Konsolidierung in der Bankenlandschaft, die Verbreitung disruptiver Technologien in Gestalt automatisierter Vermögensverwaltungen und der verstärkte Markteintritt von Indexfondsanbietern dürften dafür sorgen, dass die Berichterstattung über den Fondsmarkt in Europa auch künftig eine spannende Aufgabe bleiben wird!

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.